Assaf Gavron; Foto: © Philippe Matsas, Agence Opale
Assaf Gavrons Roman "Auf fremdem Land"

Zurück zur Natur

Während die Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern wieder einmal ins Stocken geraten sind, hat der israelische Bestsellerautor Assaf Gavron einen Roman veröffentlicht, in dem er den Ausbau eines illegalen Siedlungsstützpunkts mitten im Westjordanland thematisiert. Von Volker Kaminski

"Auf fremdem Land" erzählt von den ergreifenden Geschehnissen um einen nicht genehmigten israelischen Außenposten auf palästinensischem Gebiet, doch der Roman ist weit mehr als eine politische Parabel auf die bekannten Probleme zweier unversöhnter Nachbarn.

Mit ironischer Distanz schildert der Erzähler den bürokratischen Wirrwarr, den die willkürliche Bewirtschaftung des Gebiets durch eine Handvoll Siedler auslöst. Ein Mann namens Otniel Asis bricht in die Wildnis auf, um in der Einöde ein wenig Landbebauung zu betreiben, eine Ziege zu halten und Ruccola und Cherrytomaten für seine Frau und Kinder anzupflanzen.

In den Fängen der Bürokratie

Während er die ersten Schritte zur Übersiedlung von der Stadt aufs Land unternimmt, einen Wohnwagen aufstellen lässt, eine notdürftige Wasser- und Stromversorgung einrichtet und sich ihm auch schon ein paar weitere Siedler anschließen, wird gleichzeitig das Mahlen der bürokratischen Mühlen im nahen Jerusalem und in der Hauptstadt beschrieben.

Buchcover  'Auf fremdem Land' von Assaf Gavron im Verlag Luchterhand
Glänzend recherchiert, packend erzählt: Man kann Gavrons Roman einerseits mehr sozialpolitisch verstehen, andererseits die moralisch-menschliche Intention im Vordergrund sehen, schreibt Kaminski.

In den für den Siedlungsbau zuständigen Behörden müssen die Beamten auf die Vorgänge in "Chermesch 3" (so der Name des Stützpunkts) reagieren, es werden Entscheidungen zur Räumung des Stützpunkts getroffen und wieder vertagt, die Siedler ihrerseits reichen Petitionen ein, um ihre Vertreibung durch das Militär zu verhindern, es gibt Kompetenzstreitigkeiten unter den Beamten und Ministern, die Washington Post bekommt von der Sache Wind und schließlich versetzt die Angelegenheit der illegalen Besiedlung den amerikanischen Präsidenten höchstpersönlich in Rage.

Beim Lesen wird schnell klar, dass es dem Autor nicht um eine Stellungnahme zum aktuellen israelischen Siedlungsbau geht. Die Menschen, die in der Einöde zusammenkommen, handeln aus persönlichen Motiven, sie geben ihre bürgerliche Existenz auf, steigen aus ihren Berufen als Lehrer oder Buchhalter aus, um mit ihren Familien ein Leben unter archaischen Bedingungen in der freien Natur zu führen.

Warum sie das im Einzelnen tun, welche Rolle der Glaube dabei spielt, mit welchen Widrigkeiten sie zu kämpfen haben (Kälte, Regen, wilde Tiere etc.), all das wird uns höchst plastisch nahe gebracht.

Ein Hauch von "Segen der Erde"

Der Erzähler gewinnt dem einfachen Landleben durchaus etwas ab, auch wenn er die Entbehrungen und dauernden Rückschläge nicht verschweigt. Ein Hauch von „Segen der Erde“ durchweht den Roman, vor allem da, wo es um die Begegnung von Mensch und Natur geht und wo die Siedler viele Opfer bringen, um sich eine neue Existenz im ungeschützten Raum der Wildnis aufzubauen.

Dies trifft vor allem auf eine der zwei Hauptfiguren zu, Gavriel (im Roman meist Gabi genannt). Eines Tages ist er in "Chermesch 3" eher zufällig gestrandet, fühlt sich aber von der Siedlergemeinde vom ersten Moment an herzlich aufgenommen.

Nachdem sein Leben als Ehemann und Vater gescheitert ist, will Gabi sich mit eigenen Händen ein bescheidenes Heim aufbauen, lebt als gläubiger Siedler im Wohnwagen und beschließt eines Tages ein Stück abseits ein frei stehendes "Zimmer" zu errichten, um dort nachts die Sterne über der Wüste zu beobachten.

Am Rande einer Siedlung bei Alsira; Foto: Ulrike Schleier
Schlaglicht auf absurde Lebenswelten: "Auf fremdem Land" erzählt von den spannenden und ergreifenden Geschehnissen um einen nicht genehmigten israelischen Außenposten auf palästinensischem Gebiet.

Die andere Hauptfigur ist sein Bruder Roni, der in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von Gabi ist. Als Roni nach "Chermesch 3" flüchtet, ist er gerade als Investmentbanker in New York gescheitert, hat große Geldsummen bei riskanten Aktiengeschäften verloren, die Gläubiger sitzen ihm im Nacken.

Doch statt auf dem Stützpunkt zum praktizierenden Gläubigen zu werden und Gabi und den anderen beim Aufbau der Siedlung zu helfen, beginnt er mit einem arabischen Bauern, dem die angrenzenden Olivenhaine gehören, Olivenölgeschäfte im großen Stil anzubahnen.

Botschaft für eine politische Versöhnung

Eigentlich scheint Roni ein Nichtsnutz und Glücksspieler, und doch beweist auch er im Laufe der Geschichte wachsende Einsicht in sein eigenes Scheitern, versöhnt sich mit seinem Bruder und fasst wieder Fuß im Leben.

Der Roman lässt sich auf zwei unterschiedliche Arten lesen, die sich jedoch berühren; man kann ihn mehr sozialpolitisch verstehen oder seine moralisch-menschliche Intention im Vordergrund sehen (das Schicksal der problematischen Brüder). In beide Richtungen bietet er eine Fülle von glänzend recherchiertem Material und packend erzählten Geschichten.

"Chermesch 3" mit seinen Bewohnern ist nicht nur irgendein Ort in der palästinensischen Wüste, den heilsversessene Outcasts und gescheiterte Zivilisationsflüchtlinge aufsuchen, um den Traum vom Pionierleben wahr zu machen.

Er ist vor allem ein Ort, an dem Menschen vor existenziellen Bewährungsproben stehen und auf friedlichen Zusammenhalt dringend angewiesen sind, wenn sie den Glauben an ein gelingendes Dasein nicht aufgeben wollen. Insofern besitzt der Roman eine höchst aktuelle Botschaft auch in Richtung politischer Versöhnung.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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