Primat des Religiösen

Als persönliche Meinung wäre eine solche Hierarchisierung noch vertretbar. Aber das Primat des Religiösen über das Bürgerliche setzte sich in den Gesellschaften schnell durch und fand schon bald auch seinen Eingang in die Gesetzgebung. Hier kam der Widerspruch zwischen den beiden Definitionen und Lebensanschauungen ans Licht – die religiöse Vision vom guten frommen Menschen kann nicht mit einem modernen Konzept vom Bürgertum, in dem alle in ihren Rechten und Pflichten vor dem Gesetz gleich sind, vereinbart werden.

Iranische Muslimas beim Gebet; Foto: Getty Images/AFP
Religiös erstarrte Gesellschaft: "Auf der einen wurde der Mensch an seiner Frömmigkeit gemessen. Auf der anderen, der gesetzlichen Ebene, wurde der Mensch als Bürger im Sinne der Verfassung definiert. Aber schon bald gewann die religiöse Ebene die Oberhand und plötzlich wurde der 'fromme Bürger' zum Vorbild. Er galt plötzlich als 'besser' als der 'nichtreligiöse'", schreibt Khaled Hroub.

Die Grundannahme jeder religiösen Denkrichtung in allen Gesellschaften der Welt besagt, dass Frömmigkeit moralisches Handeln gewährleistet und so das Gute fördert und das Böse bekämpft. Diese Annahme lässt sich aber weder theoretisch noch empirisch beweisen.

Beispiele dafür gibt es genug: Obwohl arabische und islamische Länder neben Subsahara-Afrika zu den religiösesten Gegenden der Welt gehören, führen Länder wie Afghanistan, Iran und Ägypten die weltweiten Listen in Hinblick auf sexuelle Belästigung von Frauen an. Die weniger religiösen Länder stehen in diesen Kategorien deutlich besser da. Eine Abhängigkeit zwischen Frömmigkeit und Moral lässt sich insofern, entgegen der Darstellungen religiöser Gruppen, offensichtlich nicht beobachten.

Diese Tatsachen sollten uns allen einen Denkanstoß geben. Trotz aller Propaganda islamistischer Gruppen und unterschwelliger Botschaften regierender Regime muss zwischen dem Wert als Muslim und dem Wert als Bürger unterschieden werden.

Die religiös-konservativen Eliten hegen große Zweifel gegenüber patriotischen Gesinnungen, der Professionalität und der Loyalität ihrer nichtreligiösen Bürger, denen sie jegliche positive Eigenschaften absprechen, da diese ja angeblich ein ausschließliches Merkmal frommer Menschen seien. Schlimmer noch: Das religiöse Lager behauptet gar, dass alle nicht-religiösen Menschen keine vollwertigen Bürger seien.

Grundsätzliche Gleichstellung aller Bürger

Nach wie vor besteht die größte Herausforderung der gesellschaftlichen Akteure in der prinzipiellen Gleichstellung aller Bürger. Das Prinzip der Gleichheit liegt dem modernen Rechtsstaat zugrunde, der nicht die Frömmigkeit der Bürger anerkennt, sondern ihr Wirken im Einklang mit der Verfassung – eine Verfassung, die ihnen Grundrechte zuspricht und Pflichten abverlangt.

Der demokratische Verfassungsstaat ist darauf angelegt, dem einzelnen Menschen ein Leben in Freiheit, Gleichheit und Würde zu sichern. Und es nutzt hier auch nichts, den ewig rückwärtsgewandten Einwand zu erheben, die Freiheit sei doch nicht absolut und ihr müssten auch Grenzen gesetzt werden. Zumindest sollte doch inzwischen bekannt sein, dass selbst in den liberalsten westlichen Gesellschaften die Freiheit nicht grenzenlos ist.

Khaled Hroub

© Qantara.de 2017

Aus dem Arabischen von Filip Kaźmierczak

Der Publizist und Medienwissenschaftler Khaled Hroub war Direktor des "Cambridge Arab Media Project" an der Universität Cambridge. Er zählt zu den wichtigsten Meinungsmachern im arabischen Raum. Er ist zudem Berater des "Oxford Research Group's (ORG) Middle East Programme".

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Leserkommentare zum Artikel: Der IS in den Köpfen

Danke! Auf den Punkt gebracht! Genau meine Erfahrung nach vielen Jahren des Lebens in einem islamischen Land - zudem dem Heimatland von al-Banna und Qutb. Diesen Artikel kann man auch einigen Kommentaristen hier in diesem Forum wärmstens ans Herz legen...

Ingrid Wecker30.06.2017 | 15:22 Uhr

Dieser aufschlussreiche Essay ist wirklich beeindruckend. Hroub erklärt ein komplexes Phänomen ohne es zu vereinfachen: Identitätskrise, Überfremdung, versagen der lokalen Eliten und aber auch unsere Kolonialverbrechen - All diese Faktoren trugen zur Katastrophe bei. Daher: Schluss mit den Waffenverkäufen und dem Hofieren von Diktatoren.

Marion Hamman04.07.2017 | 16:01 Uhr