Der "Islamische Staat"

Kenne deinen Feind

Über seine jüngsten Feinde, die Dschihadisten des "Islamischen Staates", die mehr als "nur" religiöse Extremisten sind, mangelt es dem Westen offenbar an Wissen und Expertise. Mit einem ausschließlich militärischen Angriff auf die Miliz ist es in jedem Fall nicht getan, meint der arabische Publizist Abdel Bari Atwan in seinem Essay.

Während die USA gegen den "Islamischen Staat" die Luftangriffe auf Rakka – die Hauptstadt des selbsternannten Dschihadisten-Kalifats – verstärken und Großbritannien ein intensiveres militärisches Engagement in Erwägung zieht, muss endlich über die Effektivität dieser Bombardierungen dicht besiedelter Gebiete nachgedacht werden. Schließlich führen die Luftangriffe zu noch mehr Toten und Verwundeten unter der Zivilbevölkerung, deren Häuser und Infrastruktur in Schutt und Asche gelegt werden.

Ist es nach 14 Jahren in Afghanistan und zehn im Irak (ganz zu schweigen von den Drohneneinsätzen im Jemen und in Pakistan) nicht offensichtlich, dass eine militärische Lösung unmöglich ist? Um "Herz und Verstand" der Menschen zu gewinnen, sind solche Missionen kontraproduktiv. Eher treiben sie die moderaten Muslime in die Arme der Extremisten.

Ich habe den Eindruck, dass es vieles gibt, was der Westen über seinen neuesten Feind noch nicht weiß. Daher einige Gedanken zu der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat":

Der IS hatte sich zunächst im Irak und in Syrien en masse, andernorts, d.h. vom Sinai über Libyen bis Afghanistan, in kleinen Enklaven immer weiter ausgebreitet. Mit Anschlägen in Tunesien, Kuwait und Frankreich hat er sich zunehmend als fähig erwiesen, auch außerhalb seines Territoriums zuzuschlagen. Es ist offensichtlich, dass der "Islamische Staat" ein völlig anderer Gegner – ein unendlich gefährlicherer – als all seine Vorgänger darstellt, einschließlich Al-Qaida.

"Wir haben noch immer keine Strategie gegen den IS"

Momentan wird eine lebhafte Debatte darüber geführt, ob die westlichen Medien den Begriff "Islamischer Staat" überhaupt verwenden sollten. Manche argumentieren, dies würde ihm eine Art von Legitimität verleihen. Doch diese Diskussion zielt am wirklichen Thema vorbei, da der IS schon jetzt in vielerlei Hinsicht einen Staat etabliert hat. Wie man diesen nun genau bezeichnen möchte, ist völlig unerheblich.

Laut internationalem Recht sind die Kriterien darüber, was einen Staat ausmacht, relativ einfach. In der Konvention von Montevideo über die Rechte und Pflichten von Staaten aus dem Jahr 1933 heißt es, eine Entität könne sich dann zum Staat erklären, wenn sie über ein klar abgegrenztes Territorium, eine dort dauerhaft ansässige Bevölkerung und eine Regierung verfügt, die in der Lage ist, über die Bevölkerung, ihre Gebiete und ihre Ressourcen Autorität auszuüben. Die Anerkennung durch andere Staaten stellt dabei keine notwendige Voraussetzung dar.

Der "Islamische Staat" regiert momentan in Syrien und im Irak über ein Gebiet von der Größe Großbritanniens und weist eine Bevölkerung von etwa zehn Millionen Menschen auf. Er verfügt über eigene Armee- und Polizeieinheiten, über ein eigenes Rechtssystem und ein jährliches Haushaltsbudget von mindestens zwei Milliarden US-Dollar. Aktuelle Umfragen legen den Schluss nahe, dass er in der arabischen Welt die Sympathie von Millionen von Menschen genießt.

Buchcover "Islamic State: The Digital Caliphate" von Abdel Bari Atwan, Verlag: Saqi Books
Abdel Bari Atwan ist Chefredakteur der Nachrichten- und Meinungsseite "Rai al-Youm" und Verfasser von mehreren Büchern über den islamischen Extremismus, darunter sein neuester Titel 'Islamic State: The Digital Caliphate', erschienen bei Saqi-Books.

