Der islamische Reformdenker Muhammad Shahrur

Auf Averroes' Spuren

Shahrurs Werk ist ein umfassender Versuch, die Religion des Islam mit moderner Philosophie ebenso in Einklang zu bringen wie mit dem rationalen Weltbild der Naturwissenschaften. Loay Mudhoon stellt den streitbaren Reformdenker vor.

 ​​ Obwohl der Reformbegriff von vielen Muslimen in Bezug auf den Islam pauschal abgelehnt wird, da der Islam für sie etwas grundsätzlich Vollkommenes darstellt, das nicht "verbesserungsfähig" sei und deshalb auch nicht "reformiert" werden könne, versteht sich der syrische Ingenieur und Koranexeget Muhammad Shahrur in erster Linie als Reformdenker. Shahrur versteht sich auch als Teil einer Avantgarde der islamischen "Erneuerer". Im Mittelpunkt steht bei ihm die Erkenntnis, dass es nur einen Gott gebe, aber viele Wege zu ihm. Schließlich plädiert er seit Beginn seiner reformatorischen Arbeit vor knapp 20 Jahren lautstark und in unverwechselbarer Art und Weise dafür, dass Muslime sich ohne "Unterwürfigkeit gegenüber der Autorität der islamischen Jurisprudenz" am Wortlaut der Offenbarungsschrift selbst als eigentlichem Kriterium der göttlichen Wahrheit orientieren mögen.

"Religiöse Reformen sind notwendig"

Im makropolitischen Kontext geht Shahrur einen Schritt weiter und fordert auf der Grundlage einer Gegenwartsdiagnose eine fundamentale Kritik der islamischen Kultur und Religion, weil es seiner Meinung nach keine grundlegenden politischen Reformen in den islamischen Ländern ohne tief greifende religiöse Reformen geben kann. Dabei konstatiert er: Der Islam ist faktisch die allein dominierende normative Kraft in der arabischen Welt. "Das religiöse Erbe muss kritisch neu gelesen und interpretiert werden. Kulturelle und religiöse Reformen sind wichtiger als politische, da sie die Voraussetzungen jedweder säkularer Reformen sind."

Der kollektive Bewusstseinsschock als Auslöser

Muhammad Shahrur wurde am 11. April 1938 in Damaskus geboren. Nach dem Erwerb der Hochschulreife nahm er 1958 ein Ingenieurstudium für Bauwesen in Moskau auf, das er 1964 erfolgreich abschloss. Der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967, der den Nahen Osten bis heute strukturell prägt, führte dazu, dass er seine Promotionsstudien nicht wie vorgesehen in London, sondern in Dublin absolvierte, da der Krieg den Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Syrien und England zur Folge hatte. Für Shahrur war der kollektive Bewusstseinsschock der arabischen Welt nach der verheerenden Niederlage im Sechs-Tage-Krieg der entscheidende Auslöser, über den Zustand der arabischen Kultur nachzudenken und nach Auswegen aus der offensichtlich gewordenen wirtschaftlichen – vor allem aber ethisch-intellektuellen Krise zu suchen.

Zentrale Probleme des traditionellen islamischen Diskurses

In der Einleitung seines im Jahre 1990 erschienenen Standardwerks "Die Schrift und der Koran. Eine zeitgenössische Lesung", an dem Shahrur nach eigenen Angaben mehr als 20 Jahre arbeitete, nennt er die zentralen Probleme des traditionellen islamischen Diskurses beim Namen - vom Fehlen eines wissenschaftlichen Zugangs zum göttlichen Text und der Fixierung der Rechtsgelehrten auf apologetische Reflexe bis hin zur Unfähigkeit, ein epistemologisches System islamisch zu begründen und aufzubauen.

Muslima in der Istiqlal-Moschee in Jakarta liest den Koran; Foto: dpa
Shahrurs Werk ist ein umfassender Versuch, die Religion des Islam mit moderner Philosophie ebenso in Einklang zu bringen wie mit dem rationalen, naturwissenschaftlichen Weltbild.

​​Jedenfalls stand für ihn damals frühzeitig fest: Das herrschende Islamverständnis steht im eklatanten Widerspruch zum wahren Geist der göttlichen Offenbarung. Obschon Shahrur explizit darauf hingewiesen hat, dass es sich bei seinem Reformwerk lediglich um "eine zeitgenössische Lesung des offenbarten Textes" handelt, mit dem erklärten Ziel, eine "islamische Theorie der Göttlichkeit zu formulieren, die human und universal zugleich ist", reagierte die islamische Orthodoxie mit massiven Diffamierungsversuchen auf seine reformatorischen Ansätze. Und wie erwartet forderten nicht wenige Kommentatoren in den arabischen Massenmedien, ihn wegen der Herabsetzung der Person des Propheten vor Gericht zu stellen. Mindestens 19 Bücher wurden bislang als Erwiderung auf seine provokanten Ansichten publiziert, von unzähligen Artikeln und Medienbeiträgen ganz zu schweigen.

Erkenntnis wächst oft am Rande Shahrurs ausgeprägtes mathematisch-naturwissenschaftliches Verständnis war eine große Stütze bei seinem Vorhaben, die heilige Schrift zeitgemäß zu lesen. Hinzu kam, dass er sich der modernen Methoden sprachwissenschaftlicher Forschung bediente. Dazu gehörte vor allem die linguistische Erkenntnis, dass es auf einer bestimmten Sprachstufe keine synonymen Wörter gibt, sondern jeder Ausdruck ein ganz bestimmtes Bedeutungsfeld abdeckt.

​​ Shahrur begann diese Regel auf die Koransuren anzuwenden und kam dabei zu Resultaten, die ein grundlegendes Umdenken im islamischen Recht zumindest teilweise rechtfertigen.

Es gelang Shahrur, mit seiner Methode für zentrale Begriffe des Islam wie al-kitab (die Schrift) und al-quran (der Koran), die im Kontext der Offenbarung bis dato als synonym betrachtet wurden, eine jeweils spezifische Bedeutung aufzudecken. Diese Erkenntnis und die Prämisse, dass der Koran allumfassend ist, führt Shahrur zu einer für seine zeitgemäße Lesung des Koran fundamentalen Unterscheidung: Es gelte im Koran zwischen "Prophetie" (nubuwa) und der "Botschaft" (risala) zu unterscheiden. Die Prophetie beschreibe die göttlichen und deshalb objektiven und absolut gültigen Naturgesetze, während die Botschaft normative Bestimmungen enthalte, die insofern nur subjektive Geltung hätten, als der Mensch die Wahl habe, sie zu befolgen oder nicht. Ein weiterer entscheidender Erkenntnisgewinn aus Shahrurs Erforschung des Korans liegt auch darin, dass diese moderne Betrachtung zu einem neuen Verständnis des für den Islam grundlegenden Begriffs Muslim führte. Shahrur liest aus dem Koran heraus, dass unter einem Muslim ein Mensch zu verstehen ist, der an Gott und das Jüngste Gericht glaubt und gute Taten vollbringt.

Sein und Werden

Shahrur entwickelt eine auf dem koranischen Wortlaut aufbauende Philosophie: Für ihn gibt es zwei fundamentalen Kategorien: "Sein" (kaynuna) und "Werden" (sayrura). Erstes ist göttlich und absolut, zweites ist menschlich und relativ. Das Sein wird durch das Gotteswort repräsentiert, das er Mohammed in der Offenbarung zuteil werden ließ und das im Koran niedergeschrieben ist. Die Schrift Gottes stellt "Sein in sich selbst" dar, während alles andere "Werden" ist.

Saudi-arabische Männer weben Koran-Verse in ein Tuch; Foto: dpa
In den Koranversen müsse man zwischen Anweisung und Gesetzgebung unterscheiden, so Shahrur.

​​Auch das Verständnis des göttlichen Textes ist daher ein beständiges Werden. Shahrur spricht deshalb "von der Fixiertheit des Textes und der Beweglichkeit des Inhalts", von der Dialektik zwischen Text und Inhalt. Für Shahrur ist der koranische Text in sich abgeschlossen und genügt sich selbst.

Ferner hält er alles, was über den koranischen Text gesagt oder geschrieben wurde, einschließlich der Äußerungen des Propheten Mohammed für geschichtlich verortet. Der Text der Koran ist jedoch nicht geschichtlich. Allerdings müsse man in den Koranversen zwischen Anweisung und Gesetzgebung unterscheiden. Und immer, wo der Korantext Anweisungen enthalte und keine Gesetzgebung, sei es angebracht, von der Geschichtlichkeit des Textes zu sprechen.

Nur Gottes Wort ist absolut

Shahrurs Beschreibung der Funktion des Korans unterscheidet sich von der herrschenden Meinung der islamischen Gelehrten nicht. Demnach stelle der Koran das "Siegel der Bücher" dar, enthalte also die letzte und endgültige der drei Offenbarungsreligionen. Der Koran beinhalte die absolute Wahrheit Gottes. Diese könne allerdings vom Menschen nur relativ verstanden werden. Daher könne das jeweilige Koranverständnis einer bestimmten Zeit nur für diese Zeit gelten. Entsprechend seines zeitabhängigen Koranverständnisses betrachtet Shahrur die Prophetensunna nicht als sakrale Quelle islamischer Normsetzung. Denn Mohammed habe zwar eine besondere Nähe zu Gott gehabt, sei aber ein gewöhnlicher Mensch gewesen, der von seiner arabischen Kultur des 7. Jahrhundert und ihrem Erkenntnisstand geprägt worden sei. Außerdem habe er die Aufzeichnung des Korans, nicht aber die der Sunna angeordnet, so Shahrur. Auf diese Weise gerät Shahrur unweigerlich in einen heftigen Konflikt mit der islamischen Rechtssprechung, die die Prophetensunna und die Hadithe als die zweite autoritative Quelle islamischen Rechts ansieht.

Nach Shahrurs Ansicht wurden hier die Grenzen zwischen "Sein" und "Werden" miteinander vermischt, denn die fiqh-Begründer machten die Hadithe, die die Prophetensunna überlieferten und zur Zeit der Ababasidenherrschaft im 7. Jahrhundert fixierten, zur Grundlage der islamischen Rechtssprechung. Statt die Hadithe zu hinterfragen, hätten sie das Zeitalter des Propheten und der vier rechtgeleiteten Kalifen idealisiert und sie auf diese Weise als sakrale Normsetzung anerkannt. Fatalerweise beendeten sie damit die freie Entscheidungsfindung, weil sie glaubten, sämtliche Fragen durch Analogieschluss (qiyas) aus Mohammeds Leben beantworten zu können.

Theorie der Grenzen

Auch auf andere Weise geriet die Scharia ins Kreuzfeuer von Shahrurs Kritik, nämlich durch das, was er zu deren primärer Quelle, dem Koran, anmerkt. Hier vertritt er beharrlich die These, dass alle bis dato als normativ geltenden Aussagen im Koran als zeitbedingt aufzufassen sind. Unter dieser Prämisse formulierte er eine "Theorie der Grenzen" als universelle Lösung für den Umgang mit göttlichen Handlungsnormen.

Averroes-Statue in Córdoba; Foto: wikipedia
Shahrur will den Islam nicht neu erfinden, sondern vielmehr die zeitlose Botschaft Ibn Ruschd wiederbeleben.

​​Shahrur versteht den Begriff der Grenzen (hudud) nicht wie die traditionelle islamische Leseart als "Gebote" Gottes, sondern vielmehr als die von ihm gesetzten Grenzen. Nach Shahrurs Ansichten statuiere der Islam kein Recht, sondern stelle nur Grenzen auf, innerhalb derer der Mensch die größtmögliche Freiheit bei der Rechtsfindung genießen müsse. Die Starrheit der gültigen islamischen Rechtssprechung widerspreche der Elastizität des Koran.

Demnach hat Gott für alle im Koran erwähnten menschlichen Handlungen eine obere und eine untere Grenze gesetzt, wobei die untere Grenze das Minimum und die obere Grenze das Maximum dessen darstellt, was das göttliche Gesetz in einem speziellen Falle vorschreibt. Durch die graduelle Abstufung der Bestrafung wird die Scharia weitgehend flexibilisiert und das reale Strafmaß letztlich nach menschlichem Ermessen festgelegt. Als Beispiel für die "Theorie der Grenzen" sei die Strafe für Diebstahl erwähnt: Laut Shahrurs Verständnis von Koran-Vers 5:38 ist das Abhacken der Hand die höchste, nicht die einzig mögliche Strafe. Die Richter können den Täter nach Shahrurs Auffassung auch zu ehrenamtlicher Arbeit verurteilen.

Entpolitisierung des Islam

Mit seiner "Theorie der Grenzen" macht Shahrur die Scharia mit den universellen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten vereinbar. Denn die Strafgesetzgebung, die sich ja zwischen den beiden Grenzen befindet, liegt in der Entscheidungskompetenz der demokratisch gewählten Parlamente. Shahrur sieht durch sein Verständnis der Gebote Gottes als Grenzen "Hunderte von Millionen an Möglichkeiten" für die Gesetzgebung eröffnet. Hinzu kommt, dass er die völlige Entpolitisierung des Islams fordert, indem er die Notwendigkeit der Trennung zwischen Staat und Religion betont.

Damit vertritt der Aufklärer Shahrur eine dem Islamismus diametral entgegen gesetzte Position. Seiner Ansicht nach ist die Rechtssprechung im Namen Gottes eine Farce zugunsten politischer Machtkalküle. Shahrurs Werk ist ein umfassender Versuch, die Religion des Islam mit moderner Philosophie ebenso in Einklang zu bringen wie mit dem rationalen, naturwissenschaftlichen Weltbild. Bemerkenswert an seiner hier nur im Ansatz vorgestellter Argumentation ist die Tatsache, dass er die Notwendigkeit der historischen Relativität des Verständnisses der Rechtsquellen nicht in erster Linie mit Sachzwängen begründet, sondern vielmehr aus der islamischen Theologie heraus. Der streitbare Islamexeget liefert mit seiner islamisch begründeten, fundamentalen Kritik den besten Beweis dafür, dass die schärfste, aber auch die fruchtbarste Kritik fast immer systemimmanent ist.

Averroes Botschaft wieder beleben

Auch wenn Shahrurs Thesen und sein Bemühen um eine neue Grundlegung bzw. Neuinterpretation der theoretischen Koordinaten dieser Weltreligion überambitioniert wirken und zur Zeit nur ein begrenztes, überwiegend intellektuell versiertes Publikum erreichen, tragen sie aufgrund seiner markanten Positionen zur Belebung des innerislamischen Reformdiskurses beitragen. Als der einflussreiche, globale Mufti und Dauergast beim einflussreichen Satelliten-Fernsehsender Al-Jazeera, Scheich Yusuf Al- Qaradawi, nach den Werken Shahrurs und deren Bedeutung für die islamische Welt gefragt wurde, antwortet der mächtige TV-Prediger lapidar und zugleich viel sagend: "Das ist eine neue Religion!"

Obwohl Shahrur jegliche Hierarchiebildung im Islam strikt ablehnt, weil sie nur Menschenwerk sei, ist er kein durch und durch überzeugter Rationalist, der jegliche Flucht aus der Realität in das Metaphysische als Desaster auffasst. Und er möchte gewiss den Islam nicht neu erfinden, vielmehr strebt er die Wiederbelebung der zeitlosen Botschaft des Ibn Ruschd (Averroes) an: dass Offenbarung und Vernunft sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.

Loay Mudhoon

© Loay Mudhoon / Qantara.de 2009

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