"Als die Sonne im Meer verschwand" von Susan Abulhawa

Von Liebe und Leid in Gaza

"Als die Sonne im Meer verschwand" heißt das neue Buch der palästinensisch-amerikanischen Bestseller-Autorin Susan Abulhawa. Mit ihrem bewährten Konzept des dramatischen Familienepos zielt die politische Aktivistin auch darauf ab, das Leid der Palästinenser sichtbar zu machen. Laura Overmeyer hat das Buch gelesen.

Susan Abulhawas Debütroman "Während die Welt schlief" (Mornings in Jenin), der die Leidensgeschichte einer palästinensischen Familie im Flüchtlingslager Jenin über mehrere Generationen hinweg im Spiegel des Nahostkonflikts beschreibt, schaffte es sofort auf internationale Bestseller-Listen und erntete sowohl Lob für eine ehrliche und authentische Beschreibung der Situation der Palästinenser als auch Kritik für eine einseitige anti-israelische Darstellung der Ereignisse.

Jetzt hat die palästinensisch-amerikanische Autorin ihren zweiten Roman veröffentlicht, mit dem sie auf den Spuren ihres Erfolgsromans wandelt. Auch "Als die Sonne im Meer verschwand"  ist ein Familienepos, dessen Schauplatz jedoch im Nusseirat-Flüchtlingslager in Gaza angesiedelt ist.

Der Topos der Zeit

Im Zentrum steht die Familie Baraka, die gemeinsam mit anderen Familien 1948 aus dem kleinen fiktiven Dorf Beit Daras in den Gaza-Streifen flüchten muss. Das Buch beginnt mit der Beschreibung der verklärt heilen Welt unter britischer Besatzung, als die Großeltern-Generation noch jung ist, und spinnt die von Schicksalsschlägen geprägte Geschichte der Familie weiter bis in die heutige Zeit.

Das Bindeglied zwischen den verschiedenen zeitlichen Ebenen ist der junge Khaled. Er leidet unter dem Locked-In-Syndrom, einem Zustand körperlicher Lähmung bei völliger geistiger Wachheit, der bei Abulhawa symbolisch für die Situation der Palästinenser steht. Khaled sieht alles, hört alles – kann sich jedoch nicht aktiv in seine Umwelt einmischen. Auf seltsame Weise schwebt er außerhalb der Zeit, was ihm einen anderen Blick auf die Geschehnisse ermöglicht.

Susan Abulhawa (Foto: Chase Burkett)
„Alle Charaktere in meinen Büchern sind erfunden, basieren jedoch auf den Erzählungen von Menschen, die ich getroffen habe oder auf meinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen“, erzählt die Autorin Susan Abulhawa.

Der Topos der starken Frauen

Es sind vor allem starke Frauencharaktere, die die Handlung des Romans tragen, allen voran die Matriarchin Nazmiyya als Vertreterin der ersten Generation, ihre Tochter Alwan, die auch die Mutter von Khaled ist, sowie die in Amerika aufgewachsene Nichte Nur. Bei der Beschreibung ihrer Person verarbeitet Abulhawa autobiographische Elemente wie die Kindheit im Exil, den Verlust der Familie, die Odyssee durch verschiedene Pflegefamilien und Heime bis hin zum Erlangen der Unabhängigkeit. 

"Alle Charaktere in meinen Büchern sind erfunden, basieren jedoch auf den Erzählungen von Menschen, die ich getroffen habe oder auf meinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen", erzählt Abulhawa bei der Vorstellung ihres Romans auf dem Harbour Front Literaturfestival 2015 in Hamburg. "Bei Nazmiyya habe ich beispielsweise meine eigene Großmutter vor Augen gehabt. Sie war eine genauso vorwitzige, mutige Frau mit einer spitzen Zunge und einem großen Herzen".

