Der andalusische Philosoph Averroës

Der Großvater der Aufklärung war ein Muslim

Averroës war der letzte bedeutende und bekannteste muslimische Philosoph. Sein kritischer Geist löste in Europa eine Art intellektuelles Erdbeben aus, das die Theologen des 13. Jahrhunderts vor einige Herausforderungen stellte. Koert Debeuf stellt den streitbaren Philosophen vor.

Wie kommt der muslimische Philosoph Averroës ins berühmte Fresko "Die Schule von Athen" des italienischen Renaissancemalers Raphael? Versammelte Raphael in seinem Bild doch alle Denker und Forscher von maßgeblicher Bedeutung für den Okzident.

Nicht von ungefähr sind Platon und Aristoteles die zentralen Figuren dieses Gemäldes aus dem 16. Jahrhundert. Überraschender ist, dass auch zwei Personen aus dem "Orient" aufgenommen wurden: Zarathustra und Averroës.

Eine ähnliche Überraschung hält die Göttliche Komödie von Dante Alighieri bereit. In diesem Meisterwerk der Renaissance des 14. Jahrhunderts beschreibt Dante die jenseitige Welt aus Himmel, Fegefeuer und Hölle. Daneben existiert der Limbus, wo sich bei Dante unbescholtene Personen aus vor- und außerchristlichen Kulturen aufhalten dürfen. Im Limbus finden wir nicht nur Griechen und Römer, sondern auch drei Muslime: Averroës, Avicenna und Saladin.

Die Tatsache, dass zwei Meisterwerke der Renaissance, die sich mit den Fundamenten der westlichen Zivilisation befassen, Muslime ins zentrale Blickfeld rücken, ist – gelinde gesagt – erstaunlich. In der Schule lernen wir, dass Renaissance, Humanismus und Aufklärung rein europäische Errungenschaft sind. Nach dieser Lesart haben Humanisten wie Petrarca verschollene griechische und römische Manuskripte in alten Klosterbibliotheken gefunden. Dies habe dann das Ende des dunklen Mittelalters, die Emanzipation des Menschen von der Kirche und ein kritisches Hinterfragen von Dogmen eingeläutet.

Die Meriten der Kalifen von Bagdad

Dieses historische Narrativ ist schlicht falsch. Zwar wurden die antiken römischen Schriften tatsächlich wiederentdeckt, nicht jedoch die griechischen Texte. Die Werke der bedeutendsten griechischen Philosophen und Wissenschaftler gelangten erst als Übersetzung aus dem Arabischen zurück nach Europa. Die Initiative zu diesen Übersetzungen ging im 8. Jahrhundert von den Kalifen von Bagdad aus. Im Fokus standen die Astronomie von Ptolemäus, die Geometrie von Euklid und die Medizin von Galenos.

Indische und persische wissenschaftliche Texte wurden ebenfalls übersetzt. Im Gegenzug verwebten muslimische Wissenschaftler diese Ideen miteinander, schrieben sie fort und schufen zudem neue Wissenschaftsfelder wie Chemie und Algebra. Ihre Berechnungen bildeten die Grundlage für die Entdeckungen von Kopernikus und Newton.

Kritisches Denken als Verstoß gegen den rechten Glauben

Nicht minder wichtig am Hofe Bagdads war die Philosophie. Platon und Aristoteles erfreuten sich damals großer Popularität und waren Gegenstand vieler Studien, Diskurse und Debatten. Die islamischen Philosophen stießen jedoch auf das gleiche Problem, mit dem sich sowohl die christlichen Vorgänger als auch die Nachfolger konfrontiert sahen: Wie lässt sich Philosophie mit der Theologie und ihren heiligen Texten in Einklang bringen?

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