Für die chiotische Bevölkerung wiederum sieht es auch nicht gut aus. Die Berichterstattung rund um die Flüchtlingskrise hatte für einen Einbruch des europäischen Tourismus gesorgt, seit dem Putsch-Versuch 2016 brach zudem der Touristenstrom aus der nur sieben Kilometer entfernten Türkei empfindlich ein. Offenbar haben die türkischen Touristen Angst, in Generalverdacht zu geraten.

Nun will der griechische Staat zudem die Mehrwertsteuer in Folge seines Krisenmanagements auf die inzwischen landesweit üblichen 24 Prozent anpassen. Auch die Aggressionen Geflüchteter, die auf der Insel festsitzen, richte sich zuweilen gegen die Vor-Ort-Bevölkerung, was wiederum rechtsradikale Tendenzen innerhalb der Bevölkerung stärke, beobachtet die engagierte griechische Jugendliche Panagiota, die einen intimen A-cappella-Kreisgesang einstudiert hat.

Die Chioten – Menschen mit Fluchterfahrungen

Dabei ist die Insel Chios eigentlich für ihre Solidarität bekannt, der Prozentsatz radikaler Rechter liegt unter dem Landesdurchschnitt. Viele Chioten kommen selbst aus Familien mit Fluchterfahrungen. So sind die Großeltern des Fotografen Stamatis Menis, der die Fotos zu diesem Artikel beigesteuert hat, im Ersten Weltkrieg aus der Türkei nach Chios geflohen, im Zweiten Weltkrieg vor der deutschen Besatzungsmacht nach Zypern.

Der Onkel von Sevie Paida, die in "Peace Studies" promovierte und als griechische Bildungsbeauftrage für minderjährige Schutzsuchende das Festival begleitet, flüchtete im Zweiten Weltkrieg in die Türkei, von dort nach Syrien und schließlich nach Kongo. Auch die Familie der Schauspielerin Avgoustina Lykourina ist vor dem sogenannten Bevölkerungsaustauschs von 1923 aus der Türkei geflüchtet.

Geschichten wie diese sind auf Chios sehr präsent und so gab es zu Beginn der Flüchtlingskrise in der Erinnerung von Festivalgründerin Olga Hohldorff-Myriangou vor allem eines: Hilfsbereitschaft. Allein 200 bis 500 Essen pro Tag hat der Fotograf Stamatis Menis in seiner Suppenküche gekocht. Es waren dann zunächst die internationalen NGOs, die die Freiwilligenhilfen in strenge Grenzen verwiesen haben.

Nachdem der griechische Staat im Sommer die Autoritäten über das Management der Flüchtlingskrise ganz an sich genommen hat, und mit "Safe the Children" im Dezember die letzte NGO die Insel verlässt, muss sich auch die Bevölkerung in ihrer Position wieder neu finden.

Brücken zwischen Bevölkerung und Geflüchteten

Das Chios Music Festival zeigt in dieser Beziehung eine Richtung auf. Nicht nur, weil es an den Gestus der Offenheit anknüpft, sondern auch, weil das Workshop-Format das einzige Mittel ist, Brücken zwischen Bevölkerung und Geflüchteten zu schaffen. "Das Problem", sagt der Komponist Veniadis, "ist, dass Chios selbst eine Brücke ist. Niemand weiß, wie lange er bleibt." Trotz Verteilungsstau bleiben wenige länger als ein halbes Jahr auf der Insel. Integration ist unter diesen Bedingungen wenig sinnvoll, Bildungsangebote sind schwer zuzupassen. Diese Situation macht es gerade für geflüchtete Minderjährige, die gerne ihre Schulbildung fortsetzen würden, besonders schwer.

Für Jugendliche wie Qamar zum Beispiel. Sie ist diejenige innerhalb der Gruppe von unbegleiteten Schutzsuchenden, die am längsten auf der Insel ist. Vor mehr als sieben Jahren ist sie aus dem Irak nach Iran, von dort aus in die Türkei und dann weiter nach Chios geflüchtet.

In den ganzen Jahren hat sie keine formale Schulbildung erhalten. Trotzdem spricht sie perfekt türkisch und passabel Englisch. Die zwölfjährige Rana aus Syrien, die seit drei Jahren keine Schule besucht hat, spricht ein unschlagbares britisches Englisch und flüstert, dass sie inzwischen auch Niederländisch lerne. Sie hofft, zu Verwandten in die Niederlande weiterreisen zu können.

Zu den Workshops des Chios Music Festivals ist sie mit ihrer Gitarre gekommen. Die Sehnsucht danach, etwas zu lernen, ist groß. Die Sehnsucht nach Zusammensein auch: "I want to come every day", sagt ein 13-jähriger Junge aus Afghanistan, der seine Eltern an der pakistanisch-iranischen Grenze verloren hat.

Nach Ende der Workshops ruft eine Betreuerin an und erzählt, dass die Jugendlichen später im Auffangzentrum geweint hätten. Weil es so schön war. Und auch die chiotische Jugendliche Panagiota wünscht sich mehr Gelegenheiten wie diese. Kinder seien an sich nicht unbedingt freundlich, findet sie, "ihr Verhalten hängt von ihren Eltern ab. Darum brauchen wir Begegnungen und Lehrer, die uns zum Nachdenken bringen."

Astrid Kaminski

© Qantara.de 2017

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