Der libanesische Bürgerkrieg

Erinnern und Verarbeiten

Am 30. Jahrestag des Ausbruchs des libanesischen Bürgerkriegs initiierte die libanesische Organisation Umam D&R ein Projekt zur kollektiven Erinnerung für Jugendliche. Bernhard Hillenkamp sprach mit Teilnehmern und Verantwortlichen.

Teilnehmer des Workshops; Foto: Bernhard Hillenkamp
Was geschah am 13. April 1975, dem offiziellen Beginn des libanesischen Bürgerkriegs? 25 Jugendliche gingen auf Spurensuche.

​​Das arabische Wort Umam bedeutet "Nationen", D steht für Dokumentation, R für Research. Da der Name Programm ist, lud Umam 25 Jugendliche dazu ein, sich über ihre Erinnerung an den libanesischen Bürgerkrieg miteinander auszutauschen und diesen Austausch zu dokumentieren. Der Workshops wurde vom Goethe-Institut in Beirut sowie der Frankfurter Organisation MEDICO International unterstützt und fand in Harat Hraik, einem südlichen Vorort Beiruts, statt.

Während des Bürgerkriegs war dieser südliche Vorort nicht nur für westliche Ausländer, sondern auch für christliche Libanesen off-limits. Hier hatte die Hizbullah das Sagen, und wie in anderen Regionen des Libanon auch mussten die "Anderen" – in diesem Fall die Christen – den Stadtteil verlassen. Fünfzehn Jahre später ist vieles anders. Am 13. April 2005, dem Jahrestag des Ausbruchs des Bürgerkriegs, betraten einige Jugendliche zum ersten Mal ein Haus in Harat Hraik. Vier Mal trafen sie sich dort, um sich über den Krieg und die Sicht auf den "Anderen" auszutauschen.

Keiner hat gewonnen und keiner wurde besiegt

Im Libanon sind interkonfessionelle Kontakte mittlerweile begrenzt. Vor dem Krieg lebten die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften Seite an Seite, doch der Krieg brachte konfessionelle Säuberungen mit sich, in deren Folge sich geschlossene Siedlungsgebiete mit Mehrheitsbevölkerungen gebildet haben. Die Formel des Zusammenlebens nach einem Bürgerkrieg, wie er im Libanon stattgefunden hatte, lautet: Keiner hat gewonnen und keiner wurde besiegt, "die Guten" und "die Bösen" gibt es nicht. Das bringt Probleme mit sich, und die Wahrheit(en) bleiben oft auf der Strecke.

Jeder erzählt seine Version vom Krieg. Die umstrittenen Teile dieser Geschichte sind in der Öffentlichkeit Tabu. Oft sind die Perspektiven der anderen Seite nicht einmal bekannt. Mit einer Einwegkamera und einem Aufnahmegerät wollten der deutsche Journalist Philipp Abresch, den das Goethe-Institut Beirut eingeladen hatte, und die libanesischen Trainer dieser Situation zu Leibe rücken. Die 14-19-jährigen Teilnehmer des Workshops sollten dokumentieren, was in ihren Familien und Stadtvierteln an jenem Tag geschehen war, als der Bürgerkrieg ausbrach.

Die Interviews, die die Jugendlichen mit Nachbarn und der Familie aufzeichneten, präsentierten sie dann im Workshop. Philipp Abresch hatte schon im Irak Kinder und US-Soldaten aufgefordert, mit Einwegkameras ihre Umgebung zu fotografieren. Diesmal ist es jedoch nicht die Gegenwart, sondern die Geschichte, die thematisiert werden soll. Die "Kinder sollen ermutigt werden, sich mit den Mitteln der partizipativen Fotografie, mit Einwegkameras und Diktiergeräten, in ihren Familien auf Spurensuche zu begeben", so Abresch. Die Interviews und Bilder fielen recht unterschiedlich aus und wurden letztendlich zur Nebensache. Häufig wurde weniger der Krieg als die Identität der Jugendlichen in Bild und Ton festgehalten. Die Teilnehmer aus Ain al-Rumaneh fotografierten auffallend viele christliche Symbole. Die Palästinenser portraitierten die Armut in den Flüchtlingslagern.

"Wir reden normal miteinander, obwohl wir uns hassen"

"Vor allem an den beiden ersten Workshoptagen", so einer der Betreuer, "setzten alle eine Maske auf". Am dritten Tag stellte sich ein gewisses Einfühlvermögen ein. Die Sprache war anfänglich kriegerisch, man sprach von "die" und "wir". Ein Abbild der Gesellschaft, das durch gemeinsame Arbeit ein Stück in Frage gestellt wurde. Nicht Sympathie, aber immerhin ein Empathie konnte sich während des Workshops entwickeln. Die Jugendlichen stellten Fragen, nicht nur nach dem Krieg und den Ursachen, sondern auch nach dem "Anderem".

"Wir haben uns aneinander gewöhnt und reden normal miteinander, obwohl wir uns wegen der Geschichte hassen", sagte eine Teilnehmerin. "Man kam zusammen und hat sich ehrlich ausgetauscht. Das ist schon viel", berichtet Kamal Shayya, der die Jugendlichen betreute. "Es muss weitergehen", so die Meinung der meisten Teilnehmer. Mohammed möchte Breakdance von Bashir lernen. "Klar bringe ich Dir das bei", sagt Bashir lächelnd und verabschiedet sich. Aber ob der Teen aus dem christlichen Teil Beiruts ins Flüchtlingslager Ain el-Hilweh kommen wird, ist eher fraglich.

Der Dialog hat viele Hindernisse, der Workshop und die Initiative von Umam hat 25 Jugendliche vier Tage lang zusammengeführt, sie haben gesprochen über das kontroverse Thema Krieg und vor allem ihre Identität. Dies ist immer noch eine Ausnahme im Libanon.

Bernhard Hillenkamp

© Qantara.de 2005

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