"Banthology - Stories from Unwanted Nations"

Schreiben gegen Grenzen

Der Sammelband "Banthology" enthält sieben bewegende Erzählungen von Schriftstellern aus sieben überwiegend muslimischen Ländern, gegen die US-Präsident Donald Trump ein Einreiseverbot verhängt hat: Somalia, Syrien, Jemen, Iran, Sudan, Libyen und Irak. Von Marcia Lynx Qualey

Entstanden sind die Kurzgeschichten "Banthology - Stories from Unwanted Nations" in drei verschiedenen Sprachen – Italienisch, Arabisch und Englisch –, und auch stilistisch sind sie sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von einer futuristischen Phantasie der libyschen Romanautorin Najwa Bishatwan, die in einer Stadt namens Schroedinger spielt, über den Galgenhumor des syrischen Autors Zaher Omareen bis zum unheimlich-mystischen Realismus der iranischen Schriftstellerin Fereshteh Molavi.

Zwei Erzählungen sind in der fernen Zukunft angesiedelt, Binshatwans "Return Ticket" und Wajdi al-Ahdals "The Slow Man" (Jemen). Schauplatz von Binshatwans Geschichte, die von Sawad Hussain stilsicher übersetzt wurde, ist der Ort Schroedinger, benannt nach dem bekannten österreichischen Physiker. "Der Name verlieh dem Dorf eine außergewöhnliche Macht, er konnte durch Zeit und Raum reisen und spontan seine Umlaufbahn ändern, als wäre er die Sonne, die an einem Ort auf- und an einem anderen untergeht."

Islamische Zukunftsbilder

So erlaubt das Dorf seinen Einwohnern, die Naturgesetze und ihre Beschränkungen außer Kraft zu setzen, und ihr Leben nimmt immer wieder neue Wendungen. Nur eines bleibt in Schroedinger Jahr für Jahr gleich: seine sechs US-Touristen.

Sie blieben nicht aus Liebe zu diesem Ort, sondern weil die Mauern ihres eigenen Landes Tag für Tag weiter wuchsen, bis das Land schließlich von der Welt abgeschnitten war und die Welt von ihm. Jeder Versuch eines amerikanischen Touristen, die hoch aufragenden Mauern zu überwinden und nach Hause zurückzukehren, endete tödlich.

Schroedinger schwebt zweimal wöchentlich über den USA, um die Leichen der sechs Touristen in ihr Land zu überführen. Das erregt den Verdacht der amerikanischen Geheimdienste, die prompt argwöhnen, die Dorfbewohner wollten die Mauern erklettern, die mittlerweile so hoch sind, dass man von außen nur noch "die erloschene Fackel der Freiheitsstatue und ihre von Vogeldreck besudelte Krone" sieht.

In Wirklichkeit hegen die Bürger von Schroedinger keineswegs das Verlangen, den gottverlassenen Zukunftsstaat USA zu betreten. Denn "welcher zurechnungsfähige Mensch wollte schon innerhalb von Gefängnismauern leben, zusammen mit Menschen, die nicht einmal miteinander auskommen, geschweige denn mit anderen?"

"Banthology. Stories from Unwanted Nations", edited by Sarah Cleave (published by Comma Press)
"Banthology - Stories from Unwanted Nations", ein Sammelband, der im Januar in Großbritannien herauskam und im März in den USA erscheinen wird, entzieht sich – zumindest in Teilen – tendenziösen Sprachregelungen, da er das Problem frontal angeht: Ausgewählt wurden Geschichten, deren Autorinnen und Autoren allesamt humorvoll, zornig oder bewegend gegen Grenzen anschreiben.

Al-Ahdals Geschichte dagegen ist weniger an technologischen als an religiösen Zukunftsvisionen orientiert. Sie beginnt im "Jahre 100 nach dem babylonischen Kalender", in dem mehrere Karawanen, aus Norden kommend, am Grenzübergang zwischen Gaza und Ägypten angehalten werden.

Allen zwölf Karawanen wird die Weiterreise verwehrt. Hinter diesem Verbot "steckte keine Voreingenommenheit", wie uns der Erzähler glattzüngig versichert, der Befehlshaber agiere nur eben außerordentlich langsam.

Die ismaelitischen Karawanen schlagen in der Nähe ihr Lager auf und warten beharrlich auf die Einreiseerlaubnis. Am Ende können sie ihre Ware ins Land schmuggeln. Nicht lange danach sterben 80 Prozent der ägyptischen Bevölkerung an Hunger, so dass die Babylonier die Herrschaft über Ägypten und später die Weltherrschaft antreten können.

Fast 4.000 später, "als das elektronische Chaos den Raumzeit-Kegel der vierdimensionalen Existenz aufgesprengt hatte", schlüpfen Aliens hindurch und behaupten, sie seien die Ur-Spezies der Erde und "zurückgekommen, um sie noch einmal zu besiedeln".

Bei Al-Ahdal sind die Gegenwartsbezüge viel weniger eindeutig. Obwohl "The Slow Man" mit einem "Einreiseverbot" beginnt, nimmt er uns anschließend mit durch fast 4.000 Jahre Menschheitsgeschichte, bevor er die Spezies durch eine Neukolonisierung der Erde auslöscht.

Scharfer, bitterer Humor

Zwischen hell und dunkel changierender Humor kennzeichnet sowohl den Beitrag "The Beginner's Guide to Smuggling" aus der Feder der syrischen Autors Zaher Omareen (übersetzt von Perween Richards und Basma Ghalayini) als auch "Storyteller", eine Erzählung des irakischen Autors Anoud.

Der Protagonist aus Omareens Geschichte unternimmt den Versuch, sich selbst nach Europa zu schmuggeln. Zu diesem Zweck kauft er einen Pass, der "dem Ehemann der ungarischen Botschafterin in der Türkei" gehört. Von dem Verkäufer, einem Mann namens Kalimera, erhält er den Rat: "Du bist gebildet. Schlau. Nicht wie diese Schafe. Lerne einfach ein paar ungarische Worte auswendig, dann kommst du im Flughafen gut durch."

Doch der Erzähler hat Mühe, sich außer seinem ohnehin komplizierten neuen Namen "Kaszuba Szablocs" etwas auf Ungarisch zu merken. Ungeachtet dessen darf er das Flugzeug besteigen. Nach der Landung tauscht "Kaszuba" seinen falschen ungarischen Pass gegen einen falschen griechischen ein. Doch als er endlich Dänemark erreicht, fehlen seine Papiere und er kann bei der Grenzkontrolle nur stottern: "Ich weiß auch nicht. Es tut mir leid. Ich bin Student und fahre nach Stockholm, um dort zu studieren. Ich bin Arzt."

Der Grenzpolizist fordert ihn auf, als Beweis für seine Identität "Guten Morgen" auf Griechisch zu sagen. Da er den Passverkäufer Kalimera die ganze Reise über verflucht hat, kommt ihm dieses Wort als erstes in den Sinn und er darf passieren - wie durch ein Wunder.

Nebulöser magischer Realismus

Fereshteh Molavis unheimliche, orakelhafte Geschichte "Phantom Limb" erzählt von einem jungen Mann, der gerade erst von Teheran nach Toronto umgezogen ist. Der Erzähler, ein aufstrebender Theaterregisseur, teilt sich die Wohnung mit drei anderen Iranern. Einer von ihnen ist Farhad, dessen Mutter ein Bein amputiert wurde.

Als wir die Männer besser kennenlernen, erfahren wir, dass Farhad im Iran im Gefängnis saß, wo er sich in eine Mitgefangene verliebte, deren Gesicht er nie sah. Wiederholt geistern Phantomscherzen, Theateraufführungen und der Gesang unsichtbarer Frauen durch die halb realistisch, halb geheimnisvoll-mystische Geschichte. Obwohl Farhar durch Grenzlinien und viele Kilometer von seinem Land getrennt ist, führt er ein Parallelleben im Iran.

Auch in "Jujube" von Ubah Cristina Ali Farah, einer Schriftstellerin aus dem Sudan, begegnen wir einer grausam zugerichteten Traumlandschaft. Die junge Erzählerin kann das Entsetzliche, das sie zu Hause erlebt hat, kaum aussprechen, und so ergänzen zwischendurch immer wieder die "Notizen des Übersetzers", ob zutreffend oder nicht, das, was das Mädchen nicht über die Lippen bringt.

Auf seinen gerade mal 70 Seiten enthält der Sammelband sieben Geschichten, die einen überwiegend fesselnden und aktuellen – wenn auch kurzen – Blick auf einen neuen Umgang mit Verboten und Grenzen bieten. Sie bilden nicht unbedingt ein organisches Ganzes und werden den öffentliche Diskurs nicht reformieren, auch wenn sie unbestreitbar eine politische Stoßrichtung haben. Doch wer weiß – vielleicht liest eines Tages ein einflussreicher Meinungsführer in den USA von Schroedinger, dem fliegenden Dorf, und bekommt Angst, dass sich auch um ihn die Mauern schließen könnten.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

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