FDP-Chef Lindner verstieg sich gar zu der Forderung, Mesut Özil müsse die Nationalhymne mitsingen, da sich sonst ein "Identitätsproblem, das dann zu Integrationsproblemen führe" zeige. Zu allem Überfluss führte Lindner noch das Grundgesetz an: Im Grundgesetz ist allerdings weder die Nationalhymne erwähnt, noch verpflichtet es zu ihrem Absingen.

Diese große Gruppe Deutscher mit migrantischen Wurzeln- mittlerweile sind das fast ein Viertel der Deutschen – hat aber das Recht über ihre eigene Identität zu bestimmen.

Solche Identitäten sind mitunter komplex: Mesut Özil wurde in Gelsenkirchen als türkischstämmiger Deutscher geboren und spielte beim FC Schalke, wurde zum globalen Weltstar und führte Deutschland zum Gewinn der Weltmeisterschaft 2014; als gläubiger Muslim betet er vor jedem Spiel und pilgerte nach Mekka.

FDP-Parteichef Christian Lindner; Foto: Getty Images/AFP
Mit erhobenem Zeigefinger: FDP-Parteichef Christian Lindner hat die beiden deutschen Fußball-Nationalspieler Özil und Gündoğan dafür kritisiert, dass sie mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan für Fotos posiert und ihm Trikots geschenkt hatten. "Als Sportidole haben Fußballstars eine Vorbildfunktion. Es ist sehr bedauerlich, dass sich Gündoğan und Özil nun mit Erdoğan zeigen, der die einst laizistische Türkei in eine islamistische Präsidialdiktatur verwandelt", ereiferte sich Lindner.

Das wäre ebenso wenig der Rede wert, wie die Tatsache, dass er seit Jahren aufgrund seiner Herkunft die deutsche Nationalhymne nicht mitsingt. Wären da nicht die Seehofer, Lindner und Co. die bestimmen wollen, was Deutsch ist und was nicht – exklusiv, ohne Mitsprache von Migrantinnen und Migranten.

Ausgerechnet Özil wurde besonders oft, auch vom DFB, die Etikette "Beispiel für gelungene Integration" verliehen. Aber warum muss man das einem Deutschen, der wie Özil und Gündoğan in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen ist, überhaupt bescheinigen? Dass er den türkischen Präsidenten trifft hat damit jedenfalls eigentlich nichts zu tun. Es mag politisch dumm sein und für einen Nationalspieler mit Vorbildfunktion unpassend, aber es ist geradezu absurd wenn dies zu einer Integrationsdebatte gemacht wird. Abgesehen davon, dass auch für Gündoğan und Özil das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt – das steht im Gegensatz zur Nationalhymne an prominenter Stelle im Grundgesetz.

Öl auf das Feuer der Rechten und Revisionisten

Längst sind in Deutschland revisionistische und rassistische Positionen wieder salonfähig geworden, die auch vor der Nationalmannschaft nicht halt machen. Jenseits der berechtigten Kritik berichtete Gündoğan auch von verletzenden Beleidigungen nach dem Treffen mit Erdoğan.

Nach Gaulands rassistischer "Nachbar"-Bemerkung gegen Jerome Boateng tat sich auch die AfD wieder mit offen rassistischen Beleidigungen hervor. Alice Weidel, die Vorsitzende der Bundestagsfraktion, sagte der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit: "Sie sollten am besten gleich ihr Glück in der türkischen Nationalmannschaft suchen."

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Leserkommentare zum Artikel: Hört auf zu pfeifen!

Nein, die Kritik am Verhalten der Beiden ist auch in der Sache nicht gerechtfertigt. Deutsche und türkische Perspektiven auf Erdogan folgen grundlegend unterschiedlichen Narrativen. Weit über das Lager seiner Anhänger hinaus kann man sich als Deutsch-Türke nicht des Eindrucks erwehren, dass die deutsche Presse und Politik seit Jahren einen regelrechten Propagandakrieg gegen Erdogan führt. Es ist das gute Recht gerade auch der Deutsch-Türken, sich in dieser Frage perspektivisch der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu entziehen, ohne sich hierfür einem Rechtfertigungsdiskurs aussetzen zu müssen. Umso mehr, da die Beiden hier ja nicht in ihrer Eigenschaft als Spieler der deutschen Nationalmannschaft aufgetreten sind; ja, das ganze hat sich ja nicht einmal in Deutschland abgespielt. Erdogan - rechtmäßiges Staatsoberhaupt eines NATO-Mitglieds - hat im Rahmenprogramm seines Staatsbesuches in England zwei türkischstämmige Profifußballer auf der Insel getroffen und als Souvenir signierte Trikots der britischen Clubs der Beiden erhalten. Nicht weniger, nicht mehr. Das Treffen fand nicht in Deutschland statt, es waren auch keine DFB-Trikots. Wenn man es ganz genau nimmt, ist an dieser Angelegenheit nicht wirklich viel dran, was Deutschland und die deutsche Mehrheitsgesellschaft betrifft.

