"Detour Guide" von Karim Nagi

Wie durchbricht man Klischees?

Wie setzt man sich mit westlichen Klischees über die arabische Kultur intelligent und gleichzeitig unterhaltsam auseinander? Der ägyptische Percussionist Karim Nagi liefert mit seinem neuen Album "Detour Guide" die Antwort, ohne dabei in Polemik abzudriften. Richard Marcus stellt das Album vor.

Der Ägypter Karim Nagi ist mehr als ein Musiker. Tatsächlich ist er ein "Multimedia-Ein-Mann-Botschafter". Er führt Ausbildungsprogramme für arabischen Tanz und Musik in Schulen durch – und dies sowohl in traditionellem als auch in modernem Umfeld. Und obwohl seine Arbeit in erster Linie unterhaltsam ist, beabsichtigt er damit vor allem, die Klischees des Westens über die arabische Welt zu durchbrechen.

"Detour Guide" ist eine von Nagi geführte Reise durch diese arabische Welt. Von den Ursachen des Arabischen Frühlings, der wie ein Lauffeuer durch den Nahen Osten gefegt ist, bis hin zu den Bemühungen eines Immigranten, in Amerika zurecht zu kommen, nimmt er die Hörer mit auf einen unglaublichen und horizonterweiternden Trip. Er will nicht nur die Menschen über die lebendige arabische Kultur aufklären, sondern zeigt uns auch die anhaltenden Bemühungen der arabischen Welt im Kampf gegen kulturelle Stereotype.

Eine Ein-Mann-Band

Bis auf einen Song, "Heart Full of Cairo" ("Herz voll Kairo"), der von Pleasant Gehman verfasst und gesungen wurde, hat Nagi für alle Stücke seines aktuellen Albums den Text geschrieben und singt sie auch selbst. Die Musik ist eine Mischung traditioneller und modernerEinflüsse, und die Elektronik verbindet sich nahtlos mit den verschiedenen Trommeln und Ouds. Er mischt allerdings nicht nur verschiedene Musikrichtungen, sondern integriert auch Straßengeräusche und andere Effekte, um eine einzigartige Atmosphäre zu kreieren.

Auch wenn das Album in zwölf Titel unterteilt ist, stellt es doch in gewissem Sinne eine lange Soundcollage dar, wobei ein Stück in das nächste übergeht. Obwohl es beim ersten Hören etwas überwältigend klingen kann, und es schwer ist, einzelne Gedanken oder Ideen auseinander zu halten: Wenn man sich einfach zurücklehnt und sich entspannt auf diese musikalische Reise begibt, wird man unweigerlich in Nagis Klangwelten hineingezogen.

Wie alle guten Reiseführer beginnt er mit einer schwungvollen Einführung, "Take A Ride With The Detour Guide" ("Mach dich auf den Weg mit dem Reiseführer auf Umwegen"), einer Collage von Geräuschen und Musik, deren pulsierender Trommelrhythmus uns einen Vorgeschmack auf eine aufregende Reise gibt. Wie der Titel des Stückes und derjenige der CD bereits nahe legt, sollte man nicht darüber überrascht sein, unterwegs plötzlich die Richtung zu ändern und in unerwarteten Gegenden anzukommen.

Schon der Anfang dieser Reise wird uns nicht leicht gemacht. Es beginnt mit dem harten und satirischen "Your First Arab" ("Dein erster Araber"). Nach der Frage, wo wir wohl unseren ersten Araber getroffen haben ("Im Lebensmittelgeschäft seiner Familie?/An einer Tankstelle?/Oder in einer Arztpraxis?"), fragt sich Nagi dann, ob wir ihm "wichtige, aufregende Fragen von existenzieller Bedeutung gestellt haben wie .../Was ist das Geheimnis hinter feinem Hummus?/Wenn eine Frau ein Kopftuch trägt, ist das dann nicht zu warm?". Die Witze und die Stichelei hören dann aber auf: "Und dann endlich eine Frage, die es wert ist, beantwortet zu werden.../Warum haben in den verschiedenen arabischen Ländern alle zur gleichen Zeit revoltiert???".

Ein Fenster in die arabische Welt

Dies führt uns zum zweiten Stück des Albums, "Yalla Yalla", über die Aufstände des Arabischen Frühlings. Der Refrain lautet "Yalla Yalla/So Gott will/Von Kuwait bis Casablanca/stehen alle jungen Menschen auf./Zuerst in Tunis, dann in Kairo"). So einfach ist es allerdings nicht, und Nagi fasst kurz und bündig zusammen, wie sich diese Länder nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch Ein-Mann-Diktaturen zu Pulverfässern entwickelt haben, wo ein einziger Funke eine Explosion auslösen kann.

"Eines Tages in Tunis/Wurde ein Obstverkäufer durch seinen Obststand geprügelt./Er wollte kein Bestechungsgeld zahlen/Die Polizei nahm im seine Lizenz/Also nahm er seinen eigenen Körper und verbrannte ihn./Ganz Tunis hat den Rauch eingeatmet/und die Revolte geplant."

Im sechsten und siebten Stück des Albums, "ReOrientalism" ("ReOrientalismus") und "Oriental Magic Carpet" ("Orientalischer Zauberteppich") behandelt Nagi das Thema der westlichen Stereotypen über die arabische Kultur. (Tatsächlich ist das Thema auch noch in einigen anderen Songs präsent, aber in diesen beiden wird es frontal angegangen).

Nach einer Einführung in die verschiedenen Klischees über Araber durch die westliche Volkskultur endet "ReOrientalism" folgendermaßen: "Kannst du verstehen, wie sich die Faszination wandelt/von der Liebe zur Karawanenromantik/hin zu Terror und Profiling, alles hinter den Hufen eines Kamels?/Fantasie ist eine Art von Stereo-(typ)/Stereo, zwei Lautsprecher/Einer für jedes Ohr/Spielen sowohl Sehnsucht als auch Angst."

Das Fabelhafte an diesem Album ist, wie Nagi mit seinem wunderbaren Humor verhindert, dass es in simple Polemik abgleitet. Stücke wie "What Arabs Do For Fun" ("Was Araber zum Spaß tun") mit dem Text "Wir haben Spaß daran, in einem kleinen Raum über Politik zu reden/jemanden anzuschreien, der wahrscheinlich einer Meinung mit uns ist...wir mögen ein voll gepacktes Krankenhauszimmer mit allen, die wir kennen/um das Bett unseres geliebten, kranken Freundes herum." und "Baladi Tuktuk" mit "Er war ein Einwanderer in Amerika/und servierte Hummus in Dosen/es ist ein Witz, ein Witz/Also verlässt er Aladdins und kehrt zurück nach Kairo/Jetzt fährt er sein eigenes Tuktuk." zeigen uns, wie wir trotz unserer kulturellen Unterschiede dieselben Dinge wertschätzen und dieselben Sorgen haben.

"Wenn ich Hummus wäre"

Jedes Kind von Einwanderern wird seine Familie in diesen und anderen Songs auf "Detour Guide" wiedererkennen. Auch wenn es in diesem Album in erster Linie um die Probleme der Araber und ihre Darstellung in der Welt geht, kann sich jeder, der diese Art von Stigmatisierung durch Stereotypen selbst erfahren hat, leicht damit identifizieren, worüber Nagi singt.

Und schließlich geht es in diesem Album nicht darum, sich dafür zu schämen, wer man ist und woher man kommt. "If I Were Hummus" ("Wenn ich Hummus wäre") und "Heart Full of Cairo" sind Beispiele dieser Art von Stolz, der sich auf verschiedene Weise äußert. Das erste der beiden Stücke beendet Nagi mit den Versen "Auch als Amerikaner bin ich ein Araber/Du kannst Hummus auf dem Markt kaufen/aber mich nicht dafür bezahlen, dass ich vergesse". Im anderen Titel stellt er die Verse und die Stimme von Pleasant Gehman vor eine Kulisse von Straßengeräuschen aus Kairo. Es ist ein totales Eintauchen der Sinne in den Geist der Stadt, und wenn man genau hinhört, kann man die Hoffnungen und Träume der Menschen hören, die dort leben.

"Detour Guide" ist eine außergewöhnliche CD aus dem Geist und dem Herzen eines äußerst talentierten Künstlers. Sie stellt uns eine arabische Welt vor, die wir im Kino oder in den Fernsehnachrichten niemals sehen können. Nagi hat trotz aller Ecken und Kanten ein liebevolles Porträt geschaffen, das sich wohl jeder, dem die Welt etwas bedeutet, anhören sollte.

Richard Marcus

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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