Immer wieder führen die Fotos, im Einklang mit kurzen Erinnerungstexten, den Leser an Orte, die symbolisch für die syrische Kultur stehen. Lutz Jäkel etwa erzählt von der martialischen Schrubb-Behandlung in syrischen Hammams, während die ehemalige Syrien-Korrespondentin Kirstin Helberg ein Loblied auf den Saftstand in ihrer Damaszener Nachbarschaft singt, deren Besitzer jeden Tag liebevoll seine ausgelegten Melonen polierte.

Andere Texte schlagen weniger vergnügliche Töne an, erinnern auch an die Allgegenwart des Assad-Regimes und die eisige Präsenz des syrischen Geheimdiensts in der Gesellschaft. Helberg umreißt die Historie der traditionsreichen Aleppiner Olivenseife und schildert, wie syrische Flüchtlinge einmal im Libanon von europäischen Helfern gefragt wurden ob sie denn auch wüssten, wie man eine Seife benutzt - dabei hatten Syrer seit 1.200 Jahren Kontakt mit Seife.

Natürlich ist der Krieg nicht ganz wegzudenken aus dem Buch. Besonders die Fotos aus Aleppos traumhaft schöner Altstadt erinnern schmerzlich daran, dass davon heute nur noch ein Trümmerhaufen übrig ist.

Der Band erhält auch ein Porträt von Paolo dall'Oglio, dem italienischen Jesuiten, der in der syrischen Wüste im alten Kloster Mar Musa ein interreligiöses Begegnungszentrum aufbaute und dann 2013 in Rakka von Islamisten entführt wurde. Seitdem herrscht Ungewissheit darüber, ob dall'Oglio noch am Leben ist.

Hoffnung auf bessere Zeiten?

Durch die Präsenz von Hunderttausenden syrischen Flüchtlingen bei uns ist Deutschlands Schicksal mit dem des syrischen Volkes untrennbar verbunden worden. Umso wichtiger sind jene Aufnahmen im Buch, die christliches Leben in Syrien zeigen. Vieles von dem, was Jäkel zeigt, ist uns weniger fremd als viele Deutsche wohl denken würden. Oder wie ein syrisches Sprichwort besagt: "Jeder Mensch hat zwei Heimaten. Seine eigene und Syrien."

Ein Motiv etwa zeigt einander ähnelnde christliche und islamische Amulette, wie sie in einem Souvenirladen in Damaskus vertrieben werden. So wie die Amulette Seite an Seite vom Ständer baumeln, so ist auch das interreligiöse Leben der Syrer seit Jahrhunderten von Respekt und Harmonie geprägt. Macht nicht gerade diese lange Geschichte des friedlichen Zusammenlebens Hoffnung darauf, dass die besseren Zeiten einmal zurückkehren werden?

Lamya Kaddor jedenfalls beschreibt ihre Reaktion beim Anschauen von Jäkels Syrienbildern so: “Plötzlich sah ich die Vergangenheit in der Gegenwart und wusste, dass wird auch die Zukunft dieses Landes sein. Syrien ist nicht tot.” Die Überzeugung, dass es mit Syrien weitergehen wird, spricht von jeder Seite des Bildbandes. Man möchte und sollte glauben, dass die Autoren damit Recht haben.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2018

Lutz Jäkel, Lamya Kaddor: "Syrien. Ein Land ohne Krieg", arabisch/deutsch, Verlag: Malik 2017, 200 Seiten, ISBN: 9783890294933

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