Bildung in Indonesien

Boote voller Bücher

Graßwurzel-Initiativen sorgen dafür, dass Kinder in indonesischen Dörfern Zugang zu Büchern bekommen. Allgemein wächst die Wertschätzung für Bücher. Informationen von Edith Koesoemawiria

Bücher brauchen Leser – und selbst in unserem digitalen Zeitalter brauchen Leser noch Bücher. Romane, Comics und anderes gedrucktes Material sind wie Tore für den Verstand. Sie erweitern Wissen, Phantasie und Kreativität.

Indonesiens Alphabetisierungsrate liegt laut UNESCO und Weltbank bei über 90 Prozent. Schriftsteller beklagen aber, dass zu wenige der 250 Millionen Menschen im Land lesen. Sie fänden es gut, wenn die Bevölkerung besseren Zugang zu Büchern hätte.

Tatsächlich sind Bücher teuer und oder gar nicht erhältlich. Indonesien besteht aus 17.000 Inseln, die sehr unterschiedlich entwickelt sind. Wer in abgelegenen Gebieten lebt, hat es wesentlich schwerer, an Dienstleistungen, Bildung, Informationen – und Bücher – zu kommen als jemand in der Stadt.

Sari Meutia von Mizan Publishing sieht den Vertrieb als eines der größten Probleme. Sie sagt: "Lehrmaterial wird zum Teil vom Staat subventioniert, aber der Vertrieb von Romanen, Comics oder Special Interest Büchern basiert allein auf der Marktdynamik." Buchhandlungen in Indonesien verkaufen ihre Ware in der Regel auf Kommission. Um die Bücher zu verschicken, müssen sie teure Post- und Kurierdienste nutzen – und, falls sie nicht verkauft werden, auch den Rücktransport bezahlen. Das kostet die Verlage viel Geld.

Buchtransport und Wissenstransfer mit der "Pferde-Bibliothek"

Es gibt verschiedene Ansätze, die Situation zu ändern. Ridwan Sururis Kuda Pustaka etwa tut das in Zentral-Java mit einer "Pferde-Bibliothek". Der junge Mann bringt per Pferd dienstags, mittwochs und donnerstags Druckerzeugnisse zu Kindern im ländlichen Purbalingga. Auch seine eigene Tochter liest gerne. Kuda hat eine Schwäche für Pferde und wollte sein Hobby für die Gemeinschaft nützlich machen. Ihm haben es seine Tochter und andere Kinder in der Gegend zu verdanken, dass sie Bücher lesen können.

Pustaka Kuda, die Pferdebücherei; Foto: ARD
Hoch im Kurs bei jung und alt in Indonesien: Kuda Pustaka, die Pferdebücherei. Ridwan Sururis Kuda Pustaka bringt per Pferd dienstags, mittwochs und donnerstags Druckerzeugnisse zu Kindern im ländlichen Purbalingga.

Die Idee dazu entstand in einem Gespräch mit Nirwan Arsuka, einem Essayisten, Redakteur und ebenfalls Pferdeliebhaber. Er stellte den Büchergrundstock zur Verfügung. Zudem unterstützt er eine weitere ländliche Bibliothek in West-Sulawesi auf der anderen Seite der Java-See.

Da Arsuka selbst aus Sulawesi kommt, kennt er die Einschränkungen, unter denen Kinder dort leben. Er wollte den Menschen auf den umliegenden kleinen Inseln helfen. Mit seiner Idee wandte er sich an Aktivisten und Intellektuelle, und die Idee bekam buchstäblich Segel: Inzwischen bringt ein traditionelles Frachtschiff Lesestoff auf die Inseln sowie zu Dörfern flussaufwärts. Früher wurden die Dschunken dazu verwendet, Reis und andere Waren zu verschiffen.

Nun warten Horden von Kindern auf die Ankunft des Schiffes, dessen Kapitän Muhammad Ridwan Alimuddin heißt. Der ehemalige Meeresforscher arbeitet mittlerweile als Vollzeitbibliothekar. Er bringt den Dorfkindern die Bücher – wenn nicht anders möglich, auch per Fahrrad, Pferdekutsche oder Motorrad.

An vielen Orten in Indonesien schießen kleine, meist auf Kinder ausgerichtete Bibliotheken wie Pilze hervor. Geleitet und unterstützt werden sie von Menschen, die wissen, dass Geschichten und Bücher Träume und Ziele beflügeln.

Dunkle Jahre

Alphabetisierung, Kreativität und Bildung wurden schon in der Kolonialzeit in Indonesien gefördert. Rückschläge gab es aber unter der von den sechziger Jahren bis in die neunziger Jahre dauernden Diktatur Suhartos. In diesen dunklen Jahren wurden Bücher verbrannt und zensiert. Mit Druckstücken erwischt zu werden, die die Regierung missbilligte, konnte Gefängnis und Folter bedeuten. Bücher wurden vernichtet, der Straßenbuchhandel durchsucht, Verlage überfallen.

Indonesiens Ex-Diktator Suharto; Foto: AP
Alphabetisierung, Kreativität und Bildung erlebten während der Suharto-Diktatur deutliche Rückschläge. In diesen dunklen Jahren wurden Bücher verbrannt und zensiert.

Seit Suhartos Sturz leben die kulturellen Aktivitäten wieder auf. Es gibt Projekte, die sich an Straßen- und Dorfkinder richten, wie etwa "Sokola Rimba" in Sumatra, "Rumah Dunia" in West-Java, "Komunitas Kaki Abu" in Papua oder "Rimba Baca" in Jakarta. Privatleute reisen in entlegene Dörfer, um Bücher zu spenden oder Kreativworkshops zu organisieren.

Der Filmemacher Rony Sanjaya ist einer dieser Aktivisten. Über die Zivilgesellschaft "Ngibing" arbeitet er mit Kindern und Erwachsenen. Er ist glücklich: "Es ist toll, wie sie zeichnerisch und erzählerisch Geschichten entwickeln und dabei Selbstvertrauen gewinnen."

Auch Verleger machen mit. Für eine Serie von Mizan Publishing können Kinder ihre eigenen Bücher erstellen. Adibintang und Zikrul Publishing bieten Schreibkurse für Kinder an.

Das Ministerium für Bildung und Kultur hat kürzlich ein Alphabetisierungsprogramm für Schulen angesetzt. Es geht nicht nur darum, lesen und schreiben zu lernen, sondern vor allem darum, diese Fähigkeiten tatsächlich zu nutzen. Die Kreativität der Schüler wie auch die der Lehrer soll gefördert werden.

Dieses Regierungsprogramm steckt noch in den Kinderschuhen. Hoffentlich wird es das Umdenken voranbringen. Noch immer fürchten viele, dass Publikationen traumatische  historische Fragen ansprechen oder sexuelle Inhalte haben könnten. Andererseits begreifen immer mehr junge wie alte Menschen, wie wichtig Bücher sind. Belesenheit hilft nämlich, selbständig zu entscheiden.

Edith Koesoemawiria

© Zeitschrift für Entwicklung und Zusammenarbeit 2016

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