Debatte über Schöpfungslehre in der Türkei

Evolutionstheorie unter Druck

In wissenschaftlichen und universitären Kreisen der Türkei werden zunehmend Befürchtungen über einen Schulterschluss der islamistischen Regierung mit der starken Lobby der so genannten Kreationisten laut. Von Dorian Jones

Türkische Schüler; Foto: dpa
700 Wissenschaftler haben kürzlich einen Prozess gegen die türkische Regierung angestrengt. Sie wollen damit den wachsenden Einfluss der Gegner der Evolutionstheorie im Klassenzimmer eindämmen

​​Von der Evolutionstheorie werden die Kinder in türkischen Schulen bald nichts mehr zu hören bekommen, warnte unlängst ein türkischer Professor auf einer wissenschaftlichen Tagung. Das Thema dieser von Ozgur Genc organisierten Konferenz war der zunehmende Einfluss der Kreationisten auf den Lehrplan.

Im Laufe der letzten Jahre, so Genc, sei die Evolutionstheorie immer mehr in die Kritik geraten. Die Schöpfungslehre stehe zunehmend gleichberechtigt neben Darwins Erkenntnissen über die Artentwicklung.

Kampagnen in ganz Europa

In einem der zahlreichen Einkaufszentren Istanbuls kann man derzeit eine kreationistische Ausstellung besuchen, organisiert vom "Verein für Wissenschaft und Forschung". Dabei handelt es sich um eine finanzstarke Organisation, die umfangreiche und teuer gestaltete Bücher samt zugehörigen DVDs an alle Interessierten gratis vergibt.

Die Gruppe führt in ganz Europa Kampagnen durch. Der Unternehmer Tarkan Yavas ist einer ihrer Mitarbeiter und sieht seine Aufgabe darin, die Jugend des Landes vor "veralteten Ideen des Darwinismus" zu bewahren.

"Die Technologie des 21. Jahrhunderts zeigt deutlich die Schwachstellen der Evolutionstheorie auf", behauptet Yavas. "Wissenschaftlich ist sie nicht mehr haltbar, und darauf möchten wir aufmerksam machen. Diese Theorie ist von ihrem Grundsatz her ideologisch, ihr geht es lediglich darum, Gott zu leugnen. Zu diesem Zwecke werden in ihrem Namen Unwahrheiten verbreitet, mit denen dann unsere Kinder infiltriert werden."

Transatlantische Bündnisse theologischer Art

Die zahlreichen DVDs aus der Kreationistenschmiede des "Vereins für Wissenschaft und Forschung" stützen sich auf das Schrifttum radikal-christlicher US-Gruppierungen. Abgesandte solcher Gruppen haben bereits oft an Tagungen türkischer Kreationisten teilgenommen.

Bereits 1985 kooperierte das "Institute for Creation Research" mit der damaligen türkischen Regierung, mit dem Ziel, die Schöpfungslehre in die türkischen Lehrpläne aufzunehmen.

Einer der heftigsten Kritiker des Darwinismus ist der Schriftsteller und Kolumnist Mustafa Akyol. Er arbeitet eng mit US-amerikanischen Gruppen zusammen und trat in Kansas in einem Prozess gegen den Darwinismus im Lehrplan als Sachverständiger auf. Wenn US-Amerikaner und Türken gemeinsam gegen den Darwinismus antreten, hilft das dabei, religiöse Schranken zu überwinden, meint er.

"Es entsteht derzeit ein interessantes Bündnis zwischen den theistisch denkenden Menschen in West und Ost, ein Bündnis, das sich einem grundsätzlich religionsfeindlichen Denken entgegenstellt. Die Konflikte zwischen der islamischen Welt und dem Westen haben zum großen Teil damit zu tun, dass grundsätzlich atheistisches Gedankengut aus dem Westen importiert wird", so Akyol.

