Das "Freedom Theatre" aus Palästina

Fragmente der Freiheit

Die meisten von ihnen waren noch nie außerhalb ihres Flüchtlingslagers im Westjordanland. Doch jetzt entdecken die palästinensischen Schauspiel-Studenten des "Freedom Theatre" Deutschland und Österreich. Kristin Hendinger berichtet.

Die meisten von ihnen waren noch nie außerhalb ihres Flüchtlingslagers im Westjordanland. Doch jetzt entdecken die palästinensischen Schauspielstudenten des "Freedom Theatre" Deutschland und Österreich. Kristin Hendinger hat ihr aktuelles Stück "Fragments of Palestine" gesehen.

​​ Das einzigartige Theaterprojekt "Freedom Theatre" aus dem Westjordanland wurde von Regisseur Juliano Mer-Khamis ins Leben gerufen, dem Sohn der jüdischen Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Arna Mer.

Sie gründete im palästinensischen Jenin ein Theater für Kinder und erhielt dafür die Auszeichnung. Ihr Sohn setzt das Lebenswerk seiner Mutter nun fort und tourt mit seinen Studenten und dem Stück "Fragments of Palestine" durch 25 Städte in Deutschland und Österreich.

Reflexionen über das Leben in Jenin

Eine Hochzeit. Männer tanzen ausgelassen. Frauen kommen hinzu, feiern mit. Plötzlich Schritte von Soldaten. Und gleich darauf stampft die israelische Besatzungsmacht die Hochzeitsgäste zu Tode. Das ist die erste Episode aus dem Stück "Fragments of Palestine".

14 Studenten der Theaterschule "The Freedom Theatre" aus dem palästinensischen Jenin haben diese kurzen Sequenzen gemeinsam mit ihrem Lehrer und Theaterleiter Juliano Mer Khamis entwickelt. Es sind Reflexionen ihres Lebens und Alltags, erklärt der Theaterleiter:

​​ "Das Stück zeigt die Erfahrungen und Erlebnisse der Studenten. Sie haben Brüder verloren, sie waren im Gefängnis, ihre Mütter und Väter wurden gedemütigt und sie haben mehr Beerdigungen besucht, als Clubs oder Kneipen", so Khamis.

Das Abtauchen in diesen fremden Alltag schnürt das Herz zusammen. Ein Bühnenbild gibt es und braucht es auch nicht. Das Spiel der jungen Darsteller ist eindringlich und dynamisch – Bewegungen voller Kraft, die Gänsehaut heraufbeschwören.

Mit der Musik drängen sich Bilder in die Zuschauerköpfe, die man aus dem Fernsehen kennt – von Unterdrückung, Hass, Gewalt, aber auch von Hoffnung auf Frieden. Juliano lässt dafür ein Spiel ohne Worte zu. Es sprechen die Körper im Takt zur Musik.

"Ohne Gefühle ist der Alltag kaum auszuhalten"

"Die Kinder sollen Gefühle vermitteln. Denn in unserem wahren Leben töten wir unsere Gefühle, so dürfen zum Beispiel Männer nicht weinen", erklärt der Regisseur. Doch ohne Gefühle sei der Alltag kaum auszuhalten.

"Wir müssen die Besatzung ertragen, viele Tote und Armut. So sind es die Emotionen, die das Theaterstück bestimmen." Zudem sei es leichter, körperlich zu kommunizieren als in einer fremden Sprache. Das ermögliche dem Publikum eine ganz eigene Betrachtungsweise, ist sich Juliano Mer Khamis sicher.

​​ Juliano selbst ist der Sohn einer Jüdin und eines Palästinensers. Seine Mutter ging einst nach Jenin - die palästinensische Stadt mit dem Flüchtlingslager, in dem 12.000 Vertriebene leben, umgeben von einer Mauer, die von israelischen Soldaten bewacht wird.

Julianos Mutter Arna schuf mitten im Lager eine kleine Oase - ein Kindertheater. Mit dem "Freedom Theatre" setzt Juliano heute die ihre Arbeit fort. Inzwischen ist das Theater ein Veranstaltungszentrum für Kinder und Jugendliche und gleichzeitig eine Schauspielschule. Julianos Schüler stammen alle aus dem Flüchtlingslager.

"Es ist schwer, die Studenten dafür zu gewinnen. Denn ein Schauspieler zu sein, ist in Palästina eine Schande und eine Schauspielerin zu sein, wird der Prostitution gleichgesetzt", berichtet er.

Seine Studenten würden mit ihrem Engagement eine Vorreiterrolle übernehmen. Sie seien Kämpfer für eine freie Kultur. "Sie schaffen einen Traum und haben damit eine Menge Verantwortung, mehr als andere Studenten auf der Welt."

Für sein Engagement wird Juliano Mer-Khamis oft angefeindet. So bekam der Regisseur Morddrohungen und wurde als Terrorist beschimpft. Doch das schreckt ihn nicht:

"Ich glaube, dass es letzten Endes viele Kinder geben wird, die Eltern beider Nationalitäten oder Religionen haben, so wie ich. Das ist sicher ein Albtraum für einige Israelis und Palästinenser, auch das Zusammenleben in einem Staat. Aber wenn wir dazu in Zukunft nicht fähig sind, töten wir einander."

Kristin Hendinger

© Deutsche Welle 2009

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