Blick auf die alte Synagoge Susiyas, die heute eine Moschee ist.
Das palästinensische Dorf Susiya

Archäologie der Enteignung

Der Fall des palästinensischen Dorfes Susiya zeigt, wie Archäologie zum Instrument israelischer Siedlungspolitik wird. 1986 fand man dort die Ruinen einer alten Synagoge. Daraufhin wurden die Dorfbewohner enteignet und das Gelände zum archäologischen Park deklariert. Die Bewohner wehren sich vergeblich. Von Ylenia Gostoli

Der Weg in das Dorf Susiya führt in die Berge südlich von Hebron. Auf der unbefestigten Straße in Richtung Susiya geht es vorbei an einem mit Steinen übersäten Gipfel. Dort steht sichtbar eine uralte Synagoge, heute ist sie eine Moschee. "Hier war einmal unser Dorf. Hier wurde ich geboren", sagt der 29-jährige Abed Nawajaa.

Das Grundstück auf das er weist, ist umgeben von einem Stacheldrahtzaun. Es wird vom Militär überwacht. Die verstreuten Steinbrocken sind die Überreste des alten Susiya. Auf dem Grundstück stand das Dorf seit 1830. Im Jahr 1986 wurden die Bewohner enteignet. Ein  archäologischer Park sollte dort entstehen. Die Dorfbewohner wurden auf ihr Ackerland umgesiedelt, das weniger als einen Kilometer vom früheren Susiya entfernt liegt. Palästinenser, vor allem die Dorfbewohner selbst, dürfen das Gelände seitdem nicht mehr betreten.

Ende März berichtete die israelische Tageszeitung "Haaretz", die Regierung habe beim Obersten Gerichtshof des Landes beantragt, das alte Dorf nun vollständig abreißen und seine Einwohner in die naheliegende Stadt Yatta umsiedeln zu dürfen. In dem Antrag wird auch die Antwort der israelischen Regierung auf eine Petition der Dorfbewohner zitiert. An der Ausgrabungsstätte habe es kein historisches palästinensisches Dorf gegeben, heißt es. Zudem bestehe der Ort lediglich aus einigen nur zeitweise verwendeten Wohnstätten von wenigen  Familien; das Gelände werde für den archäologischen Park benötigt.

Außerdem wolle die Regierung, so die Bewohner gegenüber Qantara.de, touristische Einrichtungen des archäologischen Parks bis in das heutige Dorf Susiya hinein ausweiten. Ein Sprecher der staatlichen israelischen Organisation "Coordinator of Government Activities in the Territories" (COGAT) erläuterte dies folgendermaßen: "Ziel ist es, den archäologischen Park bei Susiya auszubauen. Dazu gehört das Anlegen von Pfaden, die Restaurierung der auf dem Gelände gefundenen historischen Fundstücke und die Aufbereitung des Geländes für die Öffentlichkeit".

Aussicht von Khirbet Susiya auf die Siedlung Susiya; Foto: Y. Gostoli
Die Siedlung Susiya (hier im Hintergrund) wurde 1983 gegründet. Die israelische Regierung beabsichtigt, das nahegelegene palästinensische Dorf "Khirbet Susiya" vollständig abzureißen.

Eine Geschichte des Verlustes

"Wir waren früher Landwirte und sind es heute noch", sagt Mohammad Ahmad Nawajaa, Abeds Vater. Er wurde jenseits der Grünen Linie geboren. Im Jahr 1948 wurden er und seine Familie aber nach Susiya umgesiedelt, an einen Ort, an dem sie Grund besaßen und im Sommer die Ernte einbrachten.

Auf den ersten Blick ist die Zeit im Dorf Khirbet Susiya fast stehengeblieben. Ungefähr 350 Menschen leben hier: Sie bauen Getreide an, pflegen ihre Olivenhaine, halten Schafe und Bienen. Dennoch trügt die Idylle. In den letzten Jahren bildete sich nämlich ein Ring national-religiöser Siedlungen um die Hebron-Berge. Seitdem berichten Menschenrechtsorganisationen regelmäßig über Schikanen und gewalttätige Übergriffe auf Palästinenser, auf ihr Getreide, ihre Olivenplantagen und ihre Häuser.  