Allmählich setze aber auch im Westen selbst eine Kontroverse über eine solche materialistische Anschauung ein erklärt er: "Zunehmend geben auch die Menschen im Westen zu, dass der philosophische Materialismus keine richtige wissenschaftliche Grundlage hat, dass die Wissenschaft genauso gut ein theistisches Weltbild stützt und die Existenz eines Gottes bejahen kann. Wenn Muslime diesen Mentalitätswechsel im Westen anerkennen, können sie vom sturen Ost-West-Denken abkommen und mit der anderen Seite in einen Dialog treten."

Doch während muslimische und christliche Gruppen in der Ablehnung des Darwinismus zusammenfinden, geraten die Lehrkräfte an den türkischen Schulen zunehmend in die Zwickmühle.

Lehrer unter Druck

Ohne die Zustimmung des Unterrichtsministeriums dürfen türkische Lehrerinnen und Lehrer nicht mit den Medien sprechen. Die folgenden Äußerungen sind deshalb anonymisiert worden.

Frau X unterrichtet Biologie an einem Gymnasium in Istanbul. Lehrerinnen und Lehrer haben bei der Gestaltung des Unterrichts viel Freiraum, meint sie. Deshalb spielen sie für die streitenden Parteien eine große Rolle.

"Lehrer, die den Kindern die Evolutionstheorie erklären wollen, stehen im Kollegenkreis unter starkem Druck von überzeugten Kreationisten. Drei von fünf Biologielehrern an meiner Schule bringen den Schülerinnern und Schülern die Schöpfungslehre bei, und diese drei Kollegen setzen mich Tag für Tag unter Druck. Und dann hetzen sie auch noch die Kinder gegen mich auf."

Vor der Schule und sogar auf dem Schulgelände selbst teilen immer wieder religiöse Gruppen kreationistisches Infomaterial aus, erzählt die Lehrerin: "Sie beschweren sich auch bei den Behörden über Lehrer, die den Kindern die Evolutionstheorie beibringen. Letztes Jahr wurden aufgrund solcher Klagen fünf Lehrkräfte vom Dienst suspendiert. Für Lehrerinnen und Lehrer wie mich wird es also Jahr für Jahr schwerer."

Unterrichtsminister Huseyin Celik war trotz mehrfacher Nachfrage bisher nicht bereit, diese Vorwürfe zu kommentieren oder überhaupt eine Erklärung zu dem Thema abzugeben. Aus Journalistenkreisen heißt es jedoch, Minister Celik befürworte es, wenn sowohl die Schöpfungslehre als auch der Darwinismus im Unterricht behandelt würden. Die fünf suspendierten Lehrkräfte wieder einzustellen, soll er aber abgelehnt haben.

Eltern gespalten

Der sich zuspitzende Konflikt spaltet auch die Eltern. Am Istanbuler Cihangir-Gymnasium sind die meisten Eltern streng gläubig.

"Im Biologieunterricht darf die Lehre von der Schöpfung auf keinen Fall fehlen", sagt ein Vater. "Die Kinder sollen lernen, dass Gott die Welt und alle Lebewesen geschaffen hat. Ich glaube selbst an Gott und erziehe meine Kinder mit diesem Glauben. Dann sollten sie in der Schule nicht etwas völlig anderes lernen, das bringt sie nur durcheinander."

"Religion und Wissenschaft zu vermischen, ist nicht gut", findet hingegen ein anderer Vater. "In den naturwissenschaftlichen Fächern sollten wissenschaftliche Erkenntnisse gelehrt werden, und im Religionsunterricht müsste den Kindern Religion beigebracht werden. Schließlich sollen sie lernen, rational zu denken. Religion und Wissenschaft sind wie Öl und Wasser, sie lassen sich nicht vermischen."

Wie in vielen anderen Fragen nimmt in der Türkei auch in Bezug auf die Religion die Polarisierung immer mehr zu. Welche Rolle soll sie in der zukünftigen Entwicklung des Landes spielen? Da die Kinder im Mittelpunkt dieses aktuellen Streits stehen, werden sich wohl beide Seiten für einen langen und erbitterten Kampf rüsten.

Dorian Jones

Übersetzung aus dem Englischen: Ilja Braun

© DEUTSCHE WELLE/Qantara.de 2006

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