Das Album „Nigerian Spirit“ von Sonia Aimy

Mit der Kraft der Emotionen

In ihrem gefühlvollen neuen Album „Nigerian Spirit“ singt die kanadisch-nigerianische Musikerin Sonia Aimy über das schwierige Leben in Nigeria, die Hoffnungen der Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa und das Problem, einen guten Ehepartner zu finden. Eine Rezension von Richard Marcus.

Im Mittelpunkt aller Lieder des Albums steht Sonia Aimys außergewöhnliche Stimme. Aimy schmettert ihre Texte mit einer Kraft und Ausdrucksstärke, die an die amerikanische Soul- und Gospelsängerin Aretha Franklin erinnert. Gleichzeitig ist sie einfühlsam genug, um auch schwierige Themen anzugehen.

Bemerkenswert ist nicht nur, dass „Nigerian Spirit“ in drei Ländern aufgenommen wurde: Etwa die Hälfte der Stücke wurde in Nigeria und in der Republik Benin aufgenommen, die andere Hälfte in Kanada. An den Aufnahmen waren zwei fast völlig verschiedene Bands mit Musikern aus diesen drei Ländern beteiligt.

Ohne den Klappentext zu lesen, ist es kaum möglich zu erkennen, in welchem Land und von welcher Band die einzelnen Stücke aufgenommen wurden.

Musikalisch betrachtet, sind die Songs eine wunderbare Mischung unterschiedlicher Stile und Musikrichtungen. Von allem ist etwas dabei: Es gibt Spuren von amerikanischem Soul bis hin zu Einflüssen der wunderbar tanzbaren nigerianischen Popmusik, die in Nordamerika durch Künstler wie King Sunny Ade berühmt wurde.

Tatsächlich erinnert mich der erste Song auf der Platte, „Light My Way Mother“ (Mutter, leuchte mir meinen Weg), an die Zeit, als ich in den späten 1970ern zum ersten Mal Musik von King Sunny Ade hörte. Das Stück beginnt mit einem Percussion-Solo, dann setzt die ganze Band ein und entfacht ein Freudenfest der Tanzmusik, bei dem es kaum möglich ist, die Füße still zu halten.

Das Album ist allerdings nicht nur zum Tanzen gedacht. Auch wenn uns der Rhythmus mancher Stücke mitreißt, regen die Texte auch zum Nachdenken an. Ein perfektes Beispiel dafür ist „Nigerian Spirit“, der Titelsong des Albums. Der Liedtext ist eine Mischung aus Englisch und einer nigerianischen Sprache. Im Refrain wird die Botschaft klar: „Wenn bokoharam sie noh deh/Korruption noh bocou/falsche Priester Juju-Priester noh deh/täuschen mein ganzes Volk/mit spiritueller Verwirrung/führen mein Volk in die Irre/mit spiritueller Verwirrung“.

Cover des Albums "Nigerian Spirit" von Sonia Aimy
„Nigerian Spirit“ verbindet hervorragende Musik mit nachdenklichen Texten. Obwohl es in vielen Passagen um das Leiden der Menschen in Afrika geht, sieht sich Sonia Aimy in erster Linie als eine Stimme des Widerstands. Ihre Musik fliegt empor und tanzt. Dabei bleibt ihre Stimme immer ausdrucksstark, egal in welcher Sprache oder über welche Themen sie singt.

Zeit der Unschuld

In diesem Song erinnert sich Aimy an ihre Kindheit, als das Leben noch ein Märchen zu sein schien. Es war eine Zeit der Unschuld, bevor Nigeria sich zu einem Ort der Korruption, der falschen Priester und zuletzt auch der Terrorgruppe Boko Haram entwickelte.

Das Stück besingt, wie die Regierung das eigene Volk und dessen Lebensraum an Ölkonzerne verkauft, um sich selbst die Taschen zu füllen. Es schildert, wie sie mithilfe der Armee jeden ihrer Gegner zum Schweigen bringt, von politischen Oppositionellen bis hin zu kritischen Schriftstellern.

Nicht zuletzt beschreibt es Nigeria als ein Land, in dem Fanatiker junge Frauen entführen, um sie am Schulbesuch zu hindern.

Aimys Herz scheint groß genug zu sein, um den Schmerz und die Leiden ganz Afrikas zu fühlen und zu verstehen. Sie beschränkt sich nicht darauf, nur über ihr eigenes Land zu singen.

Das Stück „Lampedusa“ ist nach der italienischen Insel benannt, auf der viele Flüchtlinge bei ihrer  Flucht von Nordafrika nach Europa stranden. Für manche von ihnen wird diese Insel eine Station auf dem Weg zu einem besseren Leben.

Auf Italienisch und Englisch singt Aimy darüber, wie die harte Wirklichkeit des Flüchtlingslebens viele Träume von einer besseren Zukunft zerstört. „Träume, begraben in Lampedusa/Verlorene Seelen in Lampedusa/Keine Blumen in Lampedusa/Keine Gebete in Lampedusa.“

Während Aimy in „Lampedusa“ das Schicksal aller Flüchtlinge besingt, geht es in „A Dream For Somalia“ (Ein Traum für Somalia) speziell um die Somalis, von denen viele die Reise über das Mittelmeer riskieren, um der Gewalt und dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat zu entkommen.

Doch der Text dreht sich nicht nur um Somalia. Das Land wird zu einem Symbol für die Probleme ganz Afrikas: „Ich weiß nicht warum/wir hinter der Welt leben/für Fortschritt kämpfen/Die Gier setzt sich durch/für Fortschritt kämpfen/Egoismus/setzt sich durch/Schweigen in Afrika.“

Verbunden mit dem inneren Selbst

„Nigerian Spirit“ bietet mehr als traurige Lieder über Afrika. Aimy singt auch, um die Menschen zu ermutigen, einen Weg aus der Dunkelheit zu finden und sich besser zu fühlen. In „Voices of Orisa“ (Stimmen von Orisa – Orisa ist eine der Erscheinungsformen der höchsten Gottheit in der Yoruba-Religion) ruft sie ihrem Publikum zu: „Die Macht der Heilung steckt in dir/Die Macht der Liebe steckt in dir/In schlimmen Zeiten und Problemen/verbinde dich einfach mit deinem inneren Selbst/Dies ist die Stimme deiner Heilung.“

In ihrem ironischen Stück „Husband in Canada“ (Ehemann in Kanada) legt Aimy auch einen beißenden Sinn für Humor an den Tag. Im Eröffnungschor erfahren wir von ihrem Problem: „Ich will heiraten, aber ich sehe keinen guten Mann/Ich will heiraten, aber ich sehe keinen feinen Jungen/Männer weh I den se nicht heiraten/Jungs whe I deh see na wahata.“

Auf Französisch, Englisch und in nigerianischem Dialekt singt sie nun über all jene Länder, in denen sie keinen Mann finden konnte, und beschließt: „Und dann geh ich nach Kanada/um meinen Mann zu suchen/um meinen Bobo zu suchen.“

„Nigerian Spirit“ ist in vieler Hinsicht ein bemerkenswertes Album. Es verbindet hervorragende Musik mit nachdenklichen Texten. Obwohl es in vielen Passagen um das Leiden der Menschen in Afrika geht, sieht sich Sonia Aimy in erster Linie als eine Stimme des Widerstands.

Sie wehrt sich entschieden gegen die Korruption und den Hass in ihrem Geburtsland Nigeria, indem sie daran erinnert, wie viel besser es früher war und indem sie einen Teil ihres Albums in der nigerianischen Hauptstadt Lagos aufgenommen hat.

Sonia Aimy ist nicht nur eine wunderbare Sängerin sondern auch eine große Songwriterin. Sie hat alle Stücke ihres Albums selbst geschrieben und produziert. Ihre Musik fliegt empor und tanzt. Dabei bleibt ihre Stimme immer ausdrucksstark, egal in welcher Sprache oder über welche Themen sie singt. Wer ihr zuhört, fühlt sich abwechselnd glücklich, wütend oder traurig, aber niemals gelangweilt.

Richard Marcus

© Qantara.de 2017

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