Der Film "Jihad Selfie"

Niemand wird als Terrorist geboren

Der indonesische Autor und Regisseur Noor Huda Ismail geht in seinem Film "Jihad Selfie" der Frage nach, was junge Menschen dazu bewegt, sich zu radikalisieren. Der Film warnt Eltern und Jugendliche vor der Macht der sozialen Medien als Rekrutierungsinstrument für IS-Kämpfer. Von Edith Koesoemawiria

"Ich werde diesen Film nur zeigen, wenn wir auch anschließend darüber diskutieren", betont Noor Huda Ismail, Autor und Regisseur des Films "Jihad Selfie", gegenüber der überwiegend weiblichen Gruppe in dem kleinen Vorführraum im indonesischen Jakarta. Der anwesende Sicherheitsbeauftragte wendet sich daraufhin mit einem versöhnlichen Lächeln an die Eltern der Jugendlichen und erklärt: "Einige Bilder sind sehr emotional. Das werden Sie mit Ihren Kindern besprechen wollen."

Noor Huda Ismail ist selbst Vater von zwei Kindern. Er versteht seinen Film auch als eine an Eltern und Jugendliche gerichtete Warnung vor der Macht der sozialen Medien, die häufig zur Anwerbung von IS-Kämpfern genutzt werden.

Noor Huda Ismail und der 16 Jahre alte Teuku Akbar Maulana begegneten sich zufällig in einer kleinen Dönerbude in Kayseri, einer Stadt in der Zentraltürkei. Huda erkannte in Akbar einen Landsmann aus Indonesien und lud den Jugendlichen spontan zum Mittagessen ein.

Posen und prahlen in sozialen Medien

Akbar sprach schließlich über zwei Freunde, die ihn nach Syrien eingeladen hätten, damit er sich dort dem "Islamischen Staat" (IS) anschließt. Er zeigte Bilder seines ehemaligen Zimmergefährten Yazid auf Facebook. Dort posiert er mit einer AK-47 vor einer IS-Fahne. Auf Akbar machten die Bilder damals mächtig Eindruck. Als Dschihadist würde er in seinem Freundeskreis auch zum Helden werden, dachte er. Als Huda erkannte, welche Macht die Bilder auf seinen jungen Bekannten ausübten, gab er ihm besorgt seine Mobilnummer.

Ob sie sich jemals wiedersehen würden, wusste er nicht. Doch er bot Akbar an, er könne sich jederzeit an ihn wenden. "Das ist ein neuer Trend. Terrororganisationen, wie der IS, rekrutieren junge Menschen, die nichts mit den bekannten indonesischen Netzwerken zu tun haben", sagt Huda. "Diese jungen Menschen suchen noch nach ihrer eigenen Identität und verbringen eine Menge Zeit im Internet. Viele von ihnen verhalten sich völlig irrational, nur um zu zeigen, dass es sie gibt."

Tatsächlich rief Akbar eines Tages an. Offenbar war keiner seiner Freunde gekommen, um ihn nach Syrien mitzunehmen.

Etwas Großes und Bedeutendes tun

Von Yazid wusste Akbar, dass der IS kein bloßes Abenteuer war, bei dem man eigenes Geld verdienen konnte, verpflegt wurde und möglicherweise den Nahen Osten bereiste, sondern dass es hier um etwas Größeres und Wichtigeres ging. Über Yazid lernte er auch Wildan Mukhallad kennen. Der Sieger eines Mathematikwettbewerbs bekräftigte Akbars Absicht, dem IS beizutreten. Wildan Mukhallad glaubte fest an die Sache des IS. Später erfuhr Akbar, dass Wildan als Selbstmordattentäter ums Leben kam.

"Jihad Selfie" fragt nach den Gründen der Radikalisierung und verfolgt Wildans Weg zurück an die Kairoer Al-Azhar-Universität, wo der junge Selbstmordattentäter Theologie studierte. Der Zuschauer wird zu Wildans Familie in Indonesien mitgenommen, ebenso wie ins islamische Internat "Al-Islam" in der indonesischen Provinz Lamongan. Das Internat ist eine Gründung der Familie von Ali Ghufron. Er ist ein Ex-Dschihadist aus Afghanistan und gilt als Haupttäter des verheerenden Anschlags von Bali im Jahr 2002. Das Internat unterstützt den IS zwar nicht, aber fünf Schüler und ein Lehrer der Schule haben sich bereits diversen Terrorgruppen angeschlossen.

