Der israelische Regisseur Samuel Maoz

"In Israel werde ich als Verräter beschimpft"

Sein Film "Foxtrot" machte Schlagzeilen: positive auf Filmfestivals wie Venedig, negative in Israel. Im Interview mit Sarah Judith Hofmann spricht der Regisseur Samuel Maoz über israelische Traumata, den Holocaust und Drohungen im Netz.

Die erste Szene in "Foxtrot" hat es in sich. Sie zeigt Eltern, die erfahren, dass ihr Kind tot ist. Es ist der wohl schrecklichste Moment, den Eltern, egal wo auf der Welt, erleben können. Inwiefern ist die Geschichte, die Sie erzählen, dennoch spezifisch israelisch?

Samuel Maoz: Wenn dein Kind Dienst in der israelischen Armee leistet, braucht es nur ein Klopfen an der Tür. Du öffnest, siehst einen Offizier, eine Soldatin und einen Arzt und du weißt, was passiert ist. Sie brauchen kein Wort zu sagen. Vor diesem Moment hat jeder Israeli Angst. Denn jeder junge Mann und jede junge Frau hier muss Militärdienst leisten.

Haben Sie einen solchen Moment in Ihrer Familie erlebt?

Maoz: Es gibt eine persönliche Geschichte zu dieser Szene, aber sie geht anders: Als meine älteste Tochter zur Schule ging, war sie immer zu spät dran und wollte, dass ich ihr ein Taxi rufe. Eines Morgens wurde ich wirklich wütend und sagte, sie müsse den Bus nehmen. So wie alle anderen auch. Zwanzig Minuten nachdem sie gegangen war, hörte ich im Radio, dass ein Terrorist sich im Bus der Linie 5 – den sie nehmen musste - in die Luft gesprengt und Dutzende Menschen getötet hatte. Ich versuchte, in der Schule anzurufen, aber das Kommunikationsnetz war zusammengebrochen. Eine Stunde später kam sie nach Hause. Sie hatte den Bus nur um ein paar Sekunden verpasst, ihn noch an der Haltestelle gesehen, war gerannt, hatte gewunken, aber er war abgefahren. Sie hatte den nächsten Bus genommen.

Wissen Sie, ich war Soldat im Libanon-Krieg und habe in blutigen Schlachten gekämpft. Aber diese Stunde war die schlimmste meines Lebens. In "Foxtrot" wollte ich diese Kluft erkunden, zwischen Dingen, die wir kontrollieren und jenen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Das steht im Zentrum der Gefühlsebene des Films. Aber es gab auch eine weitere Motivation für den Film.

Filmszene aus "Foxtrot" des Regisseurs Samuel Maoz; Foto:
"Unsere Gesellschaft produziert eine traumatisierte Generation nach der nächsten": Der israelische Filmemacher Samuel Maoz hatte bereits mit seinem kriegskritischen Debüt "Libanon" 2009 den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen. In seinem neuen Film "Foxtrot" widmet er sich dem Tod eines Soldaten und den Brüchen im Selbstbild der Israelis.

Welche?

Maoz: Ich muss ausholen und auf meinen ersten Spielfilm zurückkommen, "Libanon". Es ist meine persönliche Geschichte als Panzerschütze. Bildlich ist er aus der Perspektive aus dem Panzer heraus erzählt, emotional aus der Perspektive des 20-jährigen Kindes, das ich damals war. Ein Kind, das nie zuvor Gewalt erlebt hatte und das sich eines Morgens mitten in der Hölle in blutigen Schlachten wiederfand und Menschen tötete. Ich wusste damals, es gab keinen Ausweg, sonst würde ich heute nicht hier sitzen. Und doch fühlte ich mich schuldig, für das, was ich getan hatte - das gilt noch heute. Ich war nie in psychologischer Behandlung, aber ich weiß, dass ich hinterher wohl unter einer posttraumatischen Belastungsstörung litt.

War der Film Ihre Art von Therapie?

Maoz: Das war nicht die Motivation, aber ein überraschendes Nebenprodukt des Films. Ich spreche in "Libanon" zwar über mich persönlich, aber nachdem der Film herausgekommen war, wurde mir klar, dass ich gar nicht so allein war, wie ich all die Jahre gedacht hatte. Die israelische Gesellschaft hat viele Versionen meiner selbst hinterlassen, zu viele. Also fragte ich mich, warum verhalten wir - die israelische Gesellschaft - uns so, wie wir es tun? Das ist die große Frage in "Foxtrot".

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