Cem Özgönül15.06.2018 | 04:27 Uhr

Dem kann ich in weiten Teilen nur zustimmen. Ich erlebe dieses elend mediale Theater um diese beiden Spieler als Zumutung. Mensch, daß sind Fußballer und keine Agenten der Türkei, der AKP und Erdogans! Kapiert's doch einfach mal und macht nicht so einen Höllenzirkus!

Georg Westerkamp15.06.2018 | 12:28 Uhr

"Diese große Gruppe Deutscher mit migrantischen Wurzeln- mittlerweile sind das fast ein Viertel der Deutschen – hat aber das Recht über ihre eigene Identität zu bestimmen." So weit, so banal, selbstverständlich.

Ich sehe das in Bezug auf die deutsche Nationalmannschaft aber anders.

1. Ein wirkliches Bedauern habe ich nicht bemerkt, wenn, allenfalls wegen des öffentlichen Aufsehens
2. Die Fans sind deswegen enttäuscht, weil sie (die Spieler) trotz des Einsatzes für die deutsche Nationalmannschaft nicht wirklich mit dem Herzen dabei sind.
3. Wer für die deutsche Nationalmannschaft spielt, sollte schon zu uns stehen. Das sehe ich bei den beiden Spielern nicht. Ich hätte beide nicht mit zur WM genommen (auch und selbst dann nicht, wenn es den fünften Stern kosten würde)

Auf Vorwürfe, Herr Erdogan würde bei uns mit Propaganda überzogen, ist ernsthaft keine Antwort möglich. Hier werden nur seine Handlungen, seine Worte gegen Deutschland und seine Wertungen kritisiert. Nicht nur die Faschismusvorwürfe sind hanebüchen. Geiselnahme, Willkürherrschaft, Krieg gegen die Kurden im eigenen Land und Überfall auf Kurden in Syrien zum Beispiel, heimliche Unterstützung des IS mit Waffen, Geld für Öl, Krankenhaus- Versorgung...

Zur Meinungsfreiheit bei uns gehört, das gut zu finden und Herrn Erdogan zuzujubeln. Aber wer das alles so gut findet und bei uns alles kritisiert muss damit rechnen, dass man dieser Person nicht zutraut, zu Deutschland zu stehen, sondern fremde Einstellungen und andere Werte als die unseres Grundgesetzes zu vertreten.
Dass wir uns nicht falsch verstehen: Jede*r darf seinen/ihren Glauben leben, die politische Meinung äußern. Dafür würde ich erforderlichen Falles mit dem Fés, der Kippa, dem Kopftuch oder Palästinenserschal demonstrieren.
Aber eine offizielle Vertretung Deutschlands, sei es im Öffentlichen Dienst oder in unserer Nationalmannschaft (gleich ob Fußball, Basketball oder Leichtathletik...) ist damit nicht vereinbar. Kritik an unserem politischen System, an Schulen, Kitas oder welchem politischen Aspekt in unserem Land, von der mangelnden Integration, Fremdenfeindlichkeit, falscher Asyl- oder Einwanderungsregelungen, an Umweltpolitik oder Arbeitsrecht sind unbenommen. Das ist das gute Recht aller, ob mit oder ohne Migrationshintergrund (bei dem Wort dreht sich mir der Magen um).
Aber, um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Wer unsere Grundwerte ablehnt oder sich trotz hiesiger Geburt und Staatsbürgerschaft als Ausländer (es geht nicht speziell um die Türkei) versteht, kann uns nicht repräsentieren.
Das ist genau der Eindruck, den die Spieler unseren Fans vermittelt haben, deswegen müssen sie halt auch die Pfiffe erst mal ertragen. Die Debatte kann weder der DFB noch der o.a. Journalist einfach für beendet erklären. Auch nicht mit Verweis auf Fifa, Katar, Russland oder Trump. Geld verdirbt den Charakter. Aber das Niveau der WM Infantinos in den USA mit 48 Teams tue ich mir nicht mehr an...

Helmut M. Oberlander15.06.2018 | 17:09 Uhr