Das Touré-Raichel Collective

Erweiterung des musikalischen Horizonts

Ein israelischer Keyboarder und Komponist sowie ein Gitarrist aus Mali treffen sich zufällig in Paris. Das Ergebnis ist ein wundervolles Zusammenspiel zweier musikalischer Klangwelten. Richard Marcus über „The Paris Session“, das zweite Album des Touré-Raichel Collective

Wenn man über ein musikalisches Projekt berichtet, das von einem israelischen Juden und einem malischen Muslim auf die Beine gestellt wird, ist es schwer, die gegenwärtige politische Realität außer Acht zu lassen.

Dennoch sollte man dabei nicht vergessen, dass die Geschichte von Isaak und Ismael damit endete, dass sie zusammenkamen, um ihren gemeinsamen Vater zu beerdigen, oder daran, dass Juden über hunderte von Jahren in islamisch regierten Ländern einen sicheren Hafen fanden, als sie überall sonst in Europa ausgestoßen und verfolgt wurden. Auch wenn es, wie ich glaube, viele gibt, die dies verneinen würden, lehrt uns die Geschichte, dass Juden und Muslime besser miteinander auskommen, als sie es mit den meisten anderen würden.

Im Fall des Israelis Idan Raichel und dem aus Mali stammenden Vieux Farka Touré war es die Musik, die beide zusammenbrachte. Nach einem Zufallstreffen in Europa bildeten die beiden das Touré-Raichel-Collective und veröffentlichten vor einigen Jahren ihr erstes Album „The Tel Aviv-Session“. Geplant war es, die zweite CD in Bamako, der Hauptstadt Malis und Tourés Heimatland, aufzunehmen. Die eskalierende Gewalt in dem afrikanischen Staat und Drohungen radikaler Islamisten gegen malische Musiker machten das Vorhaben jedoch zunichte.

Stattdessen entschieden sich beide Musiker dazu, die Aufnahmen auf neutralem Boden zu machen, nämlich in Paris. Das Ergebnis ist ein wundervolles Aufeinandertreffen zweier musikalischer Klangwelten: „The Paris Session“ erschien Ende September auf dem Label „Cumbancha“.

Raichel wie Touré bringen in diesem Album ihre eigene, sehr spezifische kulturelle Perspektive mit ein. Raichel ist vor allem bekannt als Komponist, Produzent und Keyboarder, dessen Arbeit mit dem Idan Raichel Project ihn zusammenbrachte mit Fado-Sängern aus Portugal, der israelisch-palästinensischen Sängerin Mira Awad, aber auch mit Opernsängern.

Als Sohn des berühmten malischen Gitarristen Ali Farka Touré (dessen gemeinsam mit dem US-Amerikaner Ry Cooder aufgenommenes Album “Talking Timbuktu” ihm internationale Anerkennung einbrachte) ist Vieux Farka Touré heute einer der bekanntesten Exponenten der malischen Variante des Blues. Die Mischung aus E-Gitarre und traditionellen afrikanischen Instrumenten lässt seine Musik als eigentlichen Ursprungsort aller blues-basierten Popmusik aufscheinen.

Cover der CD „The Paris Session“
Laut Richard Marcus ist „The Paris Session“ des The Touré-Raichel Collective ein Beweis dafür, „dass es keine Kluft gibt, die nicht zu überwinden ist, egal, wie tief diese auch erscheinen mag“ und dafür, „was alles möglich ist, wenn Menschen ihre Unterschiede vergessen und sich auf die Suche nach Gemeinsamkeiten begeben.“

Wundervolle Mischung musikalischer Aromen

Touré und Raichel schrieben zwölf der insgesamt vierzehn Songs der „Paris Session“ gemeinsam. Der dreizehnte Song, „Hodu“, ist eine neue Version eines von Raichel zuvor komponierten Stückes. Das letzte ist eine Coverversion von Raichels Lieblingssong aus „Talking Timbuktu”, „Diaraby“. Den Kern ihrer Band bildeten bei den jüngsten Aufnahmen Touré (Gitarre und Gesang), Raichel (Klavier, elektrische Orgel, Moog-Synthesizer, Bass und Gesang), Daby Touré (Bass) und Abdourhamane Salaho (Kalebasse und Congos). Als Gäste wirkten außerdem mit: Niv Toar (Trompete) bei „From End to End“ und „Bandirabait“;  Seckouba Diabate (Gesang) bei „Bandirabait“; Dialimory Sissoko (N‘goni) bei „Soumbou Touré“ und Eyal Sela (Flöte) bei „Gassi Gabbi“.

Was dieses Ensemble von Musikern dabei schuf, ist eine wundervolle Mischung unterschiedlicher musikalischer Aromen, die nicht nur die persönlichen Stile und ihren jeweiligen musikalischen Hintergrund spiegelt, sondern auch echtes Neuland erschließt, indem sie das bisherige Spektrum ihrer Musik zu etwas völlig Neuem erweitern.