Es liegt mir fern, das Wirken einer gewalttätigen und intoleranten Gruppierung in irgendeiner Art und Weise zu entschuldigen. Mein Punkt ist aber, dass der Westen die Gefahr unterschätzt und noch keine Wege gefunden hat, wie er ihr begegnen kann. Vor Kurzem gab Präsident Obama offen zu: "Wir haben immer noch keine Strategie". Und trotzdem waren seine Kampfflugzeuge täglich über Syrien und dem Irak im Einsatz. Ein Krieg ohne Strategie ist bestenfalls unverantwortlich.

Der Aufstieg der neuen Dschihadisten

 Der IS ist nicht aus dem Nirgendwo entstanden. Er ist das jüngste Kind der globalen salafistisch-dschihadistischen Bewegung, insbesondere anti-amerikanischer Richtung, die auf Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri im Jahr 1996 zurückgeht. Ein explizites Ziel dieser Bewegung besteht darin, das Kalifat wieder einzuführen und es im gesamten Nahen Osten, in Teilen Afrikas und in großen Teilen Asiens sowie Südeuropas zu verbreiten.

So gern wir es auch glauben möchten: Dies ist keine leere Rhetorik. Niemand im Westen hat Osama bin Laden ernst genommen – bis zum 11. September. Und die Gelassenheit gegenüber dem IS ist noch sträflicher, da seine Kämpfer bereits ganze Städte wie Mossul und Rakka eingenommen und Ölfelder unter ihre Kontrolle gebracht haben. Außerdem hat der IS durch die Gründung neuer grenzüberschreitender Wilayats (Provinzen) die irakisch-syrische Grenze praktisch aufgelöst.

Die Reaktion auf diese Entwicklung ist immer gleich: der Wunsch, dieses Gebilde mit Bomben zum Teufel zu jagen. Doch die Annahme, militärische Überlegenheit könne gegen den IS zum Sieg führen, hat sich nicht nur als falsch erwiesen, sondern ist wahrscheinlich sogar eine direkte Ursache für dessen Aufstieg.

Al-Qaida hatte damals einen festen Bezugsort, nämlich die Höhlen im afghanischen Tora Bora (wo ich 1996, wie in meinem ersten Buch The Secret History of al-Qaeda beschrieben, mit Osama bin Laden drei Tage lang verbrachte). Als die USA sich für die Anschläge vom 11. September rächen wollten, kannten sie den Aufenthaltsort der Al-Qaida-Führer, konnten die Organisation aber trotz ihrer bunkerbrechenden Bomben nicht zerstören.

Hätte es das Pentagon damals dabei belassen, hätten wir heute wohl auch keinen IS, den Nachfolger von Al-Qaida, der nun an die südlichen Tore Europas klopft. Es war der 2003 von den USA angeführte Einmarsch im Irak, der die Terrororganisation neues Leben einhauchte und ihre Ziele so populär machte. Bis 2004 änderte sich die Organisation zu "Al-Qaida im Irak", später dann, unter der Führung des blutrünstigen Abu Musab al-Zarqawi, nannte sie sich "Islamischer Staat im Irak" (ISI).

Iraker nicht als Menschen wahrgenommen

Genau wie Al-Qaida wird auch der IS von vielen Muslimen als Kämpferbund gegen die "Kreuzritter" wahrgenommen, deren Ziel es ist, die muslimischen Länder zu erobern und ihre Ressourcen auszuplündern. Und während der Westen die Gewalt, die strengen Gesetze und die Unterdrückung der Frauen durch den IS beklagt, sind sich viele Menschen in den muslimischen Welt der Scheinheiligkeit bewusst, die dahinter steckt: Sie erinnern sich an den Tod Hunderttausender Iraker, Afghanen, Jemeniten und Pakistanis durch US-amerikanische Bombardierungen und Drohnenangriffe sowie die Folter und den Missbrauch muslimischer Gefangener in US-Haftanstalten wie Abu Ghraib, wo Waterboarding und "rektale Rehydration" (anale Penetration mit einem Wasserschlauch) zum Alltag gehörten.

Auch erinnern sie sich an die Gruppenvergewaltigung und den Mord an der 14-Jährigen Abeer Qassim durch fünf US-Soldaten, von denen einer, Steven Green, während seiner Anklage vor Gericht sein Verhalten damit erklärte, er habe "die Iraker nicht als Menschen wahrgenommen".

Die extreme Gewalt und die sadistischen Taten des IS schreien zum Himmel. Sie sichern ihm eine umfassende Berichterstattung in den Medien, ängstigen seine Feinde und geben seinen fanatischen Anhängern ein Gefühl von Allmacht.

