Genau diesen Satz zitiert Karrubi und schreibt: "Sie stehen doch an der Spitze des Staates – und Sie sind es, der nun dem Volk antworten muss." Karrubi schildert, wie Khamenei in den vergangenen 30 Jahren nach und nach die gesamte Staatsgewalt an sich riss, Sicherheitskräfte, Justiz, Medien, die Außenpolitik und den größten Teil der Wirtschaft unter seine Kontrolle brachte. Er zieht eine vernichtende Bilanz der 30jährigen Herrschaft Khameneis, verweist auf die jüngsten Unruhen und fragt: "Haben Sie das wochenlange Schreien der Entrechten in den entlegenen Teilen des Landes gehört?"

Keine gewaltlose Machtübergabe

Diejenigen, die da protestierten, seien einst die Basis der Islamischen Republik gewesen: "Und das war nur der Anfang", warnt Karrubi: "Wem wollen Sie das Land in diesem Zustand hinterlassen? Glauben Sie, dass sich die Machtübergabe nach Ihnen reibungslos und gewaltfrei vollzieht?", fragt er süffisant. Denn zuvor hatte er beschrieben, wie sich Khameneis Sohn Modjtaba aus dem Hintergrund in die wichtigsten innen-, außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungen einmischte – ein Seitenhieb auf die Debatte um Khameneis Nachfolge, die in den vergangenen Wochen wieder einmal zu einem wichtigen Thema in den sozialen Medien avancierte.

Offiziere während der Vorbereitungen zum 39. Jahrestag der Islamischen Revolution in Teheran; Foto: Getty Images/AFP
Am 11. Februar 2018 feiert die Islamische Republik den 39. Jahrestag des Sieges über die Schah-Monarchie. Es ist ein Tag der Machtdemonstration. Die Machthaber werden wie in jedem Jahr alles Mögliche aufbieten, um für die eigenen Fernsehkameras und die der ausländischen Reporter beeindruckende Bilder zu produzieren. Die Kunst der prachtvoll inszenierten Mobilisierung beherrschen sie zu Genüge, darin sind sie geübt. Doch in diesem Jahr kursieren Gerüchte, dass auch die Unzufriedenen die Feierlichkeiten für ihre Zwecke nutzen wollten.

Dieser offene Brief am Vorabend der Feierlichkeiten zum 39. Jahrestag der Revolution, dazu aus der Feder eines Mannes der ersten Stunde der Revolution, sagt viel aus über den Zustand der Islamischen Republik in ihrem vierzigsten Jahr.

Täglich gibt es Meldungen darüber, dass in verschiedenen Städten des Landes unterschiedliche Berufsgruppen protestieren. Mal sind es Fabrikarbeiter, die seit Monaten keinen Lohn bekommen haben, mal Lehrer, die sich gegen Behördenwillkür auflehnen, oder Sparer, die von Scheinbanken um ihre Ersparnisse gebracht wurden.

Der Staat, sprich die Revolutionsgarden und die paramilitärischen Verbände (die Basijis), hält sich demonstrativ zurück. Noch. Und das in einer Zeit, in der US-Präsident Donald Trump den Iran zum Hort aller mörderischen Konflikte im Nahen Osten erklärte.

Sind diese innen- und außenpolitischen Herausforderungen nun tatsächlich Vorboten eines bevorstehenden zweiten Syriens? Es ist müßig und hypothetisch, darüber zu sinnieren, manche meinen, es sei sogar kontraproduktiv. Denn die politische Entwicklung im Iran verlaufe noch friedlich, zivilisiert und sehr einfallsreich.

Widerstand – weiblich, kunstvoll, friedlich

Das beste Beispiel für diesen Ideenreichtum, die Friedfertigkeit und Klugheit liefern einige Frauen, die seit Beginn der Unruhen vor vier Wochen auf ihre Art für die Aufhebung des Kleiderzwangs demonstrieren. Es sind junge Frauen, die ihre Kopftücher, meist in weißer Farbe als Symbol des Friedens, in Fahnen verwandeln und diese an städtischen Hauptstraßen in die Luft halten.

