Der Iran vor der Fußball-WM

Furcht vor zu viel Ausgelassenheit

Während die iranische Bevölkerung der Fußball-WM entgegenfiebert, hält sich die Begeisterung der Mullahs in Grenzen. Zu groß ist die Angst vor Freudenfeiern, die in Demonstrationen umschlagen könnten. Golrokh Esmaili berichtet.

Während die iranische Bevölkerung der Fußball-WM entgegenfiebert, hält sich die Begeisterung der Mullahs in Grenzen. Zu groß ist die Angst davor, dass mögliche Siege der persischen Nationalelf im Iran ausgelassen gefeiert werden und in Demonstrationen umschlagen könnten. Golrokh Esmaili fasst die Stimmung der Iraner und Exiliraner vor der WM zusammen.

Iranische Fußballfans mit der iranischen Nationalflagge; Foto: AP
Politiker fordern, aus dem Iran einreisende Fans "genauestens unter die Lupe zu nehmen".

​​Aus seinem Lädchen in der Neumarktpassage beobachtet Morteza Sedaghat die vorbeilaufenden Passanten. Während die einen hastig vorübereilen, bleiben die anderen staunend am Schaufenster stehen und bewundern das Sortiment. Seit sieben Jahren verkauft er Scherzartikel, Postkarten, Lampen etc.

Dieses Jahr – das Jahr der Fußball-WM – hat er sein übliches Sortiment weggeräumt und Platz geschaffen: Neben Deutschlandtrikots und -fahnen verkauft er brasilianische und italienische Fanartikel: "Die werden auch von Deutschen gekauft", meint Sedaghat.

Er selbst ist seit drei Jahren deutscher Staatsbürger, aber während der WM schlägt sein Herz für den Iran. Denn Morteza Sedaghat ist gebürtiger Iraner. Und wie bei vielen Iranern, die im Ausland leben, keimen während der WM wieder patriotische Gefühle auf. So wird er mitfiebern, Spiel für Spiel. "Wenn der Iran spielt, bleibt mein Laden geschlossen", sagt er.

Auch der seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebende Nasser Rassouli fiebert der WM entgegen. In seinem Kiosk mit dem klangvollen Namen "Immer Da" hat er für das sportliche Großereignis extra eine WM-Ecke eingerichtet. Zwar schlägt auch sein Herz für den Iran, als Geschäftsmann wünscht er sich jedoch, dass Deutschland gewinnt – wegen des Umsatzes.

Spezielle Sicherheitsmaßnahmen vor der WM

Die iranische Nationalmannschaft steht wegen des jüngsten Streits um das Atomprogramm besonders im Blickpunkt der ausländischen Öffentlichkeit. Wenn die Fußballer aus Persien Anfang Juni nach Friedrichshafen am Bodensee kommen, werden spezielle Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Um Mannschaftsquartier und Trainingslager zu sichern, wird die Polizei mit mehr Einsatzkräften zugegen sein, als bei anderen WM-Teilnehmern.

Politiker fordern, aus dem Iran einreisende Fans "genauestens unter die Lupe zu nehmen". Die Frage ist nur: Welche Fans? Zwar gelten die Iraner als fußballverrückte Nation, aber leider fehlt gerade den treuesten Fans das Geld für ein Ticket.

Weibliche iranische Fußballfans im Stadion; Foto: AP
Frauen im Iran bleibt der Zugang zum Fußballstadion verweht. Zwischenzeitlich hatte der iranische Präsident dieses Verbot aufgehoben.

​​Das liegt daran, dass sich der iranische Fußballverband die Exklusivrechte der WM-Tickets gesichert hat – und der verkauft die Tickets nur im Rahmen eines Pakets: Karten, Visa, Versicherung, Flug, Hotel, Transport und Fan-Artikel zum Preis von umgerechnet 4.400 Euro. Für viele Menschen im Iran ist das mehr als ein Jahresgehalt.