Immer wieder in der Geschichte der Menschheit haben Eroberungsarmeen derartiges Verhalten an den Tag gelegt: Denken wir an Dschingis Khan; die Ermordung von Millionen Osteuropäern, Juden, Behinderten, Sinti und Roma sowie Homosexuellen durch die Nazis; und die US-Verbrechen von My Lai im Vietnamkrieg, wo Leutnant William Calley die Vergewaltigung und den Mord von fünfhundert Frauen und Kindern anordnete. (Interessanterweise ergaben Meinungsumfragen, dass sich die meisten Amerikaner sogar gegen eine Bestrafung Calleys aussprachen). Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden 170 Millionen Bürger von ihren eigenen Regierungen getötet, davon 62 Millionen allein im Zeitraum von 1917 bis 1987 in der UdSSR.

Gewalttaten sind Teil der Strategie des IS – eine bewusst geplante Politik, die erstmals vor zehn Jahren in einem salafistisch-dschihadistischen "Traktat" mit dem Titel Das Management der Grausamkeit beschrieben wurde. In der Zwischenzeit versuchen die westlichen Regierungen, ihren eigenen Beitrag zur Etablierung des IS und seiner überwältigenden und obszönen Gewalt zu verschleiern, ebenso wie ihre Unfähigkeit, ihm Einhalt zu gebieten oder ihn gar zu vernichten.

Aus vielen Medienberichten lässt sich die Einschätzung entnehmen, dass es sich bei den Kämpfern lediglich um "Extremisten" handele und daher wohl weniger gefährlich seien oder eine geringere Bedrohung darstellen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Was kann ein normaler Soldat gegen jemanden ausrichten, der in der Schlacht sein "Märtyrertum" sucht und deshalb keine Angst vor Verletzungen oder dem Tod hat?

Der Extremismus gedeiht, weil die Ursachen nicht bekämpft werden

Iraqi prisoner in the American-run Abu Ghraib prison, Iraq (photo: picture-alliance/dpa)
Schatten der Vergangenheit: Während der Westen die Gewalt, die strengen Gesetze und die Unterdrückung der Frauen durch den IS beklagt, sind sich viele Menschen in den muslimischen Welt der Scheinheiligkeit bewusst, die dahinter steckt: Sie erinnern sich an den Tod Hunderttausender Iraker, Afghanen, Jemeniten und Pakistanis durch US-amerikanische Bombardierungen und Drohnenangriffe sowie die Folter und den Missbrauch muslimischer Gefangener in US-Haftanstalten wie Abu Ghraib.

Neben der Invasion und Besatzung Afghanistans und des Irak ist auch die Palästinafrage noch immer ungelöst. Die meisten westlichen Regierungen erwecken den Anschein, sie würden die israelische Regierung, ihre Siedlungspolitik, ihre Gewalt gegen die Menschen im isolierten Gaza und ihre Missachtung internationalen Rechts weiterhin fraglos billigen. Und auch wenn eines Tages der Nahostkonflikt nicht mehr an oberster Stelle der arabischen Tagesordnungen stehen sollte, bleibt doch weiterhin ein gewaltiger Missstand bestehen. Viele Menschen mögen einen Hauch von Schadenfreude empfunden haben, als IS-Kämpfer vor einiger Zeit an der Grenze zum Gazastreifen einen ägyptischen Grenzposten überwältigten und sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schließlich darüber beschwerte, dass der IS nun auch an Israels Grenzen klopfe.

Missachtung internationalen Rechts

Neben der Invasion und Besatzung Afghanistans und des Irak ist auch die Palästinafrage noch immer ungelöst. Die meisten westlichen Regierungen erwecken den Anschein, sie würden die israelische Regierung, ihre Siedlungspolitik, ihre Gewalt gegen die Menschen im isolierten Gaza und ihre Missachtung internationalen Rechts weiterhin fraglos billigen. Und auch wenn eines Tages der Nahostkonflikt nicht mehr an oberster Stelle der arabischen Tagesordnungen stehen sollte, bleibt doch weiterhin ein gewaltiger Missstand bestehen. Viele Menschen mögen einen Hauch von Schadenfreude empfunden haben, als IS-Kämpfer vor einiger Zeit an der Grenze zum Gazastreifen einen ägyptischen Grenzposten überwältigten und sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schließlich darüber beschwerte, dass der IS nun auch an Israels Grenzen klopfe.

