Çiğdem Aslans "A Thousand Cranes"

Mitten ins Herz

Çiğdem Aslans neuestes Album "A Thousand Cranes" – erschienen beim Berliner Independent-Asphalt Tango Records – lässt eine Zeit erklingen, in der Musik und Kulturen zu einem Fest des Lebens zusammenfanden. Von Richard Marcus

Anatolien war einst die Heimat unterschiedlicher ethnischer und religiöser Gemeinschaften, die dort friedlich zusammenlebten. Aus der interkulturellen Inspiration entstand eine Musik, die keine spezifische Identität aufwies, sich aber aus einer Vielzahl von Traditionen speiste. Griechisch, türkisch, armenisch, jüdisch, slawisch, arabisch, persisch, kurdisch und viele weitere Traditionen erschufen ein faszinierendes Konglomerat. Schier unmöglich, darin einen bestimmten ethnischen Ursprung eines Songs auszumachen.

Die dreizehn Titel auf dem Album "A Thousand Cranes" (Eintausend Kraniche) sind ein Spiegelbild dieser Geschichte. Lauscht man in diese Mischung aus neu arrangierten traditionellen Liedern und Originalmaterial hinein, entsteht das Bild einer Zeit, in der die Musik den Menschen dazu verhalf, ihre Gemeinsamkeiten zu feiern und ihre Unterschiede als etwas Besonderes zu begreifen. In mehreren Songs klingen Elemente an, die nicht nur für die verschiedenen Völker Kleinasiens stehen, sondern auch für jene, die aus der Ferne einreisten. Noch verblüffender ist es, Eigenschaften einer Musik zu entdecken, die heute in Ost- und Westeuropa gespielt wird.

Interkulturelle Inspiration

Der in Algerien geborene Regisseur Tony Gatlif, Sohn einer Roma und eines Berbers, drehte 1993 den Film "Latcho Drom", der die Migration der Roma von Rajasthan in Nordindien über Kleinasien, den Nahen Osten bis nach Ost- und Westeuropa musikalisch thematisiert. Auf jeder Station der filmischen Reise ist erfahrbar, wie sich die Musik unter dem Einfluss der jeweiligen Region verändert und weiterentwickelt.

Das neue Album von Çiğdem Aslan erinnert zwingend daran, wie sich nicht nur Kleinasien unter dem Einfluss der Migranten aus der Ferne veränderte, sondern wie die Musik sich selbst wandelte, bevor sie ihre Reise über die damaligen großen Handelsstraßen nach Europa antrat.

Von den eingestreuten stimmlichen Manierismen Aslans über die Rhythmen von Vasilis Sarikis bis hin zu den Klängen der Violine von Michalis Kouloumis drängen sich Vergleiche mit der Musik zeitgenössischer Roma-Gruppen ebenso auf wie mit der jüdischen Klezmer-Musik und der Musik des Nahen Ostens. Die historischen Wurzeln des Albums sind zwar integraler Bestandteil, aber sie treten in den Hintergrund, wenn man dem lauscht, was die Band aktuell geschaffen hat.

Colin Somervell am Kontrabass sowie Nikolaos Baimpas am Kanun, an der Santur und an den Mandolinen ergänzen den Kern der Band, während weitere Gäste auf mehreren Titeln zum Klangbild beitragen. So entwickelt Aslan mit ihren Musikern eine magische Mischung von Liedern, die im Zuhörer das Herz zum Klingen bringen oder ihn vor Freude hell auflachen lassen.

Da die Texte in einer Mischung aus Griechisch und Türkisch gesungen werden (die ursprünglichen Texte wurden offenbar in einer Mischung aus kyrillischer und lateinischer Schrift mit der jeweils englischen Übersetzung transkribiert), muss man sich ganz auf die Musik und auf die Fähigkeit Aslans verlassen, die Gefühle allein mit ihrer Stimme auszudrücken, um den Inhalt der Songs begreifen zu können.

Beeindruckende Klangcollagen

Auch wenn man weder türkisch noch griechisch sprechen kann, kommt man dank der bemerkenswerten Stimme von Aslan auf seine Kosten. Titel wie "Çile Bülbülüm" (Sing, Nachtigall sing!) lassen einen staunen, was ihre Stimme aus scheinbar einfachen Texten zaubert. "Sing, Nachtigall sing/sing mit mir/lasse die Rose deine Stimme hören/sing, Nachtigall, sing" ist der Eröffnungsvers. Wie Aslan daraus ein Kaleidoskop der Gefühle formt, raubt einem den Atem. Es ist, als hinge ihr Leben davon ab, mit der Nachtigall singen zu können. Sie webt mit den Wörtern "sing, Nachtigall, sing" am Ende des Verses eine Art Klangcollage, die unmittelbar ins Herz trifft.

CD-Cover "A Thousand Cranes" von Çiğdem Aslan; Foto: Asphalt Tango Records
Faszinierende musikalische Sammlung, die das kulturelle Erbe Kleinasiens feiert: "In unserer polarisierenden Welt erzählt das Album 'A Thousand Cranes' eine für uns alle wertvolle Geschichte. Es bleibt zu hoffen, dass jeder die Botschaft der Musik darin vernehmen kann", schreibt Richard Marcus.

Ein weiteres Beispiel ihres Könnens stellt sie mit "Lingo Siseler" unter Beweis. Allerdings verliert dieses Lied in der Übersetzung einiges von seiner Magie. Die Wörter "Siseler, lingo, lingo, siseler" malen die Klänge klirrender Flaschen als Begleitmusik für einen imaginären Protagonisten auf dem Weg in die Trunkenheit. In der englischen Übersetzung "bottles, lingo, lingo bottles" fehlt es an dieser Lautmalerei. Während Aslan den Refrain wiederholt, entkoppelt sie sich immer stärker, worauf ihre Stimme zu einem schluchzenden Crescendo anschwillt. Was sich zunächst fast komisch anhört, gibt gleichzeitig einen Blick auf überwältigende Emotionen frei.

Der Kranich als Friedenssymbol

Die im Titel des Albums besungenen Kraniche sind mehr als flüchtige Fantasie. In vielen Kulturen sind sie Träger von Klugheit, Wachsamkeit und Traditionen. Doch sie symbolisieren auch die traurige Ferne des Exils und vor allem symbolisieren sie den Frieden. Im Song "A Thousand Cranes" gibt die Musik nicht allein denen eine Stimme, die ihre Heimat verließen und ihre Kultur mitnahmen, sie zeigt auch, wie die verschiedenen Kulturen harmonisch zusammenfinden können, um etwas Neues und Erhabenes zu schaffen, ohne das Original zu schmälern.

Çiğdem Aslan und ihre Begleiter haben eine faszinierende musikalische Sammlung geschaffen, die das reiche kulturelle Erbe Kleinasiens feiert und darauf aufbaut. Sie haben nicht nur Lieder wiederaufleben lassen, so wie sie möglicherweise vor Jahrhunderten aufgeführt wurden. Sie haben diese Traditionen genutzt, um etwas musikalisch und kulturell Inspirierendes zu kreieren.

Bisweilen lehrt uns die Vergangenheit auf die harte Tour, wie wir einander nicht behandeln sollten. Hier jedoch verweist die Geschichte auf eine Zeit, wo Menschen ihre Vielfalt feiern konnten, sodass etwas Wunderbares daraus entstand. In unserer polarisierenden Welt erzählt das Album "A Thousand Cranes" eine für uns alle wertvolle Geschichte. Es bleibt zu hoffen, dass jeder die Botschaft der Musik darin vernehmen kann.

Richard Marcus

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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