In gewisser Weise ist das Album nicht nur eine Sammlung von vierzehn einzelnen Stücken; die Songs kommunizieren miteinander. Das bedeutet nicht, dass sie alle gleich klingen, sondern eher, dass es thematische Verknüpfungen gibt, die sie zusammenhalten. Wie es ansonsten bei Jazzaufnahmen – oder in der klassischen Musik der Fall ist –, haben die Musiker etwas geschaffen, was als gesamtheitliche Musikerlebnis funktioniert, nicht nur als lose Ansammlung von Popsongs.

Im Unterschied aber zum Jazz oder zur Klassik besitzen die Songs auf dieser CD auch noch ihren jeweilig speziellen, einzigartigen Charakter, der jeden von ihnen zu etwas Besonderen macht. Es wirkt so, als ob die Musiker im Laufe der Aufnahmesessions ein solides Fundament errichteten, von dem aus sie dann dieses Neuland erschließen und ihren musikalischen Horizont gegenseitig erweitern konnten.

Wenn man sich Songs wie „Gassi Gabi“ des Flötisten Sela anhört oder „From End to End“ und „Bandirabait“ des Trompeters Niv Toars, muss man unwillkürlich an Jazzgrößen wie Eric Dolphy und Miles Davis denken. Und das nicht nur, weil diese Stücke zwei Instrumente in den Mittelpunkt stellen, die so eng mit jenen beiden Musikern verbunden sind, sondern aufgrund der Art und Weise, in der es ihnen gelingt, das gleiche Maß an Ausdruck und Schönheit hervorzubringen, wie es jenen Jazz-Ikonen schon damals gelang.

Im Unterschied zur Musik Dolphys und Davis‘ aber, bei deren Musik die Solos immer im Mittelpunkt standen und direkt zum Zuhörer sprachen, fügen Flöte und Trompete hier der Musik, auch wenn sie sich von den anderen Instrumenten abheben, nur eine zusätzliche Textur hinzu. Es ist eben ein wahrhaftiges musikalisches Kollektiv, in dem jeder Musiker dafür verantwortlich ist, seinen eigenen Beitrag zum Gesamtklang zu leisten.

Schön und anspruchsvoll

Natürlich ist es nicht anders zu erwarten, als dass die Band das aufnimmt, was ihre beiden Leader vorgeben, und doch ist es bemerkenswert, wie es Touré und Raichel gelingt, ihren jeweiligen persönlichen Sound miteinander zu verschmelzen und zu modifizieren. Insbesondere Touré beeindruckt mit der Vielseitigkeit seines Gitarrenspiels und mit der Beseeltheit seiner Stimme.

Die Fähigkeit, sein Instrument zur Erweiterung seiner selbst zu machen und zum Mittel, innerste Emotionen auszudrücken, lässt sich eher mit der eines Violinisten vergleichen, als mit dem, was wir üblicherweise mit einem Gitarristen verbinden. Ohne jede überflüssige Verzierung schafft er etwas zugleich Schönes wie Anspruchsvolles.

Raichel ist ein überaus talentierter Pianist, und auf dieser Aufnahme wird uns nicht nur dafür ein weiterer Beleg geliefert, sondern auch dafür, dass er ein fast schon angeborenes Verständnis dafür besitzt, wie sich sein Instrument jeder musikalischen Thematik anpassen kann. Zuweilen fügt er der Musik eine Extraportion Percussion hinzu, bei anderen Stücken lässt er den Zauber in seine Solos fließen, mit denen er die Band auch in das Genre des Jazz entführen kann.

Aber worin auch immer seine Rolle in der Musik besteht, gelingt es ihm stets in beeindruckender Weise, sein Instrument nicht dominieren zu lassen. Seine Einfühlsamkeit als Musiker (und Produzent des Albums) hinsichtlich der Bedürfnisse der Band ist es, was diese Gruppe zu einem so großartigen Ensemble macht.

Auch wenn eine Gruppe leider kein mikrokosmisches Abbild der realen Welt ist, kann das Touré-Raichel Collective doch ein Beispiel dafür sein, was möglich ist, wenn Menschen ihre Unterschiede vergessen und sich auf die Suche nach Gemeinsamkeiten begeben. Niemand wurde dabei genötigt, etwas von dem aufzugeben, was ihn im Kern ausmacht – egal, ob in kultureller Hinsicht oder als Person; und doch erkennen sie im jeweils anderen nicht nur etwas von sich selbst wieder, sondern erschaffen gemeinsam etwas völlig Neues und Aufregendes.

Dies ist nicht nur ein Album mit großartiger Musik, die eigentlich jedem, der sie hört, gefallen müsste, vielmehr ist schon der Umstand, dass diese Klangwelten überhaupt entstehen konnte, ein Zeichen dafür, dass es keine Kluft gibt, die nicht zu überwinden ist – egal wie tief diese auch erscheinen mag.

Richard Marcus

© Qantara.de 2014

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

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