Nach zahlreichen Beschwerden wurde der Preis schließlich geringfügig gesenkt – auf 3.777 Euro. Deshalb sind kaum mehr als zehn Prozent des Kontingents, das dem Iran zusteht, verkauft worden. Stattdessen plant der iranische Fußballverband nun, Tickets an Auslandsiraner zu verkaufen.

Morteza Sedaghat würde sich sofort ein Ticket kaufen, wenn auch nicht zu diesen horrenden Preisen. Gedankenverloren schaut er sich in seinem Laden um. Dabei bleibt sein Blick auf einer Hawaiikette mit den Farben der italienischen Flagge haften. "Die würde ich bei einem Spiel tragen". Grün, Weiß, Rot – die Farben der italienischen und der iranischen Flagge sind identisch.

Kurz hat er überlegt, seiner im Iran lebenden Mutter ein Ticket zu kaufen. "Sie ist 70 Jahre alt und schaut sich jedes Spiel mit Begeisterung an", erzählt Sedaghat. Der Fußball eröffne den Iranern die Möglichkeit, in aller Öffentlichkeit feiern zu können. "Jedes Mal, wenn der Iran gewinnt, strömen die Leute massenweise auf die Straßen. Das können sie sonst nicht."

Furcht vor ausgelassenen Freudenfeiern

Weibliche iranische Fußballfans im Stadion; Foto: AP
Die Mullahs haben Angst davor, dass die Freudenfeiern bei einem Sieg der iranischen Mannschaft in politische Demonstrationen umschlagen.

​​Nach dem 1:0 gegen Bahrain, bei dem sich die Iraner vorzeitig für die WM qualifiziert haben, stürmten die Massen auf Straßen und Plätze in Teheran. Die Frauen rissen sich die Kopftücher vom Kopf, die Mullahs intervenierten kaum. Zu groß ist die Angst, dass die Freudenfeiern in politische Demonstrationen umschlagen.

Auch in anderer Hinsicht fällt der iranische Fußball durch eine Besonderheit auf: Den iranischen Frauen ist bis heute der Zugang ins Fußballstadion verwehrt. Der iranische Präsident hatte zwar vor fast zwei Monaten das Verbot zwischenzeitlich aufgehoben. Doch nach dem Protest des geistlichen Führers, Ayatollah Chamenei, trat das Verbot wieder in Kraft.

Und auch die Übertragungen sportlicher Großereignisse im iranischen Staatsfernsehen folgen dieser Logik: Frauen ohne Kopftuch in den Zuschauertribünen werden ausgeblendet. Bei der vergangenen WM-Auslosung kam Heidi Klum überhaupt nicht ins Bild, die Übertragung im Iran lief zeitverzögert.

Doch trotz dieser Schattenseiten ist und bleibt der Iran mindestens so fußballvernarrt wie Brasilien. Neben dem Ringkampf ist Fußball die Sportart Nummer Eins. Mehr als vier Millionen Fußballer sind in den etwa 6.500 Vereinen des Landes eingetragen. Und jedes Wochenende machen sich durchschnittlich rund 300.000 Männer auf den Weg in die Stadien, um sich ein Spiel anzuschauen.

Der Exiliraner Amir Reza Karimi ist Taxifahrer in Köln. Er sieht im Fußball eine Chance für das iranische Volk, aus dem oft monotonen Alltag auszubrechen: "Außer Sport gibt es für die Iraner kaum Freizeitaktivitäten. Und die WM öffnet sicher auch eine Tür zum Westen."

Während er auf seine nächste Fahrt wartet, diskutiert er mit seinen Kollegen darüber, wer den begehrten Titel holen könnte. Einer der Männer sagt: "Möge der Bessere gewinnen. Am Ende wird das sowieso wieder Brasilien sein." Die Trainerin der iranischen Frauennationalmannschaft ist Brasilianerin. Bei den "Islamischen Frauenspielen" in Teheran haben sie sogar gewonnen. An einen Sieg der iranischen Männer glaubt Amir Reza Karimi jedoch nicht. "Aber es gab ja auch das Wunder von Bern."

Golrokh Esmaili

© Qantara.de 2006

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