Badriah Albeshr: "Hend and the Soldiers"

Aus Angst vor der Wut

Als "Hend and the Soldiers" von Badriah Albeshr 2006 erstmals auf Arabisch erschien, löste das einen kleinen Aufruhr aus. Albeshrs Erzählung, dessen Stil irgendwo zwischen schwatzhafter Romanze und politischem Kommentar zu verorten ist, traf zu jener Zeit einen besonderen Nerv. Von Marcia Lynx Qualey

Die Hauptfigur in Albeshrs kurzer, bewegender Erzählung ist eine Frau namens Hend, die im Umfeld des Militärs aufwächst. Während sie versucht, sich ihren Weg in die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu erkämpfen, wird sie von allen Seiten von Soldaten bedroht.

Zwei dieser Soldaten sind Angehörige des saudischen Militärs: Hends Vater war Unteroffizier, und ihr Mann Mansur ist Leutnant. Aber die beiden sind in dieser Armee der Sozialkontrolle, die aus Verwandten, Kollegen, Sittenwächtern und sogar ganz normalen Passanten besteht, nur unbedeutende Fußsoldaten.

Die Erzählung, die 128 Seiten umfasst und von Sanna Dhahir überzeugend übersetzt wurde, beschreibt in sehr direkter, aber auch sehr lyrischer Sprache die düstere Wirklichkeit von Hends Krieg, eine Geschichte, die allerdings immer wieder durch den Klatsch und Tratsch des Alltags durchbrochen wird.

Die Schatten der Sklaverei

Das Buch beginnt und endet damit, dass Hend, eine geschiedene Mutter aus Riad, schließlich ihren eigenen Weg wählen muss. Auf dieser Suche nach einem neuen Leben erinnert sich Hend an Familiengeschichten, Volksmärchen, Romanzen und Träume. Die Geschichten beginnen, als die Dienerin der Familie über Hends Mutter und ihr eigenes Leben berichtet. Sie heißt Nweyyir, eine ehemalige Sklavin, die entführt und an Hends Großvater verkauft wurde.

In den 1960ern wurde die Sklaverei im Land von König Faisal offiziell abgeschafft, doch im Buch bleiben die gewaltigen sozialen Disparitäten ein beherrschendes Thema. Nweyyir bleibt ohne Bezahlung bei der Familie, und ihre Tochter Ammousha wird später zu Hends Dienerin deklariert. Ammousha ist das unsichtbare Gedächtnis der Familie – sie sieht und erinnert sich an alles. Dabei tritt sie stets verschleiert in Erscheinung, nicht einmal die Kinder der Familie kennen ihr Gesicht.

Buchcover Badriah Albeshr: "Hend and the Soldiers", Verlag: University of Texas Press
"Hend and the Soldiers" ist auf ersten Blick eine etwas aufbrausende Erzählung, die eine Vielzahl verschiedener Schreibstile birgt. Doch bei näherem Hinsehen vermittelt sie eine lebendige Momentaufnahme der zeitgenössischen saudischen Gesellschaft mit ihren sozialen Zwängen und Hierarchien, aber auch ihrer ganz eigenen Geschichten und persönlichen Schicksale, schreibt Marcia Lynx Qualey.

Die Erzählung wechselt immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Wirklichkeit und Romantik. Die erste Geschichte, die Hend als Kind lieben gelernt hat, ist das Märchen "Aschenputtel" ("Cinderella"), das sie in der Schule kennenlernte. Dieses Märchen steht in scharfem Kontrast zu einer Geschichte mit dem Namen "Das Mädchen mit den weißen Socken", die sie zu Hause gehört hatte.

In "Das Mädchen mit den weißen Socken" wird die Heldin nicht von einem Prinzen gerettet, und sie lebt auch nicht glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Stattdessen wird sie vergewaltigt und ermordet. Aber trotzdem ist das Mädchen eine Heldin, denn sie schreibt die Namen ihrer Vergewaltiger auf und versteckt den Zettel in ihrer Socke, um die Täter zu bestrafen und ihre eigene Ehre zu retten.

Hend wächst mit beiden Versionen der Geschichte auf, den geschriebenen Märchen und den mündlich weitergegebenen Volkslegenden. Beide sind von strengen Geschlechterrollen geprägt, aber Hend fühlt sich mehr von den romantischen Märchen angezogen, obwohl sie sich hierüber zumeist lustig macht.

Frauen als Feindinnen der Frauen

Ein überaus ergreifender Vorfall ereignet sich früh in Hends Leben, nämlich als sie ihrer Mutter ein romantisches Lied vorsingen will. Es ist eine Melodie, die sie in der Schule gehört hat. Sie hofft, damit zu ihrer Mutter, die sich nur um Hends Brüder zu kümmern scheint, eine Verbindung zu schaffen.

Aber Hends verhärmte Mutter hat keine Zeit für Lieder. Hend erinnert sich: "Ich hoffte, dass meine Mutter, nachdem sie das Lied gehört hatte, ihre Arme um mich legen würde. Ich überlegte sogar, das Baby niederzulegen, damit sie mich richtig, mit Leib und Seele, umarmen könnte. Stattdessen nahm sie den großen Löffel aus dem Topf und hielt ihn mir vors Gesicht. 'Geh mir aus dem Weg, bevor ich dir damit auf den Kopf schlage!'"

Immer wieder im Buch bemühen sich Frauen, miteinander in Verbindung zu treten. Die Dienerin Ammousha möchte Hend dazu bringen, ihre Mutter zu verstehen. Also beschreibt sie, wie die Mutter als Kind verheiratet und von Hends Vater vergewaltigt wurde. Als sie weglaufen wollte, wurde sie dafür geschlagen. Aber Hend betrachtet ihre Mutter weiterhin als Tyrannin, die alles unter ihre Kontrolle bringen will.

Auch mit der scheinheiligen Juhayr kann sich Hend nicht anfreunden – einer Arbeitskollegin, die sie hinter ihrem Rücken "Hajja Juhayr" nennt. Die prüde Juhayr verpetzt ständig andere dafür, dass sie soziale Regeln übertreten. Also sind alle erstaunt, als sie plötzlich mit einem pakistanischen Arzt aus dem Land flieht. Hends Geliebter Waleed hegt Sympathien für Juhayr, jedoch nicht für Hend und ihre Freundin Shaza. Wütend fragt sich Hend: "Warum glaubt sie, ihre Rechte durchsetzen zu können? Sie hat all jene verdammt, die nur ein Viertel dessen wollten, was sie selbst an sich gerissen hat."

Die Männer im Buch sind genauso durch ihre Geschlechterrollen limitiert wie die Frauen. Doch obwohl sie grausam und gewalttätig sind, kommen sie in der Erzählung besser weg. Hends Bruder Ibrahim tötet andere für seinen Dschihad, aber er gibt dabei eine derart lächerliche Figur ab, dass es schwer ist, nicht kopfschüttelnd Mitleid mit ihm zu empfinden. Hends Vater, ein pensionierter Unteroffizier, scheint sich ein ruhigeres Leben zu wünschen, findet jedoch letztlich keinen Ausweg.

Das System unterwandern

Am schonungslosesten wird in Albeshrs Erzählung die systematische Herabsetzung und Infantilisierung der Frauen kritisiert. Hend, eine erfolgreiche Kolumnistin und Sozialarbeiterin in einem Krankenhaus, erfährt von ihrem Ehemann, Frauen hätten winzige Gehirne. Im Krankenhaus blutet eine Frau aus der Gebärmutter. Sie muss dringend behandelt werden, braucht für eine Operation aber die Zustimmung ihres Mannes. Schließlich ist es Hend, die die Papiere unterschreibt und die Verantwortung für die Behandlung der Frau übernimmt.

Hend ist nicht die einzige Figur, die das System unterwandert. Immer wieder lehnen sich junge Menschen im Namen von Humanität und Nächstenliebe auf, und auch Hends Bruder Fahad wehrt sich gegen die Gefangennahme seiner Schwester.

"Hend and the Soldiers" ist auf ersten Blick eine etwas unstete, aufbrausende Erzählung, die eine Vielzahl verschiedener Schreibstile aufweist. Bei näherem Hinsehen vermittelt sie allerdings eine lebendige Momentaufnahme der zeitgenössischen saudischen Gesellschaft mit ihren sozialen Zwängen und Hierarchien, aber auch ihrer ganz eigenen Geschichten und persönlichen Schicksale.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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