Der libanesische Schriftsteller Rashid al-Daif

Schreiben gegen Gedächtnisverlust

Trotz seines literarischen Wandels stehen dem libanesischen Schriftsteller Rashid al-Daif die einstigen Schrecken des Bürgerkriegs in seiner Heimat noch immer deutlich vor Augen. Katja Brinkmann berichtet über Leben und Werk des Autors.

​​Libanon 1979, West-Beirut: Vor vier Jahren ist der Bürgerkrieg ausgebrochen, palästinensische Milizen herrschen über den westlichen Teil der Stadt. Raschid al-Daif fährt an diesem Tag zur Libanesischen Universität und hält seine Lehrveranstaltung ab. Ein Student hält ihn kurz auf, dann fährt er nach Hause. Er ist schon fast angekommen, als eine schwere Explosion die gesamte Stadt erschüttert.

Al-Daif lässt seinen Wagen stehen, läuft durch die Trümmerlandschaft vor seinem Haus, hinauf zu seiner Wohnung. Überall Glas. Die Wohnungstür hat sich verzogen, er tritt sie ein. Auch innen überall Scherben auf dem Boden. Ambulanzen und dann die Miliz vor der Tür. Ein gelber Golf war mit Hilfe einer ferngesteuerten Zündung gesprengt worden, als Ali Hassan Salameh in einer Wagenkolonne vorbeifuhr.

Salameh gehört zu den palästinensischen Hauptverantwortlichen für die Geiselnahme der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen in München 1972 und hatte deren blutiges Ende überlebt. Kurz danach wurde er im Zusammenhang mit der Entführung einer Lufthansa-Maschine freigelassen. Für die Explosion in Beirut, bei der zehn Personen starben und zahlreiche verletzt wurden, ist wahrscheinlich der israelische Geheimdienst verantwortlich.

Ein Kampf jeder gegen jeden

"Der Wagen war mir morgens aufgefallen, ich bin noch um ihn herumgegangen und hatte hineingeschaut. Sie hätten die Bombe jederzeit sprengen können. Die Ereignisse des 22. Januar 1979 haben für mich das Faß zum Überlaufen gebracht. Wir waren damals Kommunisten." Der Krieg war dann aber kein Kampf von Arm gegen Reich, sondern von Arm und Reich gegen Reich und Arm. "Palästinenser bekämpften sich untereinander, Syrer kämpften mit Palästinensern gegen Christen, dann mit Christen gegen Palästinenser. Schließlich die Christen untereinander und gegen die Drusen, alle miteinander und gegeneinander – wer sollte das verstehen?" Fast schon zynisch aber wahr: "Am Ende haben wir über die gelacht, die versucht haben, die Zustände zu analysieren."

Was geschah, entzog sich der Analyse. "Ich konnte nur versuchen, die Realität zu beschreiben. Literatur ist ein gutes Mittel, um darüber zu sprechen, was geschieht", meint al-Daif. Schreiben wurde immer wichtiger. "Schreiben war ein Ausweg aus dieser Not im Krieg. Man weiß nie, warum etwas geschieht. Es geschieht etwas. Und darüber schreibe ich. Ich schreibe über Personen, die existieren."

Schreiben im Angesicht des Todes

Zwischen 1983 und 1992 erscheinen drei Gedichtbände, ein Kinderbuch und fünf Romane. Beirut wird bei israelischen Bombenangriffen stark zerstört. Al-Daif zog sich bei einem Granatenangriff schwere Verletzungen zu. In dem Roman Ausgeliefert zwischen Schläfrigkeit und Schlaf schildert der Ich-Erzähler eine Todeserfahrung: "Sechs Männer. Ich kann mich an nichts erinnern. Ich war auf der Stelle tot. Sie töteten mich - aus Angst vor mir. Ganz bestimmt. Sie hatten Angst vor mir, also töteten sie mich. 'Er ist tot!' – das ist es, was sie sagten. Sie packten mich in einen Plastiksack und brachten mich zum nächsten Milizposten ... Meine Eltern aber wollten nicht glauben, dass ich die Leiche war."

Al-Daif schreibt schonungslos, detailliert und streng subjektiv. Dieser Roman gilt als der sublimste literarische Kommentar zum libanesischen Bürgerkrieg.

Eine Art literarische Vergangenheitsbewältigung

1991, nach Kriegsende, kehrt al-Daif in seine alte Wohnung zurück. Von da an ist es kein Schreiben mehr unter dem Eindruck der Ereignisse. Die Straße vor seiner Wohnung wird umbenannt und eine Generalamnestie erlassen. Auf den staatlich verordneten Gedächtnisverlust reagiert al-Daif 1995 mit einem fiktiven Roman-Brief an den japanischen Nobelpreisträger Yasunari Kawabata. "Ich habe Kawabata gewählt, weil er tot war. Er hatte sich 1972 umgebracht. Das Nichts hat ihn angezogen. Und weil er weder aus dem Westen noch aus dem Nahen Osten stammte."

Mit dem Roman Lieber Herr Kawabata, der als einziger seiner Romane in einer ausgezeichneten deutschen Übersetzung vorliegt, gelingt al-Daif dann 1995 auch international der Durchbruch. Der briefschreibende Rashid erzählt seinem japanischen Adressaten sehr persönlich aus seiner Biographie: von der Ankunft der Moderne in seinem kleinen maronitisch-christlichen Dorf im Nordlibanon (im Gewand des Weltbildes Galileis im Geographieunterricht oder der Radiosendungen über Gagarins Weltumrundung).

Von den Folgen der tribalen Fehden der Bewohner und seiner Studienzeit in Beirut während des Krieges, zu dritt in einem Vierbettzimmer bis zu seiner Verletzung im Krieg. Seitdem hat al-Daif vier weitere Romane geschrieben, die zeigen, welchen Spannungen die libanesische Gesellschaft heute zwischen Tradition und Moderne ausgesetzt ist. In Learning English wird der Leser in den inneren Monolog eines Beiruter Literaturprofessors hineingezogen, der glaubt, für seinen Vater Blutrache üben zu müssen, um dann von seiner Mutter, die Analphabetin ist, über die neuerliche Existenz von Gerichten belehrt zu werden.

Auf der Suche nach Offenheit und Verständigung

In seinem Roman Zum Teufel mit Meryl Streep geht es um eine arrangierte Ehe, bei der SIE vom westlichen Frauenbild beeinflußt ist und ER ganz den orientalischen Ehemann verkörpert. Al-Daif sagt über diese humoreske Erzählung: "Ich möchte nun einfache Romane schreiben, tiefgründig sollen sie sein und amüsant. Ich schreibe nie viel, immer etwa 150 Seiten. Ich feile sehr stark an den Texten, und in der Haltung, dass auch ein Leser in Vietnam mich verstehen kann." Nachdem alles zerstört worden ist, sei es an der Zeit gewesen, bei sich selber anzufangen, meint al-Daif.

"Im Libanon hat es im Krieg eine Inflation der Märtyrer gegeben. Ich möchte nicht schlecht über sie reden. Es ist aber notwendig, dass wir den Toten Fragen stellen, was passiert ist. Das ist eine unmögliche Forderung, aber die einzige Lösung. Ich rufe dazu auf, Angst zu haben. Angst zu haben bedeutet Respekt vor der Menschlichkeit, vor dem Individuum und vor dem Leben."

Katja Brinkmann

Der Artikel ist zuerst in der Berliner Stadtzeitung "Scheinschlag" erschienen Raschid al-Daif war im Nobember/Dezember 2003 auf Einladung des Projekts "West-östlicher Diwan" zu Gast in Deutschland. Im Rahmen dieses Projekts werden Autoren aus Deutschland und dem Nahen und Mittleren Osten miteinander bekannt gemacht.

Rashid al-Daif wurde 1945 in Ehden, in der Nähe von Beirut, geboren und ist heute Dozent für Arabische Literatur an der Libanesischen Universität in Beirut.

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