Anti-islamische Bewegungen in Deutschland

"Islamophob – und stolz darauf"

Fundamentalistische Christen hetzen mit populistischen Parolen gegen Muslime – für sie die neue Gefahr in Europa. Die Besucherzahlen mancher ihrer Internetseiten sind erschreckend hoch. Claudia Mende hat recherchiert.

Fundamentalistische Christen hetzen mit populistischen Parolen gegen Muslime– für sie die neue Gefahr in Europa. Die Besucherzahlen mancher ihrer Internetseiten sind erschreckend hoch. Claudia Mende hat recherchiert.

Minarett der Sultan-Selim-Moschee und der Turm der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim; Foto: AP
Islam versus Christentum? Seitdem Muslime ihre Präsenz mit Moscheebauten verdeutlichen, ist die Stimmung in Deutschland gereizt

​​"Gott will die Liebe", nennt sich die Gruppe. Doch sie verbreitet eine Menge Unfrieden. Im Juli sorgte "Gott will die Liebe" in München bei einer städtischen Info-Reihe über den Islam für Furore.

Die Veranstaltung des Erlanger Islamwissenschaftlers und Juristen Matthias Rohe zum Thema "Grundgesetz und Sharia" ging im Tumult unter und musste abgebrochen werden. Einige Tage später erhielt Rohe per E-Mail eine Morddrohung, die der Jurist auf seiner Homepage der Öffentlichkeit zugänglich machte.

"Deus Vult Caritatem" (Gott will die Liebe) lautete im Jahre 1099 der Aufruf Papst Urbans an die ersten Kreuzritter. Sie sollten die Muslime aus dem Heiligen Land vertreiben.

"Heute ist es höchste Zeit, wieder zu reagieren und das Abendland sowie alle anderen vom radikalen Koran-Islam Bedrohten zu schützen und zu verteidigen", heißt es auf der Homepage von Deus Vult, die Ostern 2007 zum 80. Geburtstag von Papst Benedikt eingerichtet wurde.

"Sie richten viel Schaden an"

Und so stellen sich die modernen Kreuzfahrer vor, das durch Islamisierung bedrohte Abendland zu retten: "Versuch der Re-Evangelisierung des eigenen Landes und behutsame christliche Mission gegenüber Mohammedanern, die wir auf friedliche und gutartige Weise von der Umklammerung des 'Propheten' zu befreien versuchen sollten."

Radikale Christen machen mobil gegen den Islam. "Es sind zwar zahlenmäßig kleine Gruppen, aber sie machen einen ungeheuren Druck durch Leserbriefe, Telefonanrufe im Ordinariat und bei öffentlichen Veranstaltungen", beschreibt Andreas Renz, Referent für interreligiösen Dialog der Diözese München, ihre Aktivitäten. "Es entsteht eine Atmosphäre der Unsicherheit. Sie richten viel Schaden an."

Während die beiden großen Kirchen sachlich aufklären wollen und viele Gemeinden aktiv im Dialog engagiert sind, ist für fundamentalistische Christen der Islam die neue Gefahr für Europa. Für Andreas Renz handelt es sich bei den Gruppen um ein weites Spektrum, das vom rechten Rand bis in die Mitte der Gesellschaft hineinreiche.

Anzeige gegen Verbreitung des Korans

Deus Vult ist dabei nur ein kleines Licht. Bundesweit bekannt ist der "Bundesverband der Bürgerbewegungen zur Bewahrung von Demokratie, Heimat und Menschenrechten" (BDB).

Der Verein engagiert sich nach eigenen Angaben "gegen die Bildung einer fundamental-islamischen Parallelgesellschaft in Deutschland" und gegen Muslime, "die europäischen Bürgern mit immer neuen Forderungen Teile der Scharia aufzuzwängen gedenken".

Zu den Forderungen des BDB gehört die "Überprüfung von Art. 4 GG (Religionsfreiheit) hinsichtlich seiner Anwendbarkeit auf die Politreligion Islam", ein Verbot des Baus von Minaretten, die "Ächtung der Banken und Finanzdienstleister, die in Europa scharia-konforme Geldanlagen anbieten und es damit zulassen, dass in unserer Wirtschaftsordnung das Wirtschaftsmodell der Scharia eingeführt wird".

Ein Mitglied des Vereins erstattete Anzeige gegen die Verbreitung des Korans, weil er den Tatbestand der "Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen" sowie den "Tatbestand der Volksverhetzung" erfülle.

Die Anzeige wurde vom Hamburger Amtsgericht abgelehnt. Großes Vorbild des BDB ist der ostdeutsche Pfarrer Roland Weisselberg, der sich am Reformationstag 2006 wegen der drohenden Islamisierung Deutschlands selbst angezündet hat und an den schweren Verbrennungen starb.

