Das Schicksal der Rohingya-Flüchtlinge

Abschiebung in den sicheren Tod

Noch immer befinden sich Tausende Angehörige der muslimischen Rohingya-Minderheit auf hoher See in Not. Zwar haben sich Malaysia und Indonesien unter internationalem Druck zur vorübergehenden Aufnahme von Flüchtlingen bereit erklärt, nachdem sie deren Boote zunächst abgewiesen hatten. Doch die humanitäre Lage ist nach wie vor desaströs, wie Phil Robertson von Human Rights Watch im Gespräch mit Roma Rajpal Weiß berichtet.

Wie viele Rohingyas befinden sich Ihren Schätzungen zufolge noch auf offener See?

Phil Robertson: Genaue Schätzungen sind äußerst schwierig, zumal wir nicht wissen, wie viele Boote es gibt und wo sie sich befinden. Die besten Informationen, über die Human Rights Watch momentan verfügt, lassen darauf schließen, dass noch immer bis zu 8.000 Rohingyas und Bangladeschis auf offener See sind und wie menschliche Ping-Pongbälle zwischen den Seestreitkräften von Indonesien, Malaysia und Thailand hin- und her gespielt werden.

Eins ist aber klar: Wenn die genannten Regierungen nichts dagegen tun, dass die Boote immer wieder abgewiesen werden, werden diese Menschen sicher sterben. Die Seestreitkräfte dieser drei Länder müssen dringend handeln, um alle Boote auf offener See zu finden und sie im Rahmen der humanitären Nothilfe an Land zu bringen, damit diese Menschen Nahrung, medizinische Behandlung und Sicherheit bekommen können. Alles andere ist zweitrangig.

Wie sind die Zustände auf den Booten und in den Lagern?

Robertson: Die Zustände sind wirklich erschreckend. Einige dieser Menschen sind seit Wochen – in einigen Fällen seit Monaten – auf diesen Booten unterwegs. Sie haben kaum etwas zu essen und zu trinken. Jeder Winkel und jede Ecke dieser Boote ist mit Passagieren vollgestopft. Es gibt weder grundlegende sanitäre Einrichtungen noch Medikamente. Diejenigen, die sich an Deck befinden, sind Wind und Wetter offen ausgesetzt.

Angehörige der Rohingya auf hoher See; Foto: dpa/picture-alliance
Flucht vor Unterdrückung und Verfolgung: Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres flüchteten nach Schätzungen von Menschenrechtlern fast 29.000 muslimische Rohingyas mit größtenteils seeuntauglichen Booten aus dem mehrheitlich buddhistischen Myanmar.

Welche Hilfe wird ihnen angeboten und von wem?

Robertson: Die thailändischen, malaysischen und indonesischen Streitkräfte behaupten, sie würden nicht nur die Boote abweisen, sondern den Menschen auch Nahrung, Wasser und Brennstoff zur Verfügung stellen. Wie dies geschieht, ist eine andere Frage. Letzte Woche hat beispielsweise ein thailändischer Hubschrauber Lebensmittel neben einem Rohingya-Boot ins Meer geworfen, und die ausgehungerten Menschen mussten ins Wasser springen und schwimmen, um sie zu bergen. Diese Regierungen denken, ein paar Pakete Wasser und Fertignudeln seien genug, um Menschen zu versorgen, die offensichtlich ausgezehrt sind und dringend Hilfe benötigen. Auf diesen Booten sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder. Die Lage ist ernst, die internationale Gemeinschaft muss umgehend handeln.

Wer ist für diese Krise verantwortlich?

Robertson: Die direkte Verantwortung für diese skrupellose Politik, Menschen zurück aufs offene Meer zu schicken, tragen Thailand, Malaysia und Indonesien. Sie sind auch verantwortlich für weitere Todesfälle, die aus der Tragödie resultieren. Für die Menschenrechtsverletzungen und politische Diskriminierung gegen die Rohingya, die sie zur Flucht veranlassen, ist die Führung Myanmars verantwortlich. Dazu gehören auch die ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Human Rights Watch bereits im Jahr 2012 dokumentiert hat.

Seitdem hält das Land über 150.000 vertriebene Rohingya in Lagern gefangen, die ohne bürgerlichen Status und Rechte und ohne grundlegende medizinische Versorgung, Ausbildung oder andere wichtige humanitäre Voraussetzungen festgehalten werden und sowohl von den burmesischen Sicherheitskräften als auch von den feindseligen buddhistischen Rakine-Gemeinschaften umgeben sind. Aber auch Bangladesch beteiligt sich an der Unterdrückung der 300.000 Rohingya, die in dem Land Zuflucht suchen.

Phil Robertson; Foto: Human Rights Watch
"Die direkte Verantwortung für diese skrupellose Politik, Menschen zurück aufs offene Meer zu schicken, tragen Thailand, Malaysia und Indonesien. Sie sind auch verantwortlich für weitere Todesfälle, die aus der Tragödie resultieren" - Phil Robertson ist stellvertretender Asien-Direktor von Human Rights Watch.

Was müssen die süasiatischen Länder Ihrer Meinung nach tun?

Robertson: Thailand, Malaysia und Indonesien müssen die Boote finden und an Land bringen, den Passagieren sofortige humanitäre und medizinische Hilfe zukommen lassen und dem UNHCR uneingeschränkten Zugang zu denjenigen Personen gewähren, die den Flüchtlingsstatus beantragen wollen. Die Führung Myanmars muss die Diskriminierung gegen die Rohingya beenden und sie als Bürger anerkennen. Die Verantwortlichen für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Arakan müssen vor ein Gericht gestellt werden. Und die ASEAN-Staaten sollten zur Abwechslung einmal echte regionale Führungsstärke zeigen.

Die burmesische Regierung von Thein Sein hat sich geweigert, an der geplanten Regionalkonferenz am 29. Mai in Bangkok teilzunehmen. Was halten Sie davon?

Robertson: Dass Burma auf die Misshandlungen gegen die Rohingya weiterhin mit einer Politik der Verdrängung reagiert, ist unverständlich und inakzeptabel. Aber dieses Treffen kommt ohnehin zu spät. Wenn die Abweisung der Boote nicht sofort beendet wird, könnte es sein, dass niemand mehr am Leben ist, wenn die Konferenz beginnt.

Wie kann die internationale Gemeinschaft dazu beitragen, die Krise zu beenden?

Robertson: Sie muss Druck auf diese Regierungen ausüben, damit sie ihre Blockade beenden, und die Rohingya als Menschen behandeln, deren Menschenrechte respektiert werden. Um diese Blockade zu beenden, ist der Druck der internationalen Gemeinschaft auf Thailand, Malaysia, Myanmar und Indonesien von entscheidender Bedeutung.

Das Interview führte Roma Rajpal Weiß.

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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