Trotz der Forderungen nach mehr "Demokratie" waren die westlichen Regierungen nach den Revolutionen in Tunesien und Ägypten auf die Wahlsiege der Islamisten über die liberalen Kräfte nicht vorbereitet. Als der im Sommer 2012 gewählte ägyptische Präsident Mohamed Mursi von der Muslimbruderschaft schließlich durch einen Militärputsch entmachtet wurde, kamen aus Washington, London oder Paris keinerlei Beschwerden oder Interventionsdrohungen.

Aus dieser Angst vor dem Islamismus entstand sowohl der Raum als auch die Faszination für den militanten Extremismus. Dasselbe geschah bereits 1990 in Algerien, als die Islamisten bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen zwar gewannen, aber danach von der Armee, unterstützt durch Frankreich und die USA, mit Gewalt daran gehindert wurden, ihre Ämter einzunehmen. Die Folge war ein langjähriger blutiger Bürgerkrieg, der schließlich zur Entstehung von Al-Qaida im islamischen Maghreb führte.

Der IS feiert sein einjähriges Bestehen in Mossul; Foto: picture-alliance/AP
Siegeszug der Dschihadisten in Mossul: Die IS-Miliz hatte im Sommer 2014 große Gebiete in Syrien und im benachbarten Irak erobert. Die irakische Armee hingegen erlebte 2015 bittere Niederlagen gegen die Dschihadisten. Als der IS im Sommer 2014 auf die nordirakische Metropole Mossul vorrückte, rannten die Soldaten einfach weg. Im letzten Jahr verlor Bagdads Militär zwischenzeitlich die westirakische Provinzhauptstadt Al-Ramadi an die Extremisten.

Die sektiererischen Spannungen, die in der ganzen Region zur Destabilisierung und zur militärischen Frontenbildung geführt haben, sind in gewissem Umfang auch das Produkt externer Einmischung. Hierzu genügt ein Blick in den Irak: Vor der US-geführten Invasion und Besatzung von 2003 gab es im Irak kaum Sektierertum, und unter meinen irakischen Freunden befanden sich auch zahlreiche sunnitisch-schiitische Paare.

Guter Schiit, böser Sunnit

Paul Bremer, der nach der Invasion 14 Monate lang über den Irak herrschte, löste zu dieser Zeit die irakische Armee auf – die damals wie heute die angemessenste und effektivste Waffe gegen die Extremisten gewesen wäre. Bremer hat sich kaum bemüht, die komplexen Machtstrukturen des Landes zu verstehen. Und er hatte auch keine Ahnung davon, in welchem Maße diese Machtstrukturen durch Stammesloyalitäten und nicht durch Religionszugehörigkeiten geprägt waren.

Stattdessen traf Bremer alle wichtigen Entscheidungen auf der Grundlage eines starren sektiererischen Modells, das von der falschen Annahme ausging, der ehemalige irakische Präsident Saddam Hussein und die höheren Amtsträger seines Regimes (sowie seiner Baath-Partei) seien allesamt Sunniten gewesen. Wenn die Sunniten also schlecht sind, so scheint er geglaubt zu haben, müssen wohl die Schiiten alle gut sein. Tatsächlich jedoch waren die Mitglieder der Baath-Partei mehrheitlich Schiiten, ebenso wie ein Drittel der Personen, die von den USA vor der Invasion am stärksten gesucht wurden.

Die aufgelöste irakische Armee war bereits vor Saddams Machtübernahme gegründet worden. Sie war streng nationalistisch ausgerichtet. Und im Gegensatz zu Bremers Überzeugung gab es dort einen großen Anteil schiitischer Generäle. Verbittert über ihre Behandlung durch Bremer schlossen sich viele sunnitische Befehlshaber den Aufständischen an und nahmen dabei ganze Brigaden mit sich. Diese ehemaligen Elitesoldaten spielen bei den verheerenden militärischen Erfolgen des "Islamischen Staates" heute eine führende Rolle, indem sie Kämpfer ausbilden, die Militärstrategie planen und Einheiten des Geheimdienstes leiten.

