Der Status des Koran ist sowohl für die Anhänger als auch für die Gegner des Islam ein besonders wichtiges Thema. Während die Christen die Bibel meist als göttlich inspiriert, aber von Menschen geschrieben betrachten, stellt der Koran angeblich das tatsächliche Wort Gottes dar, wie es Mohammed vom Erzengel Gabriel (auf arabisch Jibril) übermittelt wurde.

Für Atheisten mit muslimischem Hintergrund scheint das Problem der Authentizität des Korans und des Propheten oft wichtiger zu sein als die Frage nach der Existenz Gottes – und in dieser Hinsicht folgen sie einer langen Tradition: Zwei bedeutende persische Persönlichkeiten des neunten und zehnten Jahrhunderts, Ibn al-Rawandi und Abu Bakr al-Razi, wurden oft als Atheisten bezeichnet, obwohl es passender wäre, sie anti-prophetische Rationalisten zu nennen.

Die Frage, ob Gott existiert oder nicht, war ihnen nicht so wichtig (und sie hatten kaum wissenschaftliche Erkenntnisse, um sie klären zu können), aber den Propheten, insbesondere Mohammed, standen sie sehr skeptisch gegenüber. Da viele Menschen behaupteten, solche Propheten zu sein, sich aber oft gegenseitig widersprachen, war es nur logisch, dass nicht alle von ihnen eine direkte Leitung zu Gott haben konnten. Also war die Frage, welche dieser Propheten – wenn überhaupt – echt waren.

Bildcollage Galileo Galilei; Quelle: DW
Obwohl der Konflikt zwischen der Wissenschaft und dem Christentum auf eine lange Geschichte zurückblickt, haben die Muslime wissenschaftliche Erkenntnisse zumeist nicht als Bedrohung wahrgenommen. Zu der berühmten Begebenheit aus dem Jahr 1633, als die römisch-katholische Kirche den Wissenschaftler Galileo Galilei zwang, seinem "ketzerischen" Glauben, die Erde drehe sich um die Sonne, abzuschwören, gibt es keine islamische Entsprechung.

Damals wie heute richteten sich die Argumente der Nichtgläubigen also eher gegen die irrationalen Bestandteile der religiösen Doktrin, und nicht so sehr auf die Frage nach Beweisen für die Existenz Gottes. Dies ist der Punkt, an dem sich die atheistischen Reaktionen gegen den Islam von denjenigen unterscheiden, die sich gegen das Christentum richten.

Obwohl der Konflikt zwischen der Wissenschaft und dem Christentum auf eine lange Geschichte zurückblickt, haben die Muslime wissenschaftliche Erkenntnisse zumeist nicht als Bedrohung wahrgenommen. Zu der berühmten Begebenheit aus dem Jahr 1633, als die römisch-katholische Kirche den Wissenschaftler Galileo Galilei zwang, seinem "ketzerischen" Glauben, die Erde drehe sich um die Sonne, abzuschwören, gibt es keine islamische Entsprechung. Das wissenschaftliche Engagement der Muslime war immer schon eng mit ihrem Glauben verbunden. Da sie einen Mondkalender hatten und für ihre Gebete die Himmelsrichtung von Mekka ermitteln mussten, interessierten sie sich besonders für Astronomie.

Darwins Evolutionstheorie unter Verschluss

Die Reaktion der Muslime auf die Veröffentlichung von Charles Darwins Buch Die Entstehung der Arten im Jahr 1859 war eher gemischt: Einige von ihnen, wie der Großmufti von Ägypten, reagierten auf die Probleme, die das Christentum mit Darwins Theorie hatte, mit einer gewissen Schadenfreude. Sie argumentierten, der Islam sei relativ frei von Konflikten mit der Wissenschaft und daher besser in der Lage, mit diesem Thema locker umzugehen.

Heute allerdings wird der Widerstand der Muslime gegen den Darwinismus immer stärker, was wahrscheinlich an dem Trend hin zum religiösen Konservatismus und zur buchstäblichen Auslegung der Schriften liegt, der seit den 1970er Jahren erkennbar ist. Daher ist die Evolution heute ein Bereich, mit dem sich die arabischen Schulen, Universitäten und Medien aus Angst vor Beschwerden nicht gern beschäftigen.

Im Nahen Osten ist die Frage nach Gott nicht nur ein Thema intellektueller Diskussionen, sondern viel mehr. Da Politik und Religion so eng miteinander verbunden sind, können Zweifel an der Religion bedeuten, dass auch die Politik in Frage gestellt wird. Die meisten arabischen Regime missbrauchen ihre religiöse Macht dazu, um ihren Mangel an demokratischer Legitimität auszugleichen. Dazu fördern sie immer gerade diejenige Version des Islam, die ihnen dabei hilft, ihre Macht zu festigen.

Brian Whitaker

© MPC Journal 2017

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Brian Whitaker ist britischer Journalist. Er war Redakteur für den Nahen Osten der Tageszeitung "The Guardian".

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