Das Chios Music Festival

Musik zum Nachdenken lernen

Eine Violinistin und ein Komponist haben auf der Insel Chios ein Musikfestival gegründet. Mit Musik wollen sie Geflüchteten und Einheimischen helfen, Parallelwelten zu überbrücken und die harte Winterzeit besser zu überstehen. Astrid Kaminski hat sich in Chios umgesehen.

Der Cellist starrt dem Oboisten auf die Füße. Die Kinder und Jugendlichen an seinen Händen rechts und links machen es genauso. Sogar die älteren, um männliche Lässigkeit bemühten Jungs, die müde wirken. Zwischen drei und vier Uhr in der Nacht haben sie ihre Kleider gewaschen.

Das ist die Zeit, zu der es im sogenannten Hot-Spot Vial, dem Flüchtlingsauffanglager auf der östlichen Ägäisinsel Chios, am ehesten warmes Wasser gibt. Ab und zu gähnt jemand verstohlen. Aber es geht weiter im Reigen. Der Oboist Demetrios Karamintzas, der lange Jahre für die Barenboim-Said-Akademie in den palästinensischen Gebieten gearbeitet hat, studiert die Grundschritte des Dabke ein.

Die Musik dazu ist genauso ungewöhnlich wie die tanzenden Musiker: ein altes chiotisches Volkslied. Nachdem die Melodie instrumental eingeführt wurde, wird sie nun gesungen. Es geht darin um einen Apfelbaum mit wunderschönen Äpfeln. Nur dass der Baum auf einer Klippe steht und es nicht ungefährlich ist, eine seiner Früchte zu erreichen. Die chiotische Schauspielerin Avgoustina Lykourina demonstriert das körpersprachlich.

Musik und Körpersprache sind die besten Kommunikationsmöglichkeiten in dieser Workshop-Gruppe aus kurdischen, afghanischen, syrischen und griechischen Kindern und Jugendlichen. Und so zeigen sie einander, je mutiger sie werden, was sie erinnern: ein afghanisches Kinderlied, eine syrische Ballade, eine schnellere Dabke-Version. Es ist ungewöhnlich, dass sie in einem Raum, in diesem Fall der kleinen Philharmonie in Chios-Stadt, zusammenkommen.

Erfolgreiche Initialzündung

Im Sommer dieses Jahres haben die Violinistin Olga Holdorff-Myriangou und der Komponist Eleftherios Veniadis, die beide ihre familiären Wurzeln auf Chios und ihren Arbeitsschwerpunkt in Berlin haben, mit Unterstützung der Allianz-Kulturstiftung das Chios Music Festival gegründet. Es wurde auf Anhieb ein Erfolg.

Nun, im Spätherbst, erlebt das Festival eine einwöchige Neu-Auflage mit einem Schwerpunkt auf Workshops, die Geflüchtete und Inselbevölkerung zusammenbringen. Das Team aus einer Schauspielerin und sieben international erfolgreichen Musikern, die gleichzeitig große soziale Kompetenzen mitbringen, ist dabei ein Glücksfall.

Die Musiker auf dem Chios Music Festival 2017 (von links nach rechts): Demetrios Karamintzas, Olga Holdorff-Myriangou, Martin Smith, Leila Weber, Spyros Tzekos; Foto: Stamatis Menis
Ein Festival für Geflüchtete und Bewohner der Insel Chios gleichermaßen: Die Musiker auf dem diesjährigen Chios Music Festival sind (von links nach rechts): Demetrios Karamintzas, Olga Holdorff-Myriangou, Martin Smith, Leila Weber und Spyros Tzekos

Demetrios Karamintzas etwa hat für Kinder mit Fluchterfahrungen unter anderem in Berlin das Projekt "MitMachMusik" mitaufgebaut, die Bratscherin Leila Weber das Projekt "Hangarmusik". In Chios will das Team anhand der Musik nun Begegnungen ermöglichen, die Kraft für die harten Wintertage geben.

"Für manche ist es hier die Hölle"

"Das hier könnte ein Paradies sein, aber für manche ist es die Hölle", sagt Olga Holdorff-Myriangou. Zumindest eine schöne Erinnerung möchte sie mit ihrem Festival ermöglichen. Das ist nicht leicht. Die Geflüchteten, die im überfüllten Hot-Spot Vial ihr Quartier haben, müssen neben ihrem Schicksal Regen, Kälte, Müll, Ratten und eine mangelnde hygienische Infrastruktur aushalten.

Der Hot-Spot ist mehrere Kilometer außerhalb von Chios-Stadt gelegen. Er ist auf 1.100 Menschen ausgelegt und fasst derzeit über 2.000, darunter etwa 350 Kinder, unterteilt in einen bewachten offiziellen Teil und einen unbewachten Teil. Während eine Männergruppe über die griechische Polizei klagt, wünschen sich alleinreisende Frauen, die in ihr Zelt einladen, mehr Polizeipräsenz. An nächtlichen Schlaf ist aus Angst kaum zu denken.

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