Der Topos der Liebe und Lebensfreude

Liebe körperlicher wie geistiger Art ist ein stets wiederkehrendes Thema, ebenso Freundschaft und Familie. "Es sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die es den Menschen in Gaza ermöglichen, in einer Welt voller Konflikte, Leid und Instabilität zu überleben. Insbesondere der Zusammenhalt in der Familie ist in Palästina von großer Wichtigkeit", erklärt Abulhawa. Ein ebenfalls wiederkehrender Topos ist die Lebensfreude, die "Sehnsucht des Lebens nach sich selbst", wie Abulhawa den libanesischen Dichter und Philosophen Khalil Gibran zitiert.

"Viele glauben, dass Menschen angesichts schwieriger Umstände ihr Leben aufgeben. Nicht in Gaza: Die Menschen wollen leben und sie finden Wege zu leben, inmitten von Ruinen und Tragik. Sie suchen sich ihre eigenen Lichtblicke. Wenn der Strom nach Tagen des Ausfalls beispielsweise funktioniert, stürzen die Frauen zu den Fernsehern, um ihre geliebten ägyptischen Seifenopern anzuschauen, über die sie dann ausführlich tratschen können, sobald der Strom wieder ausgefallen ist. Dieser Wille zu leben und diese Freude am Leben möchte ich in meinem Roman darstellen."

Der Topos des Leids

Nun ist Abulhawa in erster Linie eine politische Aktivistin, deren kritische Kommentare und Aktivitäten (beispielsweise die Mit-Initiierung der "BDS-Kampagne", die zum Boykott israelischer Waren insbesondere aus den illegalen Siedlungen im Westjordanland aufruft) nicht selten für Unmut in pro-israelischen Kreisen geführt haben.

Auch wenn Abulhawa selbst meint, die Lebensfreude der Palästinenser ins Zentrum ihres Romans zu stellen, so entsteht dennoch der Eindruck, dass es eher das von Israel an den Palästinensern verübte Unrecht und das daraus hervorgehende Leid sind, das die Autorin ihrem Publikum in allen Einzelheiten nahe bringen möchte. Diese Darstellungsweise kann als "authentisch palästinensisch" – sprich: sehr emotional – angesehen werden und im Grunde ist daran nichts auszusetzen. Dennoch wünscht man sich manchmal,  Abulhawa würde weniger polarisierend schreiben und "die Juden" weniger häufig als seelenlose Verkörperungen des Bösen darstellen.

Dies ist nun auch der zentrale Kritikpunkt, den man an dem Roman "Als die Sonne im Meer verschwand" äußern kann: Es ist einfach ein bisschen zu viel von allem. Ein bisschen zu viel Leid (auf allen Ebenen) und ein bisschen zu viel Drama, sodass man sich streckenweise an die von der Autorin erwähnten ägyptischen Seifenopern erinnert fühlt.

Dennoch muss man Abulhawa zu Gute halten, dass sie es ein weiteres Mal geschafft hat, einen Mainstream-Roman zu schreiben – und zwar in einer poetischen, metaphernreichen und schönen Sprache, die sich am Arabischen orientiert. Der Roman wird vielleicht den ein oder anderen Leser über das Fachpublikum hinaus dazu bringen, sich mit den historischen und politischen Realitäten auseinanderzusetzen oder zumindest zu registrieren, dass das Volk der Palästinenser existiert.

Laura Overmeyer

© Qantara.de 2015

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner

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Leserkommentare zum Artikel: Von Liebe und Leid in Gaza

Das beste Buch in diesem Jahr, finde ich. Abulhawa will nicht nur das Leid der Palästinenser sichtbar machen. Es geht ihr vor allem darum, die Lebensfreude der Palästinenser ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen. Und hierbei hilft ihr die poetische Sprache sehr. Absolut lesenswert.

Klara Müller 14.11.2015 | 13:18 Uhr

die Rezensentin lobt die poetische, metaphernreiche und schöne Sprache, die sich am Arabischen orientiert... die Autorin wird als palästinensisch-amerikanische Autorin vorgestellt. Also wurde das Buch doch wohl ins Deutsche übersetzt? Von wem aber, das wird nirgendwo erwähnt. Wenn Redaktion oder Rezensentin das dankenswerterweise nachtragen könnten?

Regina Keil-Sagawe20.11.2015 | 01:03 Uhr