Sarkawis Al-Qaida im Irak (später ISI) konnte die sektiererischen Spannungen und den sunnitischen Widerstand gegen die auf Diskriminierung setzende und von den USA unterstützte schiitische Regierung schnell für sich ausnutzen. Der Irak stürzte in ein blutiges Chaos – ein idealer Nährboden für extremistische Gruppen.  In Afghanistan, wo nach dem Bürgerkrieg rivalisierende Kriegsherren regierten, wurden die Taliban von den Menschen zunächst willkommen geheißen, da sie ein gewisses Maß an Recht und Ordnung garantierten. Im Irak und in Syrien, wo die Zentralregierungen heute vor dem Scheitern stehen, wird der IS von jenen, die nicht vor ihm geflohen sind, vorsichtig willkommen geheißen, und durch die einflussreichen und kriegerischen sunnitischen Stämme erheblich unterstützt.

Auch die bereits erwähnte Schwäche der nationalen irakischen Armee, deren Brigaden bei vielen Angriffen des IS in Scharen davonliefen, darf nicht ignoriert werden. Die Regierung in Bagdad und ihre westlichen Unterstützer haben sich beim Kampf gegen die Extremisten zu sehr auf schiitische Milizen verlassen, die für ihre Gräueltaten unter der Zivilbevölkerung ebenfalls bekannt waren.

Schiitische Milizen im Irak; Foto: Getty Images/AFP/A. Al-Rubaye
"Auch die Schwäche der nationalen irakischen Armee, deren Brigaden bei vielen Angriffen des IS in Scharen davonliefen, darf nicht ignoriert werden. Die Regierung in Bagdad und ihre westlichen Unterstützer haben sich beim Kampf gegen die Extremisten zu sehr auf schiitische Milizen verlassen, die für ihre Gräueltaten unter der Zivilbevölkerung ebenfalls bekannt waren", moniert Abdel Bari Atwan.

Trotz offizieller Beteuerung des Gegenteils werden die extremistischen Gruppen von Saudi-Arabien und den Golfstaaten sowie auch von Teilen der US-amerikanischen und britischen Eliten massiv unterstützt. Dies ist für Politiker in London und Washington ein Dilemma, auf das sie reagieren, indem sie sich auf "moderate" islamistische Gruppen konzentrieren und auf interne Kämpfe zwischen dem IS und Gruppen wie Al-Qaida, Al-Nusra oder den Taliban hoffen.

Dass die US-amerikanische und europäische Außenpolitik – die ausschließlich ihre Eigeninteressen in Hinblick auf die Kontrolle strategischer Standorte verfolgt – viel an Glaubwürdigkeit zu wünschen übrig lässt, lässt sich wohl kaum verbergen.

Lokale Faktoren

Natürlich haben auch zahlreiche lokale Faktoren zum Erfolg des "Islamischen Schurkenstaates" beigetragen haben, ebenso wie dessen eigene Strategie und Planung. Der IS verwendet ein Bezirksmodell namens Wiliyat, innerhalb dessen jede Provinz über eine semiautonome Lokalregierung verfügt. Dies bedeutet, dass die örtliche Bevölkerung ihre Wirtschaft mithilfe von Schura-Räten effektiv selbst steuern kann, was in ihrem eigenen Interesse liegt und sie zur Loyalität gegenüber ihren neuen Herrschern bewegt. Militärisch gesehen bedeutet dies, dass der IS im ganzen Staat über aktive Einheiten verfügt und an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen kann.

Hinter den "Islamischen Staat" haben sich auch viele ehemalige Al-Qaida-Ableger gestellt, die – vom Kaukasus bis nach Somalia – über ein weiträumiges geografisches Netzwerk verfügen, das sich der IS zunutze macht. Die gegenwärtige Instabilität der Region sorgt für ein Sicherheitsvakuum, das dschihadistische Gruppen ausnutzen. Momentan wüten in muslimischen Ländern sieben Bürgerkriege – im Irak, in Syrien, in Afghanistan, in Libyen, im Jemen, in Somalia und in Nordnigeria. Und in all diesen Ländern ist der IS aktiv und wird immer stärker. Auch Ägypten läuft Gefahr, ins Chaos abzugleiten. Das Land droht die Kontrolle über den Sinai zu verlieren, und eine neue IS-Abteilung namens "Sinai Wiliyat" hat unlängst massive Anschläge auf Polizei- und Armeeziele verübt, bei denen mindestens hundert Menschen getötet wurden.

Islamic State coinage being used in some of its territories (source: Deutsche Welle)
"Islamischer Schurkenstaat" mit mafiösem Wirtschaftssystem: Die Dschihadisten des IS verfügen über eigene Armee- und Polizeieinheiten, über ein eigenes Rechtssystem, eine Landeswährung und ein jährliches Haushaltsbudget von mindestens zwei Milliarden US-Dollar. Die Terrororganisation finanziert ihren Kampf zum Teil aus Einnahmen aus illegalen Erdölgeschäften mit den Nachbarstaaten.

