Debatte über Frauenbilder von Migranten

Der lange Weg der Emanzipation

Islam und Frauenfeindlichkeit, das gehört für viele offenbar zusammen. Mit den Flüchtlingszahlen wächst bei manchen die Sorge vor beidem. Doch wenn Einwanderer und ihre Kinder patriarchalen Familienstrukturen verhaftet bleiben, dürfte dies auch zum Teil der deutschen Einwanderungspolitik geschuldet sein, meint Susanne Kaiser.

Kein Handschlag vom Imam, kein Respekt vor Frauen in Uniform, dafür freche Sprüche von Macho-Schülern. Deutsche Frauen – Politikerinnen, Polizistinnen, Lehrerinnen – haben es nicht leicht mit dem Islam. Der Eindruck jedenfalls entsteht, verfolgt man das aktuelle "Islam-Bashing" in manchen Medien. Angesichts steigender Flüchtlingszahlen fühlt sich die eine oder andere dazu berufen, ihrer gewachsenen Sorge vor Islamisierung oder ihrer Verärgerung über frauenverachtende Muslime öffentlich Ausdruck zu verleihen.

Eine dieser Frauen schreibt ein Buch und lässt die Welt an ihren auf Streife gesammelten Erfahrungen mit "straffälligen Personen mit Migrationshintergrund, vor allem jungen Männern aus muslimisch geprägten Ländern" teilhaben. Deutschland im Blaulicht – Notruf einer Polizistin, lautet so ein Buchtitel, der die angestauten Vorurteile einer Bochumer Streifenpolizistin (Tania Kambouri) birgt. Eine andere Frau zieht aus ihrer Schmähung durch den Imam, der ihr die Hand verweigerte, gleich politische Konsequenzen: "Deshalb müssen Burka und Niqab verboten werden", forderte CDU-Frau Julia Klöckner in der aktuellen Cicero-Ausgabe, aus der sicheren rheinland-pfälzischen Opposition ihrer wertkonservativen Partei heraus. Ein Verbot für Frauen, um den Imam zu erziehen?

Woher kommt die Wut der Frauen?

Klar ist für die Politikerin wie für die Streifenpolizistin, dass "patriarchale Macht und die Lust an der Unterdrückung" aus "archaischen Kreisen muslimisch geprägter Migranten" kommen, wie in Kambouris Buch zu lesen ist. In den 1990er Jahren hätte man hier wohl einfach "von Ausländern" gesprochen.

Woher kommt diese Wut der Frauen? Und trifft sie überhaupt die Richtigen oder den richtigen Sachverhalt? Das heißt, lassen sich eine Religion wie der Islam und eine gesellschaftliche Gruppe wie Muslime auf ein Weltbild reduzieren, das sie kollektiv als frauenfeindlich brandmarkt und einer offenen, emanzipierten und toleranten "deutschen Gesellschaft" als das Andere gegenüber stellt? Offensichtlich schon. Doch muss man dabei sowohl historische als auch soziale Faktoren ausblenden und sich auf diese Weise ganz gezielt die eigene vereinfachende und fälschliche Sicht der Dinge bewahren.

Zum Beispiel die Tatsache, dass über einen langen Zeitraum hinweg nur ganz bestimmte Gruppen nach Deutschland eingewandert sind. Religiös waren diese Einwanderer ziemlich heterogen, in der regel aber nicht, was ihre soziale Herkunft und die Umstände anbelangt, wie sie nach Deutschland kamen.

Tania Kambouri (photo: Sascha Kreklau/Piper Verlag)
Wenig hilfreich für die Integrationsdebatte: Das Buch "Deutschland im Blaulicht – Notruf einer Polizistin" von Tania Kambouri beleuchtet nur sehr subjektiv die individuellen Erfahrungen einer Bochumer Streifenpolizistin.

Wirft man nämlich einen Blick auf die jüngere Geschichte der Migration, bekommt man den Eindruck, dass der deutschen Einwanderungspolitik seit den 1960er Jahren selbst ein ziemlich konservatives Rollenverständnis zugrunde lag. Beispielsweise wurden bei der "Gastarbeiter"-Anwerbung ausschließlich männliche Landarbeiter für Fabriken gewonnen, die später ihre Frauen und Kinder nach Deutschland holen durften.

Diese Arbeiter kamen überwiegend aus ruralen Regionen der Türkei, Italiens oder Portugals und nicht etwa aus kosmopolitischen, modernen Großstädten, in denen hochgebildete Menschen zu Hause waren. Diese wären ohnehin wohl viel teurer und überqualifiziert gewesen.

Damals mag man sich darüber keine großen Gedanken gemacht haben, aus heutiger Perspektive aber sollte man sich schon fragen, ob das traditionelle Familienmuster von Arbeitsmigranten und ihren Nachfahren vielleicht eher ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Integrationsproblematik wirft – und daher nicht nur für Muslime oder Türken gilt, sondern genauso für Italiener oder Christen jener Zeit. Die soziale Herkunft – Stadt oder Land, gebildet oder ungebildet – spielt also eine viel größere Rolle hinsichtlich der Beurteilung patriarchaler Strukturen.

Das Heimchen am Herd

Frauen für die schwere Fließband- und Akkordarbeit in der Industrie anzuwerben, wäre damals für die Bundesrepublik unvorstellbar gewesen. Und das ist es bis heute, wie das Beispiel von Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion zeigt. Aufgrund des Arbeitskräftemangels durch die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts und aus ideologischen Gründen nahmen sie etwa in der UdSSR die klassischen Männerberufe wahr: als Straßen-, Schienen- und Eisenbahnbauerinnen, in der Schwerindustrie, im Maschinenbau oder als Bus- und Traktorfahrerinnen.

Nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft kamen viele von ihnen auf der Suche nach Arbeit in die Bundesrepublik. Und was mussten sie dort vernehmen? Dass ihre Berufe in Deutschland traditionell ausschließlich Männern vorbehalten seien und deshalb keine Frauen eingestellt werden könnten. Auch noch in den späten 1990er Jahren galt hierzulande der Mann als Ernährer der Familie. Die Studie "Russlanddeutsche in der Bundesrepublik Deutschland" (2014) von Petra Ferdinand-Sorb zeigt beispielsweise auf, wie Frauen in die Rolle der Hausfrau und Vollzeitmutter gedrängt wurden.

Wenn also heute russlanddeutschen Männern vorgeworfen wird, sie würden ein traditionell patriarchales, "archaisches" Familienbild vertreten, was in manchen Fällen sicherlich nicht unbegründet ist, muss man sich dann nicht aber auch fragen, ob solche Strukturen nicht stillschweigend in Kauf genommen wurden, weil sie dem damaligen gesellschaftlichen Bild und der deutschen Arbeitsmarktpolitik entsprachen? Über russlanddeutsche Machos wird hierzulande jedoch wenig öffentlich gesprochen. Ob das daran liegt, dass sie nicht ins kulturelle und religiöse Raster und damit in die gegenwärtige Islamdebatte passen?

Deutsche kocht mit ihren Kindern in einer Küche; Foto: Colourbox/Kzenon
"Setzt die CDU nicht selbst auf ein ziemlich archaisches Rollenverständnis, etwa wenn es um die sogenannte 'Herdprämie' geht? Oder würde man in diesem Zusammenhang lediglich von 'Wertkonservatismus' sprechen, einfach aufgrund des 'christlichen Kontexts'?", fragt Kaiser.

Religiöse Vielfalt

Frauen werden nicht "vom Islam" unterdrückt, sondern in erster Linie von Männern. Oder von anderen Frauen. "Den Islam" gibt es ohnehin nicht, wie immer wieder versucht wird zu differenzieren, sobald sich die Debatte festgefahren hat. Vielmehr haben die Menschen, die pauschal als Muslime bezeichnet werden, die unterschiedlichsten sozialen, politischen und religiösen Hintergründe: Aus der Türkei, Bosnien, Albanien, Kosovo, Iran, Marokko, Afghanistan, Libanon, Pakistan, Syrien, Deutschland kommen sie, ihre Vorfahren waren Sunniten, Aleviten, Schiiten, Alawiten, Ahmadiyya-Anhänger, Sufis, Ismailiten, Zaiditen, Ibaditen – von extrem fromm bis extrem säkular reicht das Spektrum ihrer Überzeugungen.

Sie spiegeln die Vielfalt wider, mit der in Deutschland Kultur und Religion gelebt und praktiziert werden. Diese Einsicht ist eigentlich recht simpel. Auch lässt sich umgekehrt das frauenverachtende Verhalten von manch säkularem Bauarbeiter oder Vorstandsvorsitzenden, nachweisbar deutsch in der 20. Generation, schlecht auf den Islam zurückführen.

Der Debatte würde ein etwas differenzierteres Bild von Islam, Migranten und nicht zuletzt Deutschen und ihren "Grundwerten" gut tun. Denn es scheint schon einiges durcheinander zu gehen, wenn sich Frauen gegen Männer zur Wehr setzen, indem sie Verbote für andere Frauen fordern. Wie etwa ein Burka-Verbot einen Imam dazu bewegen könnte, einer CDU-Politikerin beim nächsten Besuch die Hand zu schütteln, lassen viele islamkritische Publikationen offen.

Dass ausgerechnet Frauen mit sehr konservativen Einstellungen sich der Emanzipation von Musliminnen verschreiben, etwa die ehemalige deutsche Weinkönigin Julia Klöckner, stimmt zusätzlich nachdenklich. Setzt die CDU nicht selbst auf ein ziemlich archaisches Rollenverständnis, etwa wenn es um die sogenannte "Herdprämie" geht? Oder würde man in diesem Zusammenhang lediglich von "Wertkonservatismus" sprechen, einfach aufgrund des "christlichen Kontexts"?

Vielleicht begründet der Imam sein Handeln sogar selbst mit dem Islam. Das tun islamische Feministinnen aber auch. Oder politische Aktivisten, wie etwa Farid Esack, der sich einst gegen die Apartheid einsetzte. Der islamische Theologe aus Südafrika sagte während seines jüngsten Vortrags in Berlin: "Vielleicht gibt es ja so viele 'Islame', wie es Muslime gibt."

Susanne Kaiser

© Qantara.de 2015

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Der lange Weg der Emanzipation

Es geht um Demütigung und Herabsetzung von deutschen Frauen die sich ihre Emanzipation hart erkämpft haben. Wir müssen uns sowas von solchen Rassistischen Patriarchen nicht befallen lassen. Diese Leute leben hier und haben sich uns anzupassen und nicht wir Ihnen wenn sie bei uns leben wollen und unsere Sozialhilfe in Anspruch nehmen. Sie können ja gehen wenn es Ihnen nicht gefällt, wir können auf solche "Menschen" gern verzichten.

Ilse Schmitt22.10.2015 | 17:22 Uhr

Liebe Susanne Kaiser
Ich finde, dass Sie etwas blauäugig argumentieren und möchte ihre Aussagen einmal genauer untersuchen.
Zunächst einmal erklären Sie, dass historische und soziale Faktoren eine Rolle spielen und damit also weniger die Religion. Als Bespiel führen Sie die deutsche Einwanderungspolitik der 60er Jahre an, in der vor allem Männer aus den ruralen Regionen der Türkei Gastarbeiter angeworben wurden, die später ihre Familien nachholen konnten.

Ihre Hauptthese ist somit: ,,Die soziale Herkunft – Stadt oder Land, gebildet oder ungebildet – spielt also eine viel größere Rolle hinsichtlich der Beurteilung patriarchaler Strukturen".
Wenn man sich aber anguckt, dass andere Gruppen wie die Italiener oder Portugiesen und auch exotischere Menschen mit anderer Religion wie Vietnamesen, Koreaner oder Thailänder eher unauffällig sind und es keine jährlichen "Integrationsgipfel" geben muss.

Wenn man Deutschland eine falsche Migrations- und Integrationspolitik vorwirft, sollte man zum Vergleich andere Länder mit herausragender Willkommenskultur (Kanada, Australien, Schweden, Niederlande) heranziehen. Trotz anderer wirtschaftlicher, kultureller und historischer Vorraussetzungen sind die Probleme der muslimischen Einwanderer vergleichbar.

Der Gender Equality Index, der die Gleichsstellung von Mann und Frau untersucht, kommt im Jahr 2013 bei 136 Ländern zu einem klaren Ergebnis: Das erste Land mit mehrheitlich Muslimen ist Kasachstan auf Platz 32. Indonesien auf Platz 95 und die Türkei auf Platz 120. Die 10 letzten Ränge, also die Länder mit der größten Geschlehterungleichheit, gehen ausschließlich an islamische Länder, darunter auch relativ entwickelte Staaten wie Iran, Marokko und Saudi Arabien.

Für die allermeisten Muslime gilt der Koran als die wörtliche Überlierung Allahs. In vielen Koranversen wird zudem deutlich wie gering der Stellenwert einer Frau ist, wenn das Schlagen der Frau legitimiert wird, festelegt wie sie sich zu verschleiern hat oder dass ihre Aussage nur halb so viel Wert wie die eines Mannes sei.
Da für viele Muslime die handeln nach religiöser Vorschrift eine wichtigere Rolle spielt, als z.B für die meisten Christen führt das auch dazu, dass die Religion der Hauptgrund für die Unterdrückung der Frau ist.

Ich würde mir wünschen, dass Sie auf meinen Kommentar eingehen und hoffe auf eine interessante Diskussion

Liem Dang23.10.2015 | 01:57 Uhr

Ich muss gestehen, mir ist es ziemlich egal, welche tiefenpsychologischen/soziologischen/religiösen Gründe es hat, wenn Väter mir nicht die Hand geben oder Jungs mir erklären, sie müssten sich von mir gar nichts sagen lassen oder junge Männer sich mir gegenüber unangemessen benehmen und dergleichen Alltagserfahrungen mehr.

Ich betrachte ein derartiges Verhalten als Respektlosigkeit und deutliches Signal, dass ich als westliche/verwestlichte Frau nicht akzeptiert werde, bzw. die in unserer Gesellschaft herrschenden Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs offensichtlich keine Geltung haben.

Es ist mein ganz persönlicher Erfahrungswert, dass ein derartiges Verhalten fast ausnahmslos von Personen des orientalischen Kulturkreises ausgeht.

Scarlett Hasanovic23.10.2015 | 18:02 Uhr

Wer ist diese Autorin? Einen solchen Schmonzes kann man doch nicht mehr ernst nehmen Zudem es eine Unverschämtheit ist, Menschen, die täglich als "individuelle Erfahrung" subjektiv in ihrem Beruf mit "Multi-Kulti-Problemen" zu kämpfen haben, hier hinzustellen, als seien sie ein wenig gaga. Ich wünsche Ihnen, liebe unbekannte Autorin, dass Sie entweder mal ein halbes Jahr an einer deutschen Gesamtschule als Lehrerin arbeiten, als Streifenpolizistin Ihren Dienst tun oder eben als weibliches Wesen in einem islamischen Land leben MÜSSEN. Danach sprechen wir uns dann mal wieder und können mal sehen wie dann Ihre individuelle Erfahrung aussieht und ob Sie immer noch an die Mär glauben, dass Islam und Frauenfeindlichkeit nichts miteinander zu tun haben. Mir wurde die latente und offene Frauenfeindschaft im real gelebten Islam nach elf Jahren in einem muslimischen Land einfach zu viel, ich bin gegangen...

Ingrid Wecker23.10.2015 | 20:12 Uhr

Was mich immer wieder fassungslos macht, ist diese hartnäckige Ignoranz gegenüber der Lebenswirklichkeit vieler Frauen in oder aus der arabischen Welt. Und ich kann es auch nicht mehr hören, dass wir Deutschen so viel falsch machen. Verantwortung liegt bei allen WeltbürgerInnen, wenn man sie denn dazu "erziehen" würde. Aber der stumpfe Gehorsam, den viele Muslime - nicht alle! - von Kindheit an erleben, trägt nicht die Kraft der Verantwortungsübernahme in sich, sondern nährt eine Klage- und Selbstmitleidskultur, falls man es Kultur nennen kann. Ich habe beruflich seit 30 Jahren mit sexualisierter Gewalt an Frauen weltweit zu tun. Und je patriarchaler eine Gesellschaft, umso schlimmer ergeht es den Frauen. Und die arabisch-islamische Welt ist noch für lange Zeit gefangen in patriarchalen Traditionen, die den Frauen nur schwer einen gleichberechtigten Platz einräumen. Machen Sie die Augen auf, lesen Sie! Z.B. das neue Buch der Journalistin Maria von Welser "Wo Frauen nichts wert sind"...

Die libanesische Journalistin Patricia Khoder schreibt, warum es unklug ist, so viele Flüchtlinge aufzunehmen: "...Der Islam hat andere Vorstellungen von Staat, Demokratie und Frauenrechten, als sie in Europa üblich sind. Sicherlich kann der Islam auch eine tolerante Religion sein, im Moment aber dominiert in ihm ein fundamentalistischer Trend..."

Dorothea Walter23.10.2015 | 23:01 Uhr