Ein Beobachter der Arabischen Liga überblickt von einer Terrasse die südsyrische Stadt Daraa, eine Hochburg der Proteste; Foto: dpa
Beobachtereinsatz der Arabischen Liga in Syrien

Blick ins Leere

Farce oder Druckmittel? Noch immer am Anfang oder schon gescheitert? So vielfältig wie die Fragen sind, die sich das Ausland über die Beobachtermission der Arabischen Liga in Syrien stellt, fallen auch die Antworten der Syrer vor Ort aus. Hubertus Ecker hat sich in Damaskus umgehört.

Mohammed Ahmad Mustafa al-Dabi, Leiter der nach Syrien entsandten Beobachtermission der Arabischen Liga, war schon im Vorfeld seiner Mission alles andere als willkommen. Als bekannt wurde, dass der General ab 1999 der persönliche Vertreter des sudanesischen Präsidenten Baschir in Darfur war, der heute wegen Kriegsverbrechen in Darfur mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, war den meisten Syrern klar: Al-Dabi wird sich kaum ernsthaft um ihre Menschenrechtslage kümmern.

Kaum angekommen auf syrischen Boden, bestätigte der Nordsudanese diese Befürchtung. Bei seinem Besuch in Homs, einem der Hochburgen des Aufstandes, ließ er wissen, dass – es nichts zu wissen gibt. Er sähe nichts "Besorgniserregendes". Der Sturm der Empörung, den er damit lostrat, ließ ihn vorsichtiger argumentieren: Er benötige mehr Zeit, um die Lage zu studieren.

Mohammed Ahmad Mustafa al-Dabi; Foto: dpa
"Nichts Besorgniserregendes - nirgendwo": General Mohammed al-Dabi ist politisch umstritten. Er hatte unter anderem erklärt, in der Unruhestadt Homs geschehe nichts Beängstigendes.

​​"Merkwürdig nur, dass ihm die Einsicht nicht schon kam, nachdem er mal eben kurz durch Homs spaziert ist", spottet Nabil. Angespannt klickt der 24-Jährige durch sein Computerarchiv. Nahezu alle Videos, die es bislang von der Beobachtermission gibt, sind darin aufgelistet. Aktivisten haben sie ihm zugeschickt oder die Mitglieder diverser lokaler Koordinationskomitees, die über ganz Syrien verteilt, die Demonstrationen in ihrem Umkreis organisieren.

Protestbewegung im Aufwind

Nabil selbst ist im Koordinationskomitee von Damaskus. "Das hier sorgte für einen weiteren Eklat", sagt er und öffnet jenes Video, in dem ein mit orangefarbener Weste bekleideter Inspektor der Arabischen Liga den Aktivisten in Daraa bestätigt, Heckenschützen gesehen zu haben.

Al-Dabi aber korrigierte die Aussage gegenüber der BBC: Der Beobachter habe es hypothetisch gemeint, im Konjunktiv gesprochen. "Dabei kann jeder, der Arabisch versteht, hören, was er wirklich gesagt hat", meint Nabil, während er alle Fenster auf seinem Bildschirm wegklickt. "Das ist doch Hohn, blanker Hohn", zischt er.

Neben Nabil sitzt Ziad. Der Freund aus Kindertagen räuspert sich. Gewiss, dieser al-Dabi, das sei eine billige Schachfigur. Wie das Regime es geschafft habe, die Zustimmung der Arabischen Liga zu seiner Ernennung zu erlangen, wisse er nicht – andererseits, wer wisse schon um die schmutzigen Spielchen der Politik?

Soviel sei aber klar: Die Entsendung der Beobachtermission habe Syriens Demonstranten durchaus ermutigt. Allein am 30. Dezember hätten über eine Million Menschen protestiert, zwei Tage zuvor habe gar das verhaltene Aleppo seine bislang größte Demonstration mit Tausenden Teilnehmern erlebt.

Auch seien ja nicht alle Beobachter wie al-Dabi. "Einer, der Damaszener Vorort Al-Moadamyeh besuchte, hat bezeugt, keinerlei bewaffnete Demonstranten gesehen zu haben. Und der saudische Beobachter Khaled al-Rabi'an gelangte in Eigenregie nach Douma und Harasta und besichtigte dort die Krankenhäuser. Die Bewohner haben ihn jubelnd auf ihre Schultern gehoben."

Ein drohendes "libysches Szenario"?

"Und wieviele sollen sterben, sobald die Inspektoren einen Schauplatz wieder verlassen?", entgegnet Nabil. 315 Tote, sagt er, hätten die Koordinationskomitees zwischen dem 23. Dezember, dem Ankunftstag der Beobachterdelegation und dem 1. Januar gezählt.

Entsprechend froh sei er über die Erklärung, die die Union der lokalen Koordinationskomitees am 1. Januar herausgegeben hat.