Huda deckt auf, wie sich die IS-Ideologie in verschiedenen indonesischen Städten ausbreitet. Hierzu besucht er als radikal geltende Schulen und spricht mit einigen mittlerweile inhaftierten Anführern. Eines dieser Interviews führt er mit Fauzan al-Anshori, dem Gründer des islamischen Internats "Anshorullah" in der Stadt Ciamis. Die Schule ist eine Transitstätte für willige Märtyrer auf ihrem Weg in den Nahen Osten. Huda zeigt mit seinem Film die Komplexität der Radikalisierung. Das Wissen darum beruht auf persönlicher Erfahrung.

Familie und Rehabilitation

Huda wurde 1985 selbst auf ein islamisches Internat in Ngruki nahe der südindonesischen Stadt Solo (Surakarta) geschickt. Auch er wollte sich als Jugendlicher unbedingt den afghanischen Dschihadisten anschließen. Als Reaktion auf das Vorgehen der indonesischen Regierung gegen islamistische Aktivisten trat er stattdessen der radikalen Gruppierung "Darul Islam" bei, die in Indonesien einen islamischen Staat errichten wollte. Glücklicherweise wurde er nie aktives Mitglied. Seine Einstellung änderte sich mit der Ausbildung zum Journalisten. Jetzt musste er zuhören können und sich eine unabhängige Meinung bilden. Die entscheidende Wende kam 2002 bei der Arbeit an einem Artikel über das Attentat von Bali.

Der indonesische Publizist Noor Huda Ismail; Quelle: YouTube
Noor Huda Ismail ist ehemaliger Journalist der "Washington Post". Im Januar 2008 gründete er als Reaktion auf die Bedrohung durch den Terrorismus die Nichtregierungsorganisation "Institute for International Peace Building" (IIPB). Mit dem IIPB verfolgt Ismail einen neuen, effektiveren "weichen Ansatz", der sich auf die Entwicklung und Vertiefung unseres Verständnisses von Frieden und Konflikten, politischer Gewalt, Terrorismus und anderen transnationalen Verbrechen konzentriert.

Mehr als 200 Menschen kamen bei dem Bombenanschlag ums Leben. Wie Huda erfuhr, war einer seiner Freunde unter den Attentätern. In seinem Buch "My Friend the Terrorist" verarbeitet Huda diese Erfahrung und sucht Antworten auf die Frage, warum sich Menschen radikalisieren. Darüber hinaus gründete er das "Institute of International Peace Building" (Yayasan Prasasti Perdamaian), das ehemaligen Terroristen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft durch Arbeit hilft. "Niemand", so Huda, "wird als Terrorist geboren. Das ist vielmehr ein Aneignungsprozess."

Akbar entschied sich schließlich aus familiären Gründen gegen den IS: Er wollte seine Mutter nicht traurig machen, der er so viel verdankte.

Nach Hudas Erkenntnissen haben die für den IS gestorbenen Jugendlichen keine derart enge Bindung an ihre Eltern. Seiner Meinung nach ist eine starke Familienbindung wichtig zur Vermeidung einer Radikalisierung und unterstützt den Rehabilitationsprozess. Akbar und Huda sind Freunde geblieben.

Akbar tritt in Hudas Fußstapfen und hat jüngst gemeinsam mit der Schriftstellerin Astrid Tito ein Buch geschrieben: "Boys Beyond The Light" soll noch dieses Jahr erscheinen. Auch begleitet er Huda zu Filmvorführungen. Auf die Frage, ob sie mit Gegenwind rechnen, antwortet Huda: "Dies ist ein persönlicher Film, der meinen Kindern gewidmet ist. Ich will nicht, dass sie zu Terroristen werden."

Edith Koesoemawiria

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

Noor Huda Ismail schreibt derzeit an der Monash University in Melbourne, Australien, seine Dissertation zum Thema "Geschlecht und Männlichkeitsbild indonesischer Kämpfer im Ausland".

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