Und auch die Digitaltechnik macht sich der IS zunutze – insbesondere die sozialen Netzwerke und anonyme Schnittstellen im Internet. So kann die Dschihadistenorganisation ihre Ideologie in aller Welt verbreiten, zehn- oder gar hunderttausende Kämpfer rekrutieren und anschlagswilligen "einsamen Wölfen" Anweisungen geben. Der IS verwendet modernste Verschlüsselungstechniken, er verfügt über eine professionelle "Cyber-Armee", die bereits mit Erfolg militärische Ziele in den USA attackieren konnte.

Friedliche Lösungsansätze gefragt

Die Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden, betreffen die Zukunft des IS, und was getan werden kann, um die Dschihadisten zu stoppen. Ich glaube nicht, dass militärische Eingriffe aus dem Ausland zur Antwort gehören, vielleicht mit Ausnahme passiver Diplomatie zur Friedenssicherung.

Das Alptraumszenario wäre die Vereinigung aller großen Dschihad-Gruppen unter dem Banner des IS und die Eskalation der sektiererischen Gewalt in einen Krieg, der die ganze Region umfasst. In diesem Fall könnte der IS schnell die Herrschaft über große Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas erlangen.

Das positivste Szenario wäre wohl, wenn sich die mächtigsten dieser Gruppen – Al-Qaida, die Taliban und der IS – gegenseitig bekämpfen und zerstören würden. Allerdings verfügt Al-Qaida-Führer Ayman al-Zawahiri ohnehin nur noch über sehr wenig Popularität, und der alte Taliban-Führer Mullah Omar scheint von der Bildfläche verschwunden zu sein. Viele seiner Anhänger haben bereits erklärt, dass sie sich, sollte er kein Lebenszeichen mehr von sich geben, dem IS anschließen würden.

Um einen gewaltigen regionalen Zusammenbruch zu verhindern, sind nachhaltige Strategiekonzepte gefragt. Gemeinsame Bemühungen von regionalen Politikern und Entscheidungsträgern zur Einführung und Förderung von Werten wie Toleranz, Einheit, gegenseitiger Kooperation und Frieden könnten dazu führen, dass der IS auf lange Sicht keine Chance hat, sich fest zu etablieren – denn bekanntlich sind Wut, Hass und Verbitterung die Nahrung, die die Terroristen zum Leben brauchen.

Abdel Bari Atwan

© OpenDemocracy 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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Leserkommentare zum Artikel: Kenne deinen Feind

Aus welcher Zeit stammt die Analyse?
Mullah Omar wurde im Juli 2015 von den Taliban für tot erklärt.

Sonst ist die Analyse nicht schlecht.
Allerdings denke ich, dass IS unter den islamistischen Bewegungen durch die offen zur Schau getragene Brutaliät nur eine begrenzte Zahl an Anhängern generiert. AlQaida zieht zurzeit mit seiner schlaueren Strategie der berechneten Zurückhaltung mehr Sympathisanten auf seine Seite.

Das ist im Augenblick in Syrien beim AlQaida Ableger Jbhat Nusra zu beobachten, der es geschafft hat, die nationalsyrischen Islamisten der AhrarSham auf seine Seite zu ziehen,
wobei die undifferenzierte Unterstützung Assads durch Russland unter der Voraussetzung, dass alle Rebellen Terroristen seien, kräftig mitgeholfen hat.

Wenn ich mich auch gerne der Feststellung des Autors anschließe, dass die Anwesenheit von Islamisten in der Region anerkannt werden muss,
so muss ich doch auch feststellen, dass im Islamismus immer auch der Keim zur Radikalisierung steckt (deshalb, weil der Islamismus vorgaukelt, dass mit seinen Rezepten eine "gerechte Ordnung" zu verwirklichen sei, was einerseits bei sehr narzisstischen Menschen zu der Verblendung führt, dass alle Mittel erlaubt seien, anderseits den Islamismus für Machstreben instrumentalisierbar macht).
Die Angst vor dem Islamismus ist nach meiner Ansicht begründet, jedoch wird sie nicht weiterhelfen:
Die Frage ist: Wie umgehen mit dem Islamismus?

benita schneider19.02.2016 | 11:55 Uhr