Anti-islamische Partei geplant

Prominenteste Figur der Anti-Islam-Bewegung ist der ehemalige FAZ-Redakteur und Buchautor Udo Ulfkotte ("Der Krieg in unseren Städten") mit seinem Verein "Pax Europa". Ulfkotte will eine eigene antiislamische Partei gründen, in der alle islamkritischen Kräfte unter seiner Führung zusammen arbeiten sollen.

Für den 11. September plante sein Verein Pax Europa eine Großdemo in Brüssel. Menschen aus ganz Europa sollten hier nach Angaben der Veranstalter unter der Parole "Stoppt die Islamisierung Europas" demonstrieren.

Der Brüsseler Bürgermeister Freddy Thielemans verbot die Demonstration, die daraufhin in Köln mit Ralph Giordano als Hauptredner stattfinden sollte. Doch in Köln sagte Ulfkotte seinerseits ab. Angeblich weil die Sicherheit der Demonstranten nicht gewährleistet sei. Oder weil Ulfkotte doch nicht so viele prominente Unterstützer fand?

Zwar weisen diese rechtspopulistischen Islam-Gegner jeglichen Rechtsextremismus weit von sich. Doch auf den einschlägigen Internetseiten toben sich unzensiert niederste Instinkte aus.

Hass auf Muslime

Auf über vier Millionen Besucher kommt die Internetseite www.politicallyincorrect.de des katholischen Grundschullehrers Stefan Herre aus Bergisch-Gladbach. Im Shop kann man Buttons und Tassen mit der Aufschrift "islamophobic – and proud about it" (Islamophob – und stolz darauf) kaufen.

In den Kommentaren finden sich beispielsweise folgende Äußerungen zum Gammelfleischskandal, an dem natürlich wieder mal die Muslime schuld seien: "Der Blutschande entgegen dem deutschen Butterbrot muss Einhalt geboten werden!"

"Kann man die systematische Versorgung der Bevölkerung mit Dreck als Ernährungsdschihad bezeichnen?" fragt ein Andreas von Montbard. Von keinem Moderator unterbunden, sprießt hier der Hass auf Muslime. "Warum sollte ich die Moslems nicht genauso generell hassen wie die Nazis? Beide sind religiös verbrämte faschistische Ideologien", schreibt der anonyme Nutzer Capt.

Mit auf der Seite christlicher Islam-Gegner befindet sich auch die "Evangelische Allianz", der Dachverband von etwa 1,3 Millionen evangelikalen Christen in Deutschland. Ulfkotte publiziert im Christlichen Medienmagazin Pro der Allianz.

Hartmut Steeb, Generalsekretär der Evangelischen Allianz, hält Ulfkottes Feldzug gegen die Islamisierung Europas für "eine wichtige Sache".

Dann ergänzt er: "Eine Islamisierung Deutschlands halte ich für möglich. Für den Islam ist das ja bloß eine demografische Frage. Grundsätzlich strebt der Islam die Herrschaft an, das halte ich für realistisch."

Christentum als einzige Wahrheit

Auch die Großkirchen sind nicht vor dem Einfluss der Evangelikalen gefeit. Die neue EKD-Handreichung zum Verhältnis mit Muslimen ist evangelikal beeinflusst. An der Schrift "Klarheit und gute Nachbarschaft" hat die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher, wissenschaftliche Leiterin des Islaminstituts der Evangelischen Allianz, mitgearbeitet.

Schirrmacher vertritt eine Abgrenzung gegenüber dem Islam, die an der Basis umstritten ist. Wer Schirrmacher fragt, was für sie der Islam ist, erhält allerdings keine Antwort.

"Das kann ich so nicht sagen", weicht Schirrmacher am Telefon der Frage aus. "Es ist aber kein aggressiver Standpunkt zu sagen, der christliche Glaube ist die einzige Wahrheit." Dementsprechend verfasst sie Gebetskalender, in denen für Muslime gebetet wird, damit sie endlich Christus kennen lernen.

"Evangelikale nutzen die anti-islamische Bewegung für ihre Zwecke", kommentiert Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung in Erlangen. Schiffer beobachtet seit Jahren die Islambilder in den Medien. "Die Argumentation der Bürgerbewegungen sind christlich-fundamentalistisch durchzogen", erläutert die Wissenschaftlerin.

Das Klima ist schärfer geworden. Seitdem Muslime ihre Präsenz in der deutschen Gesellschaft mit Moscheebauten deutlich anmelden, sind die Reaktionen gereizt bis ausfällig.

Auch kritische Islamwissenschaftler wie Ursula Spuler-Stegemann aus Marburg sind entsetzt, wie emotional aufgeheizt die Debatte über Muslime mittlerweile ist – bis hin zu der Morddrohung gegen ihren Kollegen Matthias Rohe.

Spuler-Stegemann ist bekannt für ihre teils harte Kritik an den islamischen Verbänden, doch sie warnt vor den populistischen Ausschlachtern von Ängsten. "Kritisch sein ist in Ordnung, aber dieses Hochschaukeln der Situation, das kann es nicht sein."

Claudia Mende

© Qantara.de 2007

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