Ali Badr und "Al-Kafira"

Als Fatima zu Sophie wurde

Der aus dem Irak stammende Ali Badr hat sich als arabischer Autor philosophischer Romanliteratur einen Namen gemacht und wird in mehrere Sprachen übersetzt. Sein vergangenes Jahr veröffentlichter zwölfter Roman "Al-Kafira" markiert einen deutlichen Bruch mit seinem bisherigen Werk. Von Marcia Lynx Qualey

Mit seinem Roman "Al-Kafira" ("Die ungläubige Frau") stellt Badr nach eigenen Angaben die Frau in den Mittelpunkt und setzt sich so von seinen bisher erschienenen elf "maskulinistischen" Romanen ab.

Der in Bagdad geborene Badr begann seine berufliche Laufbahn als Autor und als Film- und Theaterschauspieler. Sein Debütroman "Papa Sartre" (2001) fiel in eine Zeit, als sich der Irak und die benachbarte Region im politischen Umbruch befanden. Seither veröffentlicht Badr in steter Folge weitere Romane, die philosophische und historische Themen miteinander verbinden.

Die Bücher handeln oft vom Leben männlicher Musiker, Künstler und Intellektueller. Er selbst sagt, er konzentriere sich beim Schreiben darauf, "wie sich Gesellschaften unter dem Druck der Geschichte wandeln".

Die Anerkennung als Autor ließ nicht lange auf sich warten: Mit "Papa Sartre" gewann Badr 2002 in Bagdad einen Staatspreis für Literatur. Seine weiteren Romane wurden von Kritikern und Lesern gleichermaßen begeistert aufgenommen. Die 2009 bzw. 2010 erschienenen Romane "Muluk ar-rimal" ("Könige der Wüste") und "Al-Haris at-tabagh" ("Der Wächter des Tabaks") standen auf der Longlist für den International Prize for Arabic Fiction; "Al-Haris at-tabagh" wurde ins Englische und Französische übersetzt. Nach Fertigstellung seines Romans "Asatidha al-wahm" ("Professoren der Illusion") im Jahr 2011 fasste Badr den Entschluss, keine weiteren Bücher im bisherigen Stil zu verfassen.

Die Befreiung der Frau im Fokus

Buchcover "Al-Kafira" aus dem Jahr 2015
Ali Badr zufolge unterscheidet sich sein neuer Roman "Al-Kafira" grundlegend von seinen anderen Büchern. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass er mit der Stimme einer Frau schreibe. "In der Vergangenheit", meint Badr, "konnte ich das nicht."

Nicht nur sein Stil habe sich seit 2011 geändert, sagt Badr. Seine Auffassungen über den sozio-politischen Wandel seien mittlerweile grundlegend anders. Nach dem "Arabischen Frühling" im Jahr 2011 habe er erkannt, dass demokratische Reformen nicht ausