Der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taïa

Ernüchterung und ein Hauch von Nostalgie

Der bekennende homosexuelle Schriftsteller und Filmemacher Abdellah Taïa spricht über seinen jüngsten Roman, sein schmerzhaftes Coming Out und die Frage, ob er jemals nach Marokko zurückkehren wird. Nahrain Al-Mousawi hat den Autor getroffen.

"Un pays pour mourir" ist der Titel des neuen Romans von Abdellah Taïa. Er handelt von einer marokkanischen Prostituierten, einem nach der Wiederwahl von Ahmadinedschad im Jahr 2009 ins Exil gezwungenen schwulen Iraner und einem transsexuellen Algerier. Alle treffen in Paris aufeinander. Im Gespräch erinnert sich der Autor an seinen ersten Tag in dieser Stadt: "Ich sah die Prostituierte – eine ältere marokkanische Frau – und ich dachte mir, das könnte ich sein."

Taïa identifizierte sich auf Anhieb mit dieser Frau, denn sie war vermutlich nicht nur in Marokko eine Außenseiterin (wie er), sondern wurde auch in Paris zu einer solchen. An dem Ort also, der für ihn stets als Epizentrum der Menschenrechte galt – seit seiner Kindheit im marokkanischen Salé bis zum Jahr 2000, als er nach Paris zog, um sich dort dem Studium der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts zu widmen.

"Un pays pour mourir" – ein "Land zum Sterben" – ist eine marokkanische Redewendung, die die Enttäuschung über das eigene Land zum Ausdruck bringt. Ein Land, das sich weniger zum Leben eignet als vielmehr dazu, einfach auf den Tod zu warten.

Die Charaktere in Taïas Roman fühlen sich in Paris – der mutmaßlichen Wiege der Menschenrechte – ebenso zurückgestoßen wie in ihrer Heimat, aus der sie einst flohen. Ohne zurück zu können und ohne in ihrem neuen Umfeld Wurzeln schlagen zu können, stranden sie irgendwo zwischen beiden Polen. In "Un pays pour mourir" gebärdet sich Paris gegenüber seinen gebrochenen und im Exil entwurzelten Charakteren als kaltes, rassisches Niemandsland.

Postkoloniales Erwachen

Die von Taïa empfundene Ernüchterung über Europa gibt zu denken. In seinem jüngsten Roman erzählt er von der Einsamkeit und der Wanderschaft der Marginalisierten, der Vergessenen und der Ausgestoßenen im postkolonialen Frankreich – das ironischerweise für den Schutz der Menschenrechte so geachtet wird. Dass genau diese Menschen aus den ehemaligen Kolonien Frankreichs geflohen sind, ist selbstverständlich kein Zufall.

Französische Ausgabe des neuen Romans von Abdellah Taïa: "Un pays pour mourir"; Quelle: Seuil-Verlag
"Un pays pour mourir" – ein "Land zum Sterben" – ist Abdellah Taïas neuer Roman und eine marokkanische Redewendung, die die Enttäuschung über das eigene Land zum Ausdruck bringt. Er handelt von einer marokkanischen Prostituierten, einem nach der Wiederwahl von Ahmadinedschad im Jahr 2009 ins Exil gezwungenen schwulen Iraner und einem transsexuellen Algerier, die alle in Paris aufeinander treffen.

In seinem Werk und in den über ihn verfassten Profilen erscheint Europa im Vergleich mit Marokko als nebelhafter, verschwommener Ort der Selbstgenügsamkeit, der in düsteren Anekdoten als zu voreingenommen, zu repressiv und zu beklemmend wirkt.

Sein erstes Buch "L'armée du salut" (Heilsarmee), bei dessen Verfilmung er erstmals Regie führte, handelt vom sexuellen Erwachen des jugendlichen Protagonisten, als sich dieser in einsamen Straßen mit Männern trifft; stets von der Angst vor Entdeckung getrieben, da Homosexualität in Marokko illegal ist und mit Haftstrafen geahndet werden kann. Europa erscheint am Schluss des Romans wie die Aussicht auf Begnadigung: Zehn Jahre später hat sich der Protagonist in der Schweiz von den strengen Fesseln der marokkanischen Gesellschaft befreien können (denkt aber immer noch nostalgisch an sein Heimatland).

Der Titel des Romans verweist auf diesen Bogen, der Rettung verspricht: Die Heilsarmee gewährte ihm bei seiner Ankunft in Genf Unterkunft und Verpflegung. Das markierte den Anfang seines Lebens im Exil, noch bevor er nach Frankreich ins Land seiner Träume zog.

Der Mut, anders zu sein

Doch der Autor der Erzählungen und Romane "L'armée du salut", "Une mélancolie arabe", "Mon Maroc", "Le Rouge du Tarbouche" und schließlich "Le jour du Roi", der ihm 2010 den renommierten Prix de Flore einbrachte, scheute sich nie vor der Schilderung erniedrigender Szenen, schmerzhafter Details und unbequemer Wahrheiten.

"L'armée du salut" verweist auf seine Kindheit und Jugend in Marokko, dreht sich aber nicht nur um sexuelles Erwachen, sondern auch um die sexuelle Schwärmerei für seinen 20 Jahre älteren Bruder und um die komplexe Beziehung zu Mutter und Schwestern, die ihn als verweichlichten Stubenhocker verspotteten. "Une mélancolie arabe" folgt den Spuren seiner Kindheit im Armenviertel von Salé – im Schatten der marokkanischen Hauptstadt Rabat – und weiter zu einer tragischen Romanze in Paris, macht aber nicht Halt vor Details über den als Kind erlittenen sexuellen Missbrauch.

"Liebe ist kein Verbrechen": Demonstration in Rabat im Juli 2015 nach einem tätlichen Angriff auf einen Homosexuellen; Foto: picture-alliance/dpa/A. Senna
Proteste gegen die Verfolgung von Homosexuellen in Marokko: wenigen Monaten hatten zwei marokkanische Schwule zu vier Monaten Haft verurteilt. Der Grund: Für ein Foto vor einer historischen Stätte in Rabat standen sie zu eng beieinander, was gegen den öffentlichen Anstand verstoßen habe. Einen Monat später ging die Nachricht vom Übergriff eines homophoben Mobs auf einen Mann in Fez durch die Presse.

Für den einzigen bekennenden schwulen Schriftsteller und Filmemacher aus Marokko war der Coming-Out-Prozess nicht einfach. Nach seinem Bekenntnis durchlebte er nicht nur eine schwierige Zeit mit seiner Familie, sondern fand auch kaum Unterstützung in der Öffentlichkeit.

Viele Menschen schlossen sich den Anfeindungen an. "Ich wurde als gesellschaftlicher Außenseiter abgestempelt", so Taïa. "Jemand, der kein Marokkaner ist, der nicht zur selben Gesellschaft wie die übrigen Marokkaner gehört." Gab es überhaupt jemanden, der öffentlich zu ihm stand? "Journalisten", sagt er. Marokkanische Journalisten hätten ihn verteidigt, während sich alle anderen abwandten, berichtet Taïa.

Mittlerweile stellt sich die Situation in Marokko etwas anders dar. Er wird anerkannt. Allerdings seien die einfachen Leute auf der Straße bisweilen immer noch hin- und hergerissen: "Einerseits sehen sie in mir einen schwulen Mann. Andererseits sehen sie in mir einen der ihren. Ich gehöre zu ihnen. Sie erkennen in mir jemanden, der nicht Teil der Oberschicht ist." Darauf frage ich: "Wie können die das erkennen?" "Sie erkennen es einfach", so Taïa. "Sie sehen es mir an."

Rechte für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in Marokko?

Auf die Frage, ob er vorhabe, jemals nach Marokko zurückzukehren, antwortet er überraschend: Er könne sich das später einmal vorstellen. Dabei wurden erst wenige Monate zuvor zwei marokkanische Schwule zu vier Monaten Haft verurteilt. Der Grund: Für ein Foto vor einer historischen Stätte in Rabat standen sie zu eng beieinander, was gegen den öffentlichen Anstand verstoßen habe. Einen Monat später ging die Nachricht vom Übergriff eines homophoben Mobs auf einen Mann in Fez durch die Presse.

55 Juristen aus verschiedenen Regionen des Landes – darunter viele Vertreter marokkanischer Menschenrechtsverbände – boten dem Opfer rechtliche Unterstützung an. "Human Rights Watch" veröffentlichte einen Bericht, der die homophobe Hetze marokkanischer Offizieller anklagt und zur Entkriminalisierung von Homosexualität in dem Königreich aufruft.

Für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle mag Marokko zuweilen ein menschenfeindlicher Ort sein, aber man darf sich fragen, was die Zukunft in Marokko bringen wird. Immerhin sind die Romane von Taïa bereits im örtlichen Buchhandel erhältlich. Sein Film "L'armée du salut" wurde auf den nationalen Filmfestspielen in Tanger gezeigt. Mittlerweile gilt die Forderung nach Durchsetzung der Menschenrechte in Marokko auch für Schwule. Hoffen wir, dass die Wirklichkeit diesem Ideal bald entspricht.

Nahrain al-Mousawi

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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