Der indonesische Ökonom Iwan J. Azis

"Ungleichheit wächst, wenn Marktkräfte entfesselt werden"

Die Konditionen, unter denen die Internationalen Finanzinstitutionen (IFIs) jahrzehntelang Kredite für asiatische Länder vergaben, lagen zum Teil weit über der Schmerzgrenze und führten zu sozialen Verwerfungen. Im Gespräch mit Hans Dembowski erläutert Iwan J. Azis die Risiken rein wachstumsorientierter Ökonomien.

Warum war die Strukturanpassung in Indonesien so qualvoll? In Indien ging das mit deutlich weniger Schmerzen vonstatten.

Iwan J. Azis: Da stimme ich Ihnen nicht zu. Indonesien hat weitgehend das Gleiche durchlebt wie Indien. In beiden Ländern verbesserten sich die makroökonomischen Daten zügig, wie zu erwarten war. Anfangs gibt es immer positive Effekte, vor allem, wenn man Wirtschaftstätigkeit auf bislang streng regulierten Märkten erleichtert. Die Probleme kommen später, weil nämlich nicht alle Menschen gleichermaßen von den Reformen profitieren. Selbst wenn die makroökonomischen Zahlen gut bleiben, wächst die Ungleichheit, und viele Menschen fühlen sich abgehängt. Aber erstmal ist die Dynamik gut – und genau so war es 1984, zu Beginn der Strukturanpassungen in Indonesien. Das Gleiche geschah dann 1991 auch in Indien.

Ich dachte eigentlich an Indonesien während der Asienkrise von 1997/98. Die Bedingungen, die IFIs und insbesondere der Internationale Währungsfonds (IWF) stellten, verschärften die Krise.

Azis: Ja, das war eine ganz andere Geschichte. Das war ein Desaster.

Was ist da schiefgelaufen?

Azis: Der IWF verstand nicht, was los war. Seine Experten hatten noch im Januar 1997 erklärt, in Indonesien sei alles in Ordnung. Das Wachstum sei gut, die Haushaltslage befriedigend. Soziale Fragen, auch Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen, blieben unberücksichtigt. Als dann die Krise kam, machten dieselben Experten die Regierung verantwortlich und beschwerten sich über Korruption, institutionelle Schwächen und dergleichen. Letztlich bedeutete die Krise das Ende des Suharto-Regimes. Ich verteidige seine autoritäre Herrschaft nicht, aber paradoxerweise machten plötzlich dieselben Leute, die zuvor seine Wirtschaftspolitik gelobt hatten, ihn und Klüngelkapitalismus für alle Probleme verantwortlich.

Iwan J. Azis, Professor für Regionalwissenschaften und Wirtschaft an der Cornell University in Ithaca, New York; Quelle: iwanazis.com
Iwan J. Azis ist Professor für Regionalwissenschaften und Wirtschaft an der Cornell University in Ithaca, New York, und an der University of Indonesia. Er hat Regierungen mehrerer asiatischer Länder zu nationalen und internationalen Wirtschaftsfragen beraten.

Und das war falsch?

Azis: Ja, denn Indonesien wurde von der Asienkrise angesteckt. Im Zuge der Finanzkrise in Thailand zogen internationale Investoren Kapital aus allen aufstrebenden Märkten Südostasiens ab. Der damaligen IFI-Doktrin nach durfte derlei aber gar nicht passieren. Seine Ökonomen sagten, freier Kapitalfluss sei immer gut. Wenn das Kapital jedoch plötzlich aus einem Land abfließt, ist das verheerend. Die IFI-Konditionen verschlimmerten in Indonesien alles nur noch. Im Nachhinein sehen wir, dass sich die Krise am drastischsten auf unser Land auswirkte, obwohl sie nicht von dort ausging.

Die IFIs bestanden in den späten 1990er Jahren also auf einer Therapie, die auf einer Fehldiagnose basierte?

Azis: Sie bestanden jedenfalls darauf, dass die Regierung ihre Ausgaben kürzte, obwohl sie selbst deren Haushaltsplanung zuvor für gut befunden hatten. Sparmaßnahmen während eines Abschwungs können aus einer Rezession eine Depression machen. Wie die IFIs mit der Asienkrise umgegangen sind, verschärfte die Probleme nicht nur in Indonesien. Inzwischen hat der IWF sich neu justiert. Seit 2012, ein paar Jahre nach der globalen Finanzkrise, verfolgt er eine sogenannte "makroprudenzielle" Politik. Das ist lediglich ein Euphemismus dafür, dass Kapitalkontrollen bisweilen hilfreich sind, weil plötzliche Zu- oder Abflüsse von Kapital Probleme verursachen. Meiner Meinung nach haben die IFIs einiges gelernt. Ihre Haltung ist heute wesentlich nuancierter und unorthodoxer.

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