Der Künstler Michael Buthe

"Mein inneres Marrakesch"

Arabischer Prinz, Zauberer, Zeremonienmeister und Reisender zwischen den Welten: Michael Buthe (1944–1994) gehört zu den schillerndsten Figuren der deutschen Kunstszene und lebte in den 1970er Jahren zwischen Köln und Marrakesch. Natalie Göltenboth stellt den Künstler vor.

"Es begab sich vor einigen Jahrhunderten eine gar wunderbare Begegnung in Samarkand, welches von einem weisen König beherrscht wurde, der die Künste großzügig und wohlwollend an seine Hof förderte…", schreibt Buthe in seiner Hommage an einen Prinzen aus Samarkand 1977. Diese Märchenwelt korrespondiert mit der gleichnamigen Rauminstallation, die man wie eine Schatzkammer aus Tausendundeiner Nach betritt: ein duftendes rötlich schimmerndes Interieur aus schweren Stoffen, Feder- und Glitzerobjekten und einer wie zufällig hier abgestellten goldenen Sonnenscheibe.

In diesem 1977 im Kunstmuseum Düsseldorf inszenierten Innenraum konnte man verweilen, versinken oder tastend, riechend, fühlend weiterspielen, umhüllt von einer einladenden sinnlichen Welt, befreit von Sachzwängen, rentablen Überlegungen und anderen Hirngespinsten westlichen Erwachsenseins.

Zwischen Köln und Marrakesch

Michael Buthes Werk kreiert eine vitale narrative Atmosphäre, in der Farben, Zeichen und Fundstücke aus den Alltagswelten eigener und fremder Kulturen zu mythischen Sinnbildern und Spielwelten arrangiert werden. Farben, Zeichen und Formen entführen in die Welt des "Michel de la Sainte Beauté", wie sich der zuweilen exzentrisch im Federputz auftretende Buthe selbst nannte.

Ab den 1970er Jahren lebte dieser zwischen Köln und Marrakesch und wurde ebenso wie sein Zeitgenosse Joseph Beuys als Wanderer zwischen den Welten verstanden. Auch in der Münchner Ausstellung im Haus der Kunst fordern Stoffbilder, Zeichnungen, Assemblagen und Rauminstallationen dazu auf, sich auf die Reise zu begeben, einen inneren Orient aufzutun – an dem sich der Sehnsuchtsraum des Künstlers als Spielfläche anbietet.

In der Installation Taufkapelle mit Mama und Papa, die Buthe 1984 für seine Ausstellung Inch Allah im Stedelijk Museum in Gent kreierte, bildet ein mit Wachs überzogener großer Quader das Zentrum. Auf seiner Oberfläche liegt –wie in einem Taufbecken – flüssige goldene Farbe auf. Drum herum wurde ein offener, mit expressiv-farbig bemalten Paravents, Pappen und Alltagsgegenständen abgetrennter Raum gezogen. Ritualraum, religiöses Feld aber auch improvisierte Spielfläche, auf der die Objekte als Überreste einer Handlung zurückgeblieben sind. In jedem Fall umgibt die Installation die Aura des Prozesshaften, Improvisierten, die dem Betrachter Freiheit lässt.

Viele der Arbeiten Buthes sind prozesshaft gedacht, sind Relikte seiner Installationen und Rituale oder wurden über Jahre hinweg weiterentwickelt. Zum Beispiel die Arbeit Boulli Africaa: ein aus verschiedensten Objekten des Afrikanischen Kontinents sich zusammensetzendes Arrangement, dessen Ausgangsbasis ein paar Schuhe waren, die Buthe von einem Freund aus dem Senegal geschenkt bekam.

Sehnsuchtsorte und Spielkammern des Orientalischen

Angesichts der zuweilen üppigen, oft auch kontemplativ-meditativen, immer aber exotischen Bildsprache des Künstlers, stellt sich die Frage nach der Art der Verarbeitung des "Orientalischen" in Buthes Werk.

Der amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said stigmatisierte den Orient als ein Geschöpf, das den ureigenen westlichen Fantasien und Abwehrstrategien entsprungen war. Künstlerischer Abwehrzauber, gegen die als zwingend rational und gewaltsam erlebte Alltagswelt des Okzident, ist bei Michael Buthe sicher ein Motiv, doch sowohl in seinen orientalischen Selbstinszenierungen, als auch in der Intensität seiner bildnerischen Vorgehensweise wird deutlich, dass Buthe das Fremde als Bestandteil der eignen Position versteht.

Und so sind es seine höchst eigenen Rituale, Zeichen und Sterne, aus denen Michael Buthe sich seine Kosmologie zimmert und malt. Diese Kosmologie ist nicht nur exotisch, sie vertritt auch ein Wertesystem in dem Spiritualität, Spiel und der Umgang mit dem Unvorhersagbaren zu Potenzialen des Menschlichen erklärt werden.

Erforschung des eigenen Seins

Dass es ihm vor allem um die Erforschung und das Ausloten des eigenen Seins geht, wird in Buthes letzter großer Rauminstallation deutlich. In den 14 Kupferplatten der Die Heilige Nacht der Jungfräulichkeit erscheint der Mensch als mysteriöses Wesen, eingespannt zwischen dem "Voraugenblick des Gezeugtwerdens und dem Nachaugenblick des Ersterbens des Lichts."

Hier wird Buthe sichtbar als ein Künstler, dem es um Spiritualität und religiöse Praxis zu tun ist – jenseits exotischer Attitüden. Diese Erfahrungen sind verknüpft mit den Reisen des Künstlers ins Herz eines inneren wie realen erlebten Marrakeschs.

Natalie Göltenboth

© Goethe-Institut 2016

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