Im Jahr 1983 wurde die jüdische Siedlung Susiya gegründet. Seitdem sind ihre roten Dächer im ganzen Tal zu sehen. "Die jüdische Siedlung ist Ursache unserer meisten Probleme", sagt Mohmmad Nawajaa. Ungefähr hundert Gebäude im arabischen Dorf Khirbet Susiya wurden zum Abriss freigegeben. Mehrere Male wurde das Dorf schon zu großen Teilen zerstört.

Dahinter steht eine rechtsgerichtete israelische Organisation mit dem Namen "Regavim". Sie will alle Bauten im Gebiet C im Westjordanland dokumentieren, die in ihren Augen illegal sind. Zusammen mit den Siedlern von Susiya reichte die Organisation im Februar 2012 eine Petition ein, in der sie die Behörden aufforderte, die Abrissverfügung auch umzusetzen.

Das palästinensische Dorf und die jüdische Siedlung befinden sich beide nach dem Abkommen von Oslo II im sogenannten Gebiet C, jenen 60 Prozent des Westjordanlandes, die von Israel kontrolliert werden.

Die Dächer von Khirbet Susiya bestehen bestenfalls aus Blech. Für stabilere Häuser wurden bisher keine Genehmigungen erteilt, denn die israelische Verwaltung hat einem Bebauungsplan nie zugestimmt. Die Gerichte haben zwar die Zerstörung der Häuser gestoppt, aber gleichzeitig den Einwohnern das Bauen weiterer Häuser untersagt.

"Ich habe einmal einen kleinen Hühnerstall gebaut, einen Quadratmeter groß, für sechs oder sieben Schekel", berichtet Azzam Nawajaa. "Die Siedler kamen, machten ein Foto und schickten es einem Anwalt, der mich dann anrief. Wenn ich ihn nicht selbst vernichten würde, müsste ich 5.000 Schekel (umgerechnet rund 1.200 Euro) zahlen, sagte er mir. Das Militär würde ihn dann zerstören." Einige von Azzams Söhnen und Töchtern haben das Dorf mittlerweile verlassen und sind in die Stadt gezogen. "Hier ist kein Platz, wohin sonst sollen sie gehen?", sagt Azzam. "25 Jahre sind wir vor Gericht gezogen, doch alles war umsonst", fügte er hinzu.

Ein provisorischer Hühnerstall im Dorf Susiya; Foto: Y. Gostoli
Diskriminierung bis zur Selbstzerstörung: Azzam Nawajaa baute vor einiger Zeit einen kleinen Hühnerstall in Susiya. Er wurde jedoch von einem israelischen Anwalt dazu aufgefordert, den Stall selbst zu zerstören. Ansonsten hätte er die Kosten für den Abriss selbst tragen müssen.

Diskriminierende Bauplanung

Fünf Versuche, einen Bauplan für das Dorf zu erstellen, wurden bereits abgewiesen. "Es geht uns um Rechtsstaatlichkeit, wenn wir die Regierung überall dort zum Handeln auffordern, wo illegal gebaut wird. Also in ganz Israel und im Gebiet C", sagt Ari Briggs, Leiter des Bereichs Internationale Beziehungen bei "Regavim". Allerdings konzentriert sich "Regavim" auf die Häuser von Palästinensern, einschließlich der von der Europäischen Union gesponserten Gebäude.

Bis heute habe sich die israelische Verwaltung entweder geweigert, einen der vielen Baupläne für über 90 Prozent der palästinensischen Dörfer innerhalb von Gebiet C zu genehmigen oder es einfach vermieden, so die israelische Menschenrechtsorganisation "B'Tselem". In der Zwischenzeit belegen Zahlen der UN-Nothilfeorganisation "Ocha", dass allein im letzten Jahr 601 palästinensische Häuser in der Westbank und in Ost-Jerusalem zerstört und 1.215 Menschen aus ihren Wohngebieten vertrieben wurden.

"Die Palästinenser bauen rechtswidrig, weil sie keine Genehmigung erhalten. Sie haben keinen Anschluss an Strom und Wasser, weil die Behörden ihnen den Zugang verweigern", meint Avital Sharon, ein Anwalt der "Rabbis for Human Rights", der zum Fall Susiya arbeitet.

In einem vor kurzem veröffentlichten Dokument bezeichnet "Amnesty International" die Bauplanung in der Westbank als diskriminierend. "Die Planung, Konstruktion und Ausweitung von illegalen israelischen Siedlungen wird erleichtert. Einer ganzen Bevölkerung das Mitspracherecht an der Bauplanung zu verweigern, zugleich aber ein paralleles Planungssystem für israelische Siedlungen zu etablieren, das die Palästinenser ausdrücklich diskriminiert, ist weltweit einmalig, zumal die bloße Präsenz der israelischen Siedlungen auf dem fraglichen Gebiet gegen internationales Recht verstößt", heisst es in dem Amnesty-Bericht.

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht der israelischen Nichtregierungsorganisation "Yesh Din" ("Under the Radar") stellen die Autoren fest, dass die inoffizielle Politik der Netanjahu-Regierung darin bestünde, Siedlungen rechtlich wasserfest zu machen. Ein Viertel der bestehenden Siedlungen in der Westbank (die sowohl nach israelischem als auch nach internationalem Recht rechtswidrig sind) sei entweder bereits genehmigt worden.

Wäsche hängt zum Trocknen im Dorf Susiya; Foto: Y. Gostoli
In Susiya sind Wasser und Elektrizität keine Selbstverständlichkeit. Oftmals zahlen palästinensische Einwohner dafür einen weitaus höheren Preis als israelische Siedler.

Archäologie als Mittel der Politik

Im Jahr 2010 wurde der archäologische Park Susiya als eine von sechs israelischen Ausgrabungsstätten in der Westbank zum nationalen Kulturerbe ernannt. Israels Ministerpräsident Netanjahu hatte 190 Millionen US-Dollar in das Projekt investiert. Einige dieser Ausgrabungsstätten - wie Susiya und Tel Shiloh - werden von Siedlerorganisationen verwaltet.

"Archäologie ist ein wichtiges Instrument, um Siedlungen zu rechtfertigen. Aus diesem Grund hat die Regierung Netanjahu auch so viel Geld in Susiya investiert", meint Hamed Salem, Professor für Geschichte und Archäologie an der palästinensischen Birzeit-Universität.

Im achten Jahrhundert wurde eine Moschee auf den Ruinen der antiken Synagoge im alten Susiya errichtet. Aber ein Besuch der Stätte bietet heute nur wenige Informationen über die nicht-jüdische Vergangenheit dieses Ortes.

"Wir wissen durch die Ausgrabungen, dass das Dorf vom zweiten bis zum 13. Jahrhundert recht groß war. Historisch nachweisbar ist eine jüdische Besiedelung vom vierten bis zum sechsten Jahrhundert. Danach gab es Veränderungen", sagt Yonathan Mizrachi, ein israelischer Archäologe der Gruppe "Emek Shaveh". Sie setzt sich gegen die politische Instrumentalisierung von Archäologie ein. "Die Archäologen haben zum Beispiel arabische Inschriften gefunden, die allerdings nie veröffentlicht wurden. Sie gehörten aber vermutlich zur Moschee. Die Geschichte dieses Dorfes endet nicht im achten Jahrhundert. Das historische Narrativ darf deshalb nicht nur von einer Nation, von einer Epoche, oder nur einer Religion handeln", so Mizrachi.

Ylenia Gostoli

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Julis Koch

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.