Karte Syriens; Foto: DW
Der Ausschuss der Arabischen Liga soll am kommenden Samstag (7.1.2012) unter dem Vorsitz Qatars über die Ergebnisse der Inspektionen in Damaskus sowie in den Protesthochburgen Homs, Daraa, Hama und Idlib beraten. Wegen der andauernden Gewalt in Syrien mehren sich die Stimmen, die den Abzug der Beobachter aus dem Land fordern.

​​Darin gibt sie dem Syrischen Nationalrat eine Woche Zeit, um die Angelegenheit vor den Sicherheitsrat zu bringen. Anderenfalls wolle sie sich von dem Oppositionsgremium distanzieren. Dieses hätte von Anfang das fordern müssen, was die Union nun offiziell fordere: den Schutz der Zivilisten, die Errichtung von Pufferzonen sowie eine Flugverbotszone.

Droht ein "libysches Szenario"? Nur noch viel schlimmer? Nun braust Ziad auf. Libyen habe sechs Millionen Einwohner, Syrien 23 Millionen. In Libyen seien die Ortschaften mit Rebellen und Regimetreuen klar voneinander getrennt gewesen. In Syrien hingegen leben Regimegegner und -befürworter nebeneinander auf dicht besiedeltem Raum. "Wenn die Luftbombardements uns nicht scharenweise umbringen, tun wir es womöglich selbst – in einem Bürgerkrieg. Das wäre Wahnsinn", stöhnt Ziad.

Claqueure und Verschwörungstheorien

Beide schweigen. Tatsächlich halten Teile der syrischen Gesellschaft dem Regime die Treue – auch in Homs. Nabils Archiv weist auch hierfür Belege auf. Etwa jenes Video vom 28. Dezember, in dem eine Mutter zwei Mitgliedern der Beobachterdelegation schildert, wie ihr Sohn von „Terroristen“ getötet wurde. Ein Verwandter schärft den Inspektoren zudem ein, keinesfalls den Berichten auf Al-Jazeera zu glauben. Alles sei gefälscht, das Werk von Verschwörern – von al-Qaida und den USA…

"…und von Saudi-Arabien", fügt Abu George hinzu. Der Obstverkäufer aus dem Damaszener Viertel Al-Qassa' macht aus seiner Position keinen Hehl. Sein Kiosk biegt sich förmlich unter der Last der vielen Porträts des syrischen Staatspräsidenten.

Demonstration von Regimegegnern in Homs
Ruf nach Gerechtigkeit, Freiheit und ein Ende der Baath-Diktatur: Demonstration von Regimegegnern in Homs

​​Seit jeher habe Saudi-Arabien den Iran regional isolieren wollen, nun sehe die Islamische Republik eine Chance durch die Schwächung Syriens. "Eben deshalb schlich sich dieser saudische Inspektor ja in Douma ein: Er wollte dort einen bewaffneten Aufstand anzetteln!", erklärt Abu George entschieden, senkt dann aber seine Stimme. "Wissen Sie, wie extrem konservativ die Bewohner von Douma und Harasta sind? Es heißt, der Saudi hätte mit ihnen in der Moschee gebetet. Er kommt nach Syrien, um hier zu beten?". Abu George blickt vielsagend.

Allein gegen den Tyrannen

Ginge es nach Abu George, müsste die Beobachterdelegation rasch das Land verlassen – ausgenommen Mohammed Ahmad Mustafa al-Dabi. Auch Nabil wünscht sich das – Mohammed Ahmad Mustafa al-Dabi eingeschlossen. Die Initiative "Ali Salem al-Dekbassis" begrüßt er jedenfalls entschieden.

Der Sprecher des Arabischen Parlamentes, einem Beratergremium der Arabischen Liga, hat den Abzug der Inspektoren verlangt. Ihre Präsenz, so seine Begründung, gliche einem Deckmantel für das weiterhin mordende Regime. "Als ob es ihm um Menschenrechte ginge. Er will doch nur das Gesicht der Liga wahren", winkt Ziad ab.

Adäquater fände er es, wenn, wie vorgesehen, weitere Inspektoren einträfen. "22 sollen aus dem Irak kommen, dessen Regierung mit dem Regime koaliert. 25 aus den GCC-Staaten, dessen Regierungen gegen das Regime opponieren."

Dass die Inspektoren beider Blöcke sich vor aller Welt widersprächen, sei kaum im Interesse der Liga. Ebenso wenig könne sie es sich leisten, weiterhin den Eindruck zu vermitteln, sie werde von Damaskus gegängelt oder stünde gar in dessen Diensten.

Also könne man doch mit einem druckvolleren Auftritt als dem bis dato gelieferten rechnen? Für Ziad bedeutet dies eine große Chance. Er ist sich ganz sicher: die Syrer können sich alleine ihres Tyrannen entledigen. Sie bräuchten einzig etwas Ermutigung, damit die Lawine weiter anschwelle. Seit die Inspektoren im Lande sind, sei dies bereits geschehen.

Hubertus Ecker

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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