Der Streit um die Burka in Frankreich

Verlust der eigenen Deutungshoheit

Die strikte Ablehnung der Burka durch Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat im ganzen Land eine kontroverse politische Debatte ausgelöst, die sehr an das Jahr 2004 erinnert, als man über die Präsenz religiöser Symbole an öffentlichen Schulen stritt. Von Kersten Knipp

Burka tragende Frau in Frankreich, Foto: dpa
Irritationen bei Frankreichs Politikern: Abgeordnete mehrerer Fraktionen plädierten für einen Parlamentsausschuss, der klären soll, ob die Burka von Musliminnen freiwillig oder unter Zwang getragen wird.

​​ Es war eine seltene Allianz, die sich im französischen Parlament auftat. Einmütig erklärten der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der Abgeordnete der Kommunistischen Partei Frankreichs, André Gérin, dass die Burka in Frankreich nicht willkommen sei.

Frauen, die die Burka trügen, seien "Gefangene hinter Gittern", sagte Sarkozy, während Gérin das Kleidungsstück als "wandelndes Gefängnis" bezeichnete. Und Gérin verlangte sogar die Einrichtung einer Untersuchungskommission – ein Begehren, das bislang 58 Abgeordnete aus allen Parteien unterstützen.

Die in den Medien geführte Diskussion erinnert an die Debatte des Jahres 2004, als man über die Präsenz religiöser Symbole in den öffentlichen Schulen des Landes stritt. Im Zentrum stand dabei das Tragen des Kopftuches, das schließlich per Gesetz verboten wurde.

Allerdings wird in der aktuellen Diskussion darauf verwiesen, dass Burka einerseits und Kopftuch oder Schleier andererseits nicht miteinander zu vergleichen seien. Es gebe eine gewaltigen Unterschied: Während Kopftuch und Schleier zumindest das Gesicht der Trägerin erkennen ließen, verschleiere die Burka die Identität einer Person vollkommen.

Man müsse in der Öffentlichkeit aber wissen, mit wem man es zu tun habe. Auch bei Hochzeiten müsse die Identität der Frau klar erkennbar sei.

Eros der Freiheit

Im Vordergrund stehen nach Auffassung des Soziologen Jean Bauberot darum weniger das laizistische Staatsverständnis Frankreichs als die Frage nach der öffentlichen Ordnung eines demokratischen Landes. Das öffentliche Leben werde schwieriger, wenn einige ihrer Teilnehmer nicht zu erkennen seien.

Mit seinem Hinweis versuchte Bauberot die Debatte auf ein sachlicheres Niveau zu bringen – von dem aber fraglich ist, ob es der kontroversen Debatte standhalten wird. Denn die Burka und auch der Niqab, der das gesamte Gesicht mit Ausnahme der Augen verhüllt, sind signifikante, auffällige Symbole.

In aller Deutlichkeit markieren sie die Präsenz eines Weltbildes, mit dem sich die meisten Franzosen schwer tun. Ihr Befremden ist verständlich. Denn das Selbstverständnis jeder Gesellschaft drückt sich nicht nur in zwar starken, aber auch recht abstrakten Einrichtungen wie ihrer Verfassung oder Rechtsprechung aus, sondern auch in ihren Symbolen.

Und gerade zur Burka ließe sich kein stärkerer Gegensatz denken als Marianne, die Marianne, die nationale Ikone des laizistischen Frankreichs.

​​ Deren bis heute bekanntestes Bild schuf 1830 der Maler Eugène Delacroix: Das gewaltige Gemälde – es misst 260 x 325 cm – zeigte die nach vorne stürmende Marianne, den rechten Arm in den Himmel gereckt, in der Hand die Fahne der Republik, und in der linken Hand ein Gewehr mit Bajonnet.

Das Oberteil ist ihr von den Schultern gerutscht und gibt den Blick auf die Brust frei – eine konkrete Inszenierung des Eros der 1789 errungenen Freiheit, ein Werk, das die Franzosen schätzen wie kein anderes.

Zudem versöhnt sich die halbnackte Marianne auch mit dem Feminismus, stürmt sie doch über einen Haufen am Boden liegender getöteter Kämpfer.

Die Symbolik dieses Bildes könnte zu derjenigen der Burka in kaum größerem Gegensatz stehen: Hier die selbstbewusste, furchtlose Frau an der Spitze ihrer (männlichen) Mitkämpfer – und dort die vollständig abgeschirmte sowie wehrlose und darum den Blicken der Männer entzogene Muslima.

Uneinigkeit der Muslime

Zugleich zeigt die Debatte um die Burka, wie vielfältig und unterschiedlich die rund fünf Millionen in Frankreich lebenden Muslime sind. Während die Vertreter zahlreicher muslimischer Verbände die Debatte als weiteren Beleg für die Ablehnung des Islams nehmen, unterstützen andere die Forderung nach einem Verbot der Burka.

Dalil Boubakeur; Foto: dpa
Der Rektor der Pariser Moschee, Dalil Boubakeur, meint, dass das Tragen der Burka keine religiöse Vorschrift sei, jedoch gegen die republikanischen Ideale und die Würde der Frau in Frankreich verstoße.

​​ Der Koran spreche an keiner Stelle vom Niqab oder der Burka, erläutert der Islamwissenschaftler Mohamed-Cherif Ferjani. Und auch Dalil Boubakeur, der Direktor der großen Moschee von Paris, verwies darauf, dass die Burka weder islamische Pflicht noch Tradition sei.

Die für Stadtentwicklung zuständige Staatssekretärin Fadela Amara, Gründerin der Frauenrechtsbewegung "Ni putes ni soumises" ("Weder Huren noch Unterworfene"), unterstützte das Verbot. Die Burka sei das "deutliche und sichtbare Zeichen der Fundamentalisten und Islamisten", weshalb man es im Namen der Demokratie und der Frauen unterbinden müsse.

Verhaltener äußerte sich Mohammed Moussaoui, der Präsident des französischen Islamrates ("Conseil français du culte musulman"). Es wäre besser gewesen, man hätte eine Diskussion über die derzeitige Entlassungswelle begonnen, die hunderttausende Menschenbetreffe. Allerdings, fügte er hinzu, sei das Tragen der Burka keine religiöse Pflicht und außerdem eine seltene muslimische Tradition.

Postmoderne Zersplitterung

Ihre Fortführung findet die Debatte auf den Internetseiten der großen Tageszeitungen. Ist die Burka tatsächlich ein von Männern aufgezwungenes Symbol der Frauen? Viele Kommentatoren, darunter auch Musliminnen – und unter ihnen wiederum auffällig viele zum Islam konvertierte ethnische Französinnen – bezweifeln es.

Sie versichern, dass sie die Burka aus freien Stücken trügen. Andere verweisen darauf, dass es sich um eine Scheindebatte handle, die von den eigentlichen Problemen des Landes ebenso ablenke wie von den Problemen der Muslime selbst – vor allem deren oft schwieriger wirtschaftlicher Situation.

Mohammed Moussaoui; Foto: dpa
Nach Auffassung des Präsidenten des französischen Islamrates, Mohammed Moussaoui, sei die Burka in Frankreich lediglich ein gesellschaftliches Randproblem.

​​ Insgesamt zeugt die Debatte um die Burka von den Problemen vieler postmoderner westlicher Gesellschaften: Nach Jahrzehnten von Frieden und Wohlstand erscheint die republikanische Verfassung relativ abstrakt, verbindet sich nicht mehr ganz so offensichtlich und selbstverständlich mit den politischen und ökonomischen Verheißungen wie etwa in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit.

Eine bislang weitgehend homogene, im Wesentlichen durch linke und rechte, konservative und moderne Milieus strukturierte Gesellschaft beginnt zu zersplittern, löst sich in verschiedene Milieus und Subkulturen auf.

Eine gesellschaftliche Alternative stellt – vor allem für die Konvertiten – der Islam dar. Und die gebürtigen Muslime ihrerseits treffen auf eine Gesellschaft, die nicht nur um ihre Symbole, sondern auch und vor allem um ihren Wohlstand bangt.

Dadurch verliert diese Gesellschaft einen Teil ihrer Attraktivität. Umso anziehender wirken die subkulturellen Milieus – darunter eben auch die der Religionen.

Ambivalenter Charakter der Debatte

So zeigt die Diskussion in Frankreich, was sich derzeit auch im globalen Maßstab andeutet: Der Westen verliert seine Deutungshoheit. Seine Maßstäbe und Vorgaben setzen sich nicht mehr wie selbstverständlich durch.

Statt wie in der Vergangenheit auf Macht ist er nun immer mehr auf das bessere Argument angewiesen. Das wird in Frankreich auch in der Diskussion um die Burka gebraucht. Sie mag westlichen Augen fremd, rückständig, frauenfeindlich erscheinen.

Was aber, wenn die Frauen selbst es anders sehen? Zweifelsfrei ausgeschlossen ist das ja nicht. Und dass leicht bekleidete Frauen das Maß aller Dinge wären, ist auch im Westen längst nicht ausgemacht.

So wird die französische Debatte derzeit auf doppelter Ebene geführt: Einerseits darf und muss der Staat verlangen können, dass die Identität der Bürger im Öffentlichen Leben zweifelsfrei erkennbar ist. Andererseits steht Frankreich, das Land der Aufklärung, vor der Frage, ob es seine Bürger auch dann aufklären darf, wenn die gar nicht aufgeklärt werden wollen.

Kersten Knipp

© Qantara.de 2009

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