Der Westen und der Islam

Tausendundein Vorurteil

Südlich und nördlich des Mittelmeers schreiben sich Menschen unzählige negative Eigenschaften zu. Denkanstöße für ein besseres Verständnis von Hassan Hanafi, Professor für Philosophie an der Universität von Kairo

Hassan Hanafi; Foto: Mohamed Masad/DW
Hassan Hanafi: "Können die beiden Seiten des Mittelmeers gleichwertige Partner werden?"

​​ Die nördliche und die südliche Mittelmeerküste sind Wiegen uralter Zivilisationen. Spannungen zwischen diesen Regionen beruhen häufig auf Fehlwahrnehmungen. Die Nordseite denkt über die Südseite, diese sei ein Ort des Terrorismus, der Gewalt und des Blutvergießens, eine Wurzel des 11. September und der Bombenanschläge von London und Madrid. Der Islam habe eine dem Christentum, der Religion des Friedens und der Liebe, entgegengesetzte Kultur der Gewalt hervorgebracht. Diese falsche Wahrnehmung basiert auf einem reduktionistischen Fehlschluss, der das Ganze auf einen Teil verkürzt. Denn der Islam hat auch Juwelen der Geschichte wie Granada, Sevilla oder Cordoba auf der Nordseite des Mittelmeers entstehen lassen.

Der Andere gilt als Teil des eigenen Selbst

Die Südseite wird außerdem gemeinhin als unterentwickelte oder bestenfalls in Entwicklung begriffene Region eingestuft. Und dies nicht nur hinsichtlich ihrer Wirtschaft, Gesellschaftspolitik und Kultur, sondern auch in Bezug auf ihre Frauen, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. ​​Auch dies ist ein Fehlschluss, war doch im Mittelalter die Südseite mit Fes, Kairouan und Kairo wegbereitend in Wissenschaft und Kultur und die Nordseite lernte vom Süden.

Ferner glaubt man im Norden, die Südseite lehne das Andere ab – nach innen die Nichtmuslime und nach außen hin die Abendländer. Sie opfere den Dialog dem Monolog. Sie habe eine Kultur hervorgebracht, die auf Ausgrenzung statt auf Integration beruht. Dies sei der Grund für die ständigen Spannungen zwischen Religionen und Ethnien.

Ibn Sina (Avicenna); Foto: DW
Wissenstransfer von Süd nach Nord: Der Der Philosoph, Arzt, Mathematiker, Mineraloge, Geologe und Dichter Ibn Sina verfaßte über 300 Schriften. Sein Kanon der Medizin war über Jahrhunderte das verbreiteste medizinische Werk.

Dabei ist der Islam eine Religion des Friedens. Er würdigt die Vielfalt der Schöpfung und der Menschen. Der Andere gilt als Teil des eigenen Selbst. Des Weiteren stelle die Südseite für die Nordseite durch die legale und illegale Einwanderung von Arbeitskräften eine Bedrohung dar. Kopftücher, muslimische Männerkleidung oder Moscheen gefährden, so meint man, die Identität Europas. In jeder europäischen Stadt gebe es muslimische Bezirke, die ihren eigenen Gepflogenheiten und Gesetzen folgten. Dies aber gilt für alle religiösen und ethnischen Minderheiten.

Kultur mit doppelter Moral?

Aber auch die Südseite nimmt den Norden zum Teil falsch wahr, hält ihn für kolonialistisch und imperialistisch. Vom griechischen und römischen Reich über die Kreuzzüge des Mittelalters bis in die Zeiten des modernen Kolonialismus habe die Nordseite ihre Grenzen weiter vorgeschoben. ​​ Die westliche Kultur basiere auf Macht statt auf Gerechtigkeit, auf Beherrschung statt Befreiung. Zumindest handele es sich um eine Kultur mit doppelter Moral: Kultur, Befreiung, Gleichheit, Gerechtigkeit, Fortschritt und Wissenschaft nach innen und Beherrschung, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Rückschrittlichkeit und Unwissenheit nach außen.

Kreuzzug im heiligen Land: die Einnahme Jerusalems 1099; Foto: dpa
Zerrbild vom ewigen Machterweiterungsdrang des Nordens seit den Kreuzzügen des Mittelalters bis in die Zeiten des modernen Kolonialismus.

Die Frage ist: Kann es einen neuen Universalismus jenseits des Eurozentrismus geben? Die Nordseite, so meint man im Süden außerdem, beute Reichtümer, Rohstoffe und Arbeitskräfte aus und dominiere die Märkte auf der Südseite.

Dies zeige sich in Multinationalismus, Globalisierung und einer unipolaren Ordnung. Viel wurde und wird über die "Ausplünderung" der "Dritten Welt" geschrieben. Der Westen habe Afrika, Asien und Lateinamerika mehr genommen als gegeben. Die Frage ist: Können die beiden Seiten des Mittelmeers gleichwertige Partner werden? Das Wertesystem auf der Nordseite, so denkt man im Süden, sei materialistischer, positivistischer und relativistischer. Es beruhe eher auf Wandel als auf Beständigkeit. Idealismus sei eine Neufassung des alten Glaubens.

Kann es eine universale Ethik geben?

Der "kategorische Imperativ" sei von der Situationsethik abgelöst worden. Abtreibung, Homosexualität, Nacktkultur, Egoismus und Eigeninteresse seien gängige soziale Praktiken jenseits der Moral. Die Frage ist: Kann es eine universale Ethik geben? Die Weltsicht der Nordseite sei im Namen des Humanismus rationalistisch, säkular und sogar atheistisch. Sie neige zu Skeptizismus, Agnostizismus und Nihilismus. Postmoderne und Dekonstruktivismus seien zwei Symptome einer Krise des Abendlandes, die von Max Scheler als Umsturz der Werte, von Henri Bergson als Maschine zur Erschaffung von Göttern und von Oswald Spengler als Untergang des Abendlandes beschrieben worden ist.

Die Frage ist: Wird die kulturelle Führungsrolle vom Westen an den Osten übergehen?

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

© KULTURAUSTAUSCH II /2009 H

Hassan Hanafi wurde 1935 in Kairo geboren. Nach seinem Bachelor in Philosophie 1956 studierte er zehn Jahre an der Sorbonne in Paris. Seit 1966 arbeitet er als Professor für Philosophie an der Universität von Kairo, seit 1983 ist er Vizepräsident der Arabischen Philosophischen Gesellschaft.

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Leserkommentare zum Artikel: Tausendundein Vorurteil

kommen derzeit tausende Menschen in den Norden, warum eigentlich?
Abstimmung mit den Füssen?
Warum sind die arabischen Länder nicht das Ziel?
Hanafi lamentiert wie im arabischen Rsum üblich und bietet keinerlei Lösungen an - wie üblich.
PS: Ibn Sina als "Symbol" für eine "arabische" Blütezeit im Mittelalter ist ein typischer Fehlgriff: Der Mann war Perser!
Und übrigens fast der einzige Moslem dieses "Goldenen Zeitalters". Alle anderen waren Juden, Christen oder gar Buddhisten.

Gong Doe08.11.2014 | 21:38 Uhr