Bevorstehende Armeeoffensive in Idlib

Terror mit Terror bekämpfen?

Der Kampf gegen den Terror kann nicht gewonnen werden, indem man mehr Zivilisten tötet als die Terroristen selbst, schreibt der renommierte syrische Publizist Burhan Ghalioun in seinem Kommentar.

Nach schweren militärischen Niederlagen traten die Führungsriegen der islamistischen Terrororganisationen "IS", "Hai’at Tahrir ash-Scham" und "Al-Qaida" fast gleichzeitig an die Öffentlichkeit und verkündeten, ihren Kampf in Syrien und dem Irak, der seit einigen Jahren vor allem aus Terror und Zerstörung besteht, fortführen zu wollen.

Diese Gruppierungen haben nicht nur dazu beigetragen, die konfessionalisierte Herrschaft in Bagdad zu festigen und die arabische genauso wie die internationale Öffentlichkeit gegen die Revolution des syrischen Volkes und die Demokratisierung der arabischen Welt im Allgemeinen aufzubringen. Ihre Taten sind auch der Nährboden für die wieder aufkeimende Angst der internationalen politischen Schwergewichte vor jeglichem politischen Wandel im Nahen Osten.

Diese Terrororganisationen haben großen Anteil an der endlosen Perpetuierung der innerstaatlichen Konflikte, die die Gesellschaften in der Region zerreißen. Denn sie bieten ein Einfallstor für Interventionen und externe Akteure, die den Kampf gegen den Terror missbrauchen, um die Forderungen nach politischem Wandel oder Fortschritt in der Region im Keim zu ersticken und vielleicht auch die geopolitische und demografische Lage zu ihren Gunsten zu ändern.

Der Dolch im Rücken der demokratischen Basisbewegungen

Man kann nicht mit Sicherheit sagen, ob diese Gruppierungen das direkte Werk der verschiedenen Sicherheitsapparate sind, die sie instrumentalisieren und als Legitimation für ihre eigenen Taten vorschieben. Es ist jedoch schwerlich zu leugnen, dass sie für die Koalition der Revolutionsgegner in den letzten Jahren Verbündete darstellten, ob nun willkommene oder notgedrungene. So oder so sind und waren sie der Dolch im Rücken der demokratischen Graswurzelbewegungen in der arabischen Welt.

Dabei ist es unerheblich, ob dieses Szenario darauf zurückzuführen ist, dass die Zerstörung der Staaten und die Verbreitung von Angst und Schrecken in der Bevölkerung im Interesse beider Seiten ist, oder ob der Grund die offensichtliche Unterwanderung dieser Gruppierungen durch regionale und internationale Geheimdienste ist. Es gibt insgesamt nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Agenda dieser Gruppierungen über weite Strecken mit den Zielen und Strategien der konterrevolutionären Fraktionen harmonisierte.

Evakuierung von Zivilisten und Kämpfern der "Freien Syrischen Armee" (FSA) aus Yarmouk; Foto: picture-alliance/R. Alsayed
Rebellen der "Freien Syrischen Armee" und Zivilisten auf dem Rückzug: "Auch die in den vergangenen Jahren praktizierte gleichgültige Inkaufnahme hoher ziviler Verluste und die Opferung ganzer Städte und Regionen, um den IS und seine Gesinnungsgenossen zum Ortswechsel zu zwingen und sie in manchen Fällen mit klimatisierten Bussen der russischen Regierung in andere Gebiete zu bringen, trägt nicht zur Lösung bei", schreibt Ghalioun.

Die Staaten in West und Ost, die diese Gruppierungen als Rechtfertigung missbrauchen, den Menschen in der arabischen Welt den Zugang zu Freiheit, Demokratie, Frieden und Fortschritt vorzuenthalten, sind allerdings keinesfalls unschuldig. Ihre kolonialistische Politik ist durch schlecht kaschiertes Desinteresse am Wohl dieser Staaten und ihrer Bevölkerung gekennzeichnet. Sie unterstützen unterdrückerische autoritäre Regime, bringen sie sogar bisweilen an die Macht und verteidigen ihre Verfehlungen und Verbrechen, wie man exemplarisch am Regime Assads beobachten kann. All das hat den gärenden Sumpf geschaffen, in dem ein solch zerstörerisches Monstrum entstehen und gedeihen konnte.

Profiteure des Krieges

Dass sich diese Terrororganisationen trotz der - laut Amerikanern und Russen - vernichtender Niederlagen immer noch trauen, alles und jeden zu bedrohen und weiterhin in der Lage sind, die Initiative zu übernehmen, hat einen Grund: Das Unvermögen derjenigen Staaten, die behaupten sie zu bekämpfen, gerechte und dauerhafte Lösungen für die Konflikte in der Region allgemein und Syrien im Speziellen zu finden, lässt ihnen ausreichend Spielraum, um sich wieder zu sammeln und ihren endlosen Zerstörungsfeldzug fortzuführen. Denn diese Gruppierungen leben nicht nur im Krieg, sondern auch von ihm.

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