Das Baath-Regime und die Zukunft Syriens

Assad und die Zeit nach der Ewigkeit

Assad und sonst niemand. Assad ist niemand. Er ist ein nebelhaftes Wesen, das in Blut und auf Leichen schwimmt und behauptet, Präsident einer Republik zu sein, die es nicht mehr gibt, schreibt Elias Khoury in seinem Essay.

Seit Beginn des Volksaufstandes in Syrien im März 2011 haben die Unterstützer des Assad-Regimes, im syrischen Volksmund "Shabbiha" genannt, zwei Parolen verbreitet. Die erste lautete "Assad oder wir brennen das Land nieder". Dem folgten Taten. Es wurde gebrandschatzt, und die Straßen syrischer Städte und Dörfer füllten sich mit Leichen.

Das Regime begann mit dem Niederbrennen des Landes, noch bevor die Opposition einen ersten Schuss abgab. Die Blumen, die friedliche Aktivisten wie Ghiath Matar syrischen Soldaten zusteckten, wurden vom Regime beantwortet, indem man der Familie des jungen Mannes seinen geschundenen Leichnam übergab. Auf die friedlichen Demonstrationen in Deraa wurde reagiert, indem man den 14-jährigen Hamza Al-Khatib zu Tode folterte, und in Hama schnitt man dem Volkssänger Ibrahim Qashush den Kehlkopf heraus, bevor man seine Leiche anschließend in den Orontes warf.

Nie zuvor wurden Panzer in einer solchen Weise zur Niederschlagung von Demonstrationen eingesetzt, und nie war eine Staatsmacht gewalttätiger als das Regime von Assad Junior, der offenbar das Massaker von Hama 1982, die Lahmlegung der syrischen Gesellschaft und die Liquidierung der Opposition im Schreckensgefängnis von Palmyra als das eigentliche Vermächtnis seines Vaters ansieht.

Der Bevölkerung auf ewig eine Lektion erteilen

Die Barbarei, mit der das Regime das Land niederbrennt, ist auch deshalb durch nichts zu rechtfertigen, weil diese völlig überzogene Gewalt nicht nur die Niederschlagung von Demonstrationen und die Erstickung von Protesten zum Zweck hatte, sondern darauf abzielt, der syrischen Bevölkerung eine Lektion zu erteilen, die sie "auf ewig" nicht mehr vergessen soll.

Syrische Luftwaffe bombardiert Aleppo mit Fassbomben; Foto: Getty Images
"Assad oder wir brennen das Land nieder": Was nach der Ewigkeit kommt, hatte ich mir nie vorstellen können. Erst seitdem ich sehe, wie Assad die Ewigkeit seines Vaters praktiziert, indem er Syrien niederbrennen lässt, und indem er sich jetzt, im Anschluss an die Ewigkeit, erneut zur Wahl gestellt hat, um nun weiter über die Ruinen zu regieren, verstehe ich, was gemeint gewesen sein könnte, schreibt Elias Khoury.

Ewigkeit, das weiß man, ist das Ziel aller Machtbesessenen und die Schwäche aller Despoten. Wahn brachte schon Kaiser Caligula dazu, zu verkünden, er trachte nach dem Mond – zumindest in einem Theaterstück von Albert Camus –, und in einem Bühnenstück von Eugène Ionesco ist der letzte Wunsch des Königs auf dem Sterbebett die Unsterblichkeit.

Aber die despotische Fantasie von Präsident Assad Senior übertraf die aller seiner Vorgänger: Irgendwann las man auf den Jubeltransparenten nicht mehr nur "Assad auf ewig", sondern er wurde mit "Präsidenten auf ewig und die Zeit danach" tituliert.

Was nach der Ewigkeit kommt, hatte ich mir nie vorstellen können. Erst seitdem ich sehe, wie Baschar al-Assad die Ewigkeit seines Vaters praktiziert, indem er Syrien niederbrennen und zerstören lässt, und indem er sich jetzt, im Anschluss an die Ewigkeit, erneut zur Wahl gestellt hat, um nun weiter über die Ruinen zu regieren, verstehe ich, was damit gemeint gewesen sein könnte. "Assad oder wir brennen das Land nieder".

Die Shabbiha-Milizen, ihre russischen und iranischen Verbündeten und ihnen ergebene Banden haben dieses Ziel bereits erreicht. Und nicht nur das. Sie haben noch dazu islamistische Banden ins Land gelockt, die genauso despotisch und rücksichtslos gegen das syrische Volk vorgehen wie sie selbst. Da’ish und Nusra lassen grüßen.

Assad oder das Land wird abgebrannt

Assad der Mann der vielen Gesichter und derselben Person: Karikatur auf Twitter zur Präsidentschaftswahl in Syrien; Foto: Screenshot Twitter
Assad und sonst niemand: Der Sieg bei der Präsidentenwahl ist dem syrischen Diktator in dem bürgerkriegsgeschüttelten Land sicher. Die Opposition war gar nicht erst zur Wahl angetreten.

Es ist übrigens unerlässlich, das letztgenannte Phänomen genauer zu ergründen. Denn eines Tages wollen wir verstehen, wie es in Syrien so weit hat kommen können, und irgendwann muss auch die Führung der Opposition und der Freien Syrischen Armee zur Verantwortung dafür gezogen werden, dass solche Banden ins Land kamen. Was nicht heißen soll, dass wir dabei die Rolle von Petrodollars aus dem Golf, die niederen Beweggründe für die Haltung des Westens und die vulgären Motive derjenigen in Syrien, die darauf gesetzt haben, dass der Westen dem Kampf für Freiheit in ihrem Land beistehen wird, ausblenden sollten.

Die Alternative war also angeblich: Assad oder das Land wird abgebrannt. Nun ist das Land abgebrannt und die Bevölkerung zerstreut – wozu dann jetzt eigentlich noch Assad? Denn "oder" sollte ja eigentlich bedeuten, dass es brennen musste, weil Assad nicht mehr zu halten war. Aber das Regime hat offenbar sein eigenes grammatisches Verständnis.Und die Despotie ging noch weiter und praktizierte eine weitere Devise: "Assad oder keiner!" Denn wenn "ewig" heißt, Syrien niederzubrennen, dann muss die Zeit danach etwas sein, das sich nur ein krankes Hirn ausdenken kann. Es geht heute nicht mehr nur um Blutvergießen. Jetzt gibt es nur noch ein Ziel: Endlose Rache an dem Sklaven, der es gewagt hat, sich seinem Herren zu widersetzen. Die uneingeschränkte Unterstützung, die das Regime nach wie vor von außen erhält, hat es ihm ermöglicht, dieser zweiten Devise zu folgen.

Aber auch hier führte die tragische syrische Realität zu einer Modifikation: Man ersetzte die Konjunktion "oder" einfach mit einem "und". "Assad UND niemand" ist der eigentliche Grundsatz, nach dem das Regime handelt, denn eine Wahl zwischen dem "Herrn Präsidenten" (frei nach Asturias' Roman über die Despotie in Lateinamerika) und einem Vakuum bzw. einem "Niemand" gibt es nicht. Vielmehr ist der Präsident selbst dieser Niemand. Baschar al-Assad hat sich zum Lärm von todbringenden Fassbomben in einem zerrissenen Land erneut zum Präsidenten wählen lassen. Weitere sieben Jahre lang wird er sich Präsident nennen können, zumindest glaubt er das. Aber wer ist dieser Mann eigentlich?

Die Zeit nach der Ewigkeit

Elias Khoury; Foto: dpa/picture-alliance
Elias Khoury zählt zu den namhaftesten arabischen Intellektuellen der Gegenwart. Er war Mitherausgeber zahlreicher politischer Journale und für einige Zeit der künstlerische Leiter des Beiruter Theaters. Heute ist er leitender Literaturredakteur der Beiruter Zeitung "An-Nahar". Zu Khourys Werk zählen das auch auf Deutsch erschienene Buch "Der König der Fremdlinge" sowie "Bab Ashams", sein großer Roman über die Geschichte der Palästinenser, für den er 1998 den Palästina-Preis erhielt.

Ist er der Vorsitzende der syrischen Baath-Partei, für die er fundamentalistische Milizen aus dem Irak oder Libanon kämpfen lässt? Ist er ein standhafter Anführer, der aber seine Chemiewaffen abgibt, um an der Macht zu bleiben? Ist er ein Held, der die Erinnerung an das syrische Massaker von Tell az-Zaatar wachhält, indem er heute das Yarmuk-Camp aushungern lässt? Oder ist er der Held der Golanhöhen, auf denen seit vier Jahrzehnten kein Schuss mehr abgegeben wurde? Ist er Oberkommandierender einer Armee, die von iranischen Revolutionsgarden geführt wird? Hat er das Vermächtnis seines Vaters vergessen, dass Syrien regional überall mitzumischen hat, auch wenn es die eigene Bevölkerung Berge von Leichen kostet, und hat er stattdessen Syrien zu einer Spielwiese für jeden aus dem Ausland Dahergelaufenen gemacht? Regiert dieser Mann nun über die Ruinen seines Landes, oder ist er selbst schon Teil der Ruinen und zahlt nur noch Schutzsteuern an die neuen Herren Syriens?

Assad und sonst niemand. Assad ist niemand. Er ist ein nebelhaftes Wesen, das in Blut und auf Leichen schwimmt und behauptet, Präsident einer Republik zu sein, die es nicht mehr gibt.

Das ist sie, die Zeit nach der Ewigkeit, die uns seine Mannen auf Jubelbannern vor den Toren von Tripoli einmal verheißen haben. In Tripoli, jener alten libanesischen Stadt der Bedrängnis und des Gemetzels, die noch immer mit dem Blut ihrer Bewohner dafür zahlt, dass Assad auf ewig und auch noch danach regiert.

Elias Khoury

© Qantara.de 2014

Aus dem Arabischen von Günther Orth

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Assad und die Zeit nach der Ewigkeit

Seit Langem habe ich keinen besseren Essay über die Situation in Syrien gelesen. Elias Khoury ist eine Klasse für sich. Literarisch hätte er längst den Nobelpreise erhalten müssen. Danke Qantara!!!!

Markus Kneer06.06.2014 | 22:12 Uhr

Das Schlimmste an der Sache ist, dass manche Assad als etwas Gutes und Liberales ansehen.
Traurig…

Mohammad Al-Kantun07.06.2014 | 17:14 Uhr

In Deutschland wurde der Begriff der Realpolitik durch August Ludwig von Rochau nach der gescheiterten Revolution von 1848 in die politische Diskussion eingeführt. „Realpolitik“ wurde über mehrere Jahrzehnte zum Schlagwort für die Neuorientierung der liberalen Politik im Sinne des Nationalliberalismus. Abzugrenzen ist sie von eher werteorientierten Ansätzen, die sich auch auf die politische Ideengeschichte beziehen. Bismarck ist das Musterbeispiel eines Realpolitiker.

Auf die westliche Syrienpolitik angewendet heißt dies: Solange der Westen in den arabischen Ländern eine sogenannte werteorientierte Außenpolitik betreibt, wird er Schiffbruch erleiden, denn letztlich öffnet eine solche Politik der Achse des Guten (das sind selbstverständlich wir einschließlich - und das ist heuchlerisch - Saudi-Arabien) gegen die Achse des Bösen das "Tor zur Hölle" oder auch die "Büchse der Pandora" geöffnet.

Wir wissen seit der Französischen Revolution, dass der Export einer wie immer gearteten "Revolution" kontraproduktiv ist. Schon der ach so böse Robespierre wusste, dass der Export der Revolution die "Völker Europas nur gegen die (französische) Revolution" aufbringen würde, und er hat Recht behalten. erinnert sie auch an die Kontroverse zwischen Lenin und Trotzki über den Revolutionsexport.

Hinzu kommt noch folgendes: Bei der gegenwärtigen Entwicklungsetappe der meisten arabisch-islamischen Gesellschaften stellt sich nicht die Frage zwischen Diktatur und (bürgerlicher) Demokratie, sondern zwischen religiöser (islamischer) und weltlicher Diktatur. Und ich muss bedauerlicherweise feststellen: Die religiösen Minderheiten waren bei Saddam Hussein und sind jetzt bei Assad geschützter als in einer religiösen Diktatur wie Saudi-Arabien oder dem Sudan.

Wir in Europa kennen dies: Lufdwig XIV hob das religiöse Toleranzedikt von Nantes auf und Friedrich von Preußen sagte, dass jeder nach seiner Facon selig werden soll (galt nicht für die Juden). Beide Haltungen waren möglich innerhalb eines Königtums von Gottes Gnaden. Aber innerhalb des Gottesgnadentums war die Haltung Friedrichs die fortschrittlichere.

Fazit: Ich kann Khoury nur sehr eingeschränkt zustimmen.

Otto Kern13.06.2014 | 17:52 Uhr