Im Jahr 2014, als ich für mein Buch Arabs Without God recherchierte, versuchte ich herauszufinden, warum manche Araber zu Atheisten werden. Niemand, mit dem ich gesprochen hatte, gab als Hauptgrund den Terrorismus an. Diejenigen, die sich vom Islam abwandten, taten dies, weil sie grundsätzliche religiöse Glaubenssätze nicht teilen konnten, die ihnen meist in der Schule oder von regierungstreuen Klerikern beigebracht worden waren.

In Interviews sprachen sie oft von einer schrittweisen Abkehr von der Religion, die sich über Jahre hingezogen hatte. Es gab zum Zeitpunkt ihrer Hinwendung zum Atheismus kein plötzliches "Schlüsselmoment". Normalerweise begann ihr Wandlungsprozess mit einer nagenden Unsicherheit über manche Aspekte der religiösen Lehre, die ihnen unlogisch erschienen. Und oft hofften sie, diese Widersprüche dann doch noch lösen zu können, um zu einem besseren Verständnis ihres Glaubens zu gelangen.

Der zornige, unbarmherzige Gott

Was von ihnen am häufigsten als erster Schritt zum Atheismus bezeichnet wurde, war die Wahrnehmung, dass das göttliche Urteil so offensichtlich ungerecht sei. Das Bild, das sie gelernt hatten, war das eines zornigen und oft irrationalen Gottes, die sich ähnlich verhält wie ein arabischer Diktator oder ein altmodischer Familienpatriarch – eine menschenähnliche Figur, die beliebige Entscheidungen trifft und sich darüber freut, Menschen beim geringsten Anlass bestrafen zu können. Eindeutig wurden sie in ihrer Kindheit von den – im Koran ständig wiederholten – grässlichen Warnungen beeinflusst, was mit denjenigen geschieht, die vom Glauben abfallen.

Muslima liest aus dem Koran; Foto: Getty Images/AFP
Abkehr vom strafenden und autoritären Gott: "Das Bild, das viele Atheisten vor ihrem Abfall vom Glauben gelernt hatten, war das eines zornigen und oft irrationalen Gottes, die sich ähnlich verhält wie ein arabischer Diktator oder ein altmodischer Familienpatriarch – eine menschenähnliche Figur, die beliebige Entscheidungen trifft und sich darüber freut, Menschen beim geringsten Anlass bestrafen zu können. Eindeutig wurden sie in ihrer Kindheit von den – im Koran ständig wiederholten – grässlichen Warnungen beeinflusst, was mit denjenigen geschieht, die vom Glauben abfallen", schreibt Whitaker.

Angesichts dessen, dass der Islam oft dazu benutzt wird, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu zementieren – beispielsweise durch diskriminierende Erbschaftsregeln oder die als weibliche "Bescheidenheit" beschönigte Unterordnung der Frau –, könnte man vermuten, dass die Frauen im Nahen Osten mehr Gründe für eine Abkehr vom Islam haben als die Männer. Und mit Gewissheit rebellieren auch manche Frauen, doch die sozialen Bedingungen des patriarchischen Systems machen es ihnen häufig schwer, überhaupt intensiv darüber nachdenken zu können.

Auffällig ist meines Erachtens nach vor allem ein Unterschied zwischen arabischen und westlichen Atheisten. Dieser besteht darin, dass die wissenschaftlichen Argumente in Hinblick auf die Evolution und die Ursprünge des Universums, die den westlichen atheistischen Diskurs stark prägen, für Araber, die sich von ihrer Religion abwenden, eher kaum eine Rolle spielt – zumindest zu Beginn. Sie stellen zunächst nicht so sehr die Möglichkeit (oder Unmöglichkeit) der Existenz von Gott in Frage, sondern vielmehr, ob Gott überhaupt in der Form existieren kann, wie dies von den organisierten Religionsgemeinschaften propagiert wird.

Verbleibender vage Glaube an eine Gottheit

Buchcover "Arabs without God" von Brian Whitaker im Verlag CreateSpace Independent Publishing Platform
Der britische Journalist Brian Whitaker versuchte in seinem Buch Arabs Without God herauszufinden, warum manche Araber zu Atheisten werden. Niemand, mit dem er sprach, gab hierzu als Hauptgrund den Terrorismus an. Diejenigen, die sich vom Islam abwandten, taten dies, weil sie grundsätzliche religiöse Glaubenssätze nicht teilen konnten, die ihnen meist in der Schule oder von regierungstreuen Klerikern beigebracht worden waren, so Whitaker.

Einige der arabischen Atheisten lehnen zwar den Gott des Islam ab, behalten aber einen vagen Glauben an eine Gottheit oder drücken einen Wunsch nach "Spiritualität" aus. Unter anderen Bedingungen hätten sie vielleicht unterschiedliche Glaubenssysteme oder "New-Age"-Religionen ausprobiert, doch dazu haben sie im Nahen Osten kaum Gelegenheit.

Die meisten Muslime sind gegenüber dem Christen- und Judentum, die sie als "himmlische" Religionen betrachten, durchaus tolerant, alle anderen Religionen werden jedoch normalerweise nicht anerkannt oder erlaubt – obwohl deren Glaubensriten möglicherweise doch heimlich praktiziert werden. In Kuwait gibt es Yogakurse und "Heilungszentren", die von Buddhisten geleitet werden, aber ihr religiöser Hintergrund wird nicht öffentlich bekannt gemacht.

Säkularisten und "progressive" Muslime

Manche Muslime entscheiden sich auch aus taktischen Gründen dafür, nicht völlig mit ihrer Religion zu brechen. Sie bezeichnen sich dann als Säkularisten, "progressive" Muslime oder muslimische "Reformer".

Sie spüren, dass sie im Kampf gegen unterdrückende religiöse Praktiken mehr erreichen können, wenn sie die Existenz Gottes nicht in Frage stellen, da ihnen als Atheisten wahrscheinlich niemand zuhören würde.

Zweifellos täte es dem Nahen Osten in sozialer und politischer Hinsicht sehr gut, wenn eine Reform des Islam einsetzen würde. Aber für dieses Ziel können sich Atheisten nicht einsetzen, ohne dabei ihre Prinzipien zu opfern.

Progressivere Anhänger des Islam betrachten den Koran meist innerhalb seines historischen Zusammenhangs. Sie argumentieren, die Regeln, die zur Zeit des Propheten galten, könnten heute im Licht sich verändernder Umstände neu interpretiert werden – aber auch diese Einstellung bedeutet immer noch, den Koran als höchste religiöse Autorität anzuerkennen.

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