Anti-Kopftuch-Protest im Iran; Foto: privat
Kreativer und individueller Protest gegen Zwang und Willkür: Im Iran lehnen sich derzeit immer mehr Frauen gegen die strengen Kleidervorschriften auf. Allein in der Hauptstadt Teheran nahm die Polizei inzwischen 29 Frauen fest, weil sie in der Öffentlichkeit ihr Kopftuch abgenommen hatten, um gegen die Kopftuchpflicht zu protestieren. Im Iran müssen Frauen seit der Revolution 1979 in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen.

Den Anfang machte eine 39-jährige Mutter in Teheran, ihr Bild ging um die Welt. Sie wurde zunächst verhaftet, aber drei Tage später freigelassen. Ihr folgten Dutzende junge Frauen in kleinen und großen iranischen Städten. Und als diese phantasievolle Aktion in den sozialen Medien großes Echo fand, schritten endlich die Sicherheitskräfte ein. Kürzlich nahm die Polizei 29 Frauen fest: weil sie angeblich "durch eine vom Ausland gesteuerte Propagandaaktion" manipuliert worden seien, titelte hierzu die Nachrichtenagentur Tasnim, die den Revolutionsgarden gehört.

Die kritischen Stimmen könne man nicht ewig unterdrücken, sagte auch Staatspräsident Hassan Rohani am Grab des Republikgründers Khomeini. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Islamischen Republik, dass sich das gesamte Kabinett am Jahrestag der Rückkehr Khomeinis aus dem Exil an dessen Grab versammelt. Rohani hielt dort eine kurze Rede, aus der dennoch jeder genau heraushören konnte, für wie ernst und gefährlich der Präsident die momentane Situation in seinem Land hält.

Ein Jahrestag wie kein anderer

Das Schah-Regime sei zusammengebrochen, weil der Monarch zu lange nicht auf die Stimmen der Menschen gehört habe. "Und als er schließlich sagte, ich habe die Stimme der Revolution gehört, war es zu spät", sagte Rohani in seinem kurzen Statement. Nach einer kunstvollen Pause blickte er dann in die Kameras und ergänzte: "Wir müssen die kritischen Stimmen hören, bevor es zu spät ist."

Am 11. Februar 2018 feiert die Islamische Republik den 39. Jahrestag des Sieges über die Schah-Monarchie. Es ist ein Tag der Machtdemonstration. Die Machthaber werden wie in jedem Jahr alles Mögliche aufbieten, um für die eigenen Fernsehkameras und die der ausländischen Reporter beeindruckende Bilder zu produzieren.

Die Kunst der prachtvoll inszenierten Mobilisierung beherrschen sie zu Genüge, darin sind sie geübt. Doch in diesem Jahr kursieren Gerüchte, dass auch die Unzufriedenen die Feierlichkeiten für ihre Zwecke nutzen wollten. Ob es dazu kommt, ist zwar ungewiss. Doch jene Kommissionen und Komitees, die seit Wochen mit der Organisation der offiziellen Kundgebungen und Paraden betraut sind, geben sich in diesem Jahr auffallend zurückhaltend und vorsichtig.

Ali Sadrzadeh

© Iranjournal 2018

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Leserkommentare zum Artikel: Ein zweites Syrien?

Iran ein zweites Syrien oder Heimweh? Das ist sicherlich eher ein Wunschdenken von Hr. Sadrzadeh und Co. als die politische Realität in Iran. Hr. Sadrzadeh, seit wievielen Jahren warten Sie auf ein Regimechange nochmals? Geben Sie bloß nicht auf, diesmal helfen die Saudis mit!

Ali 08.02.2018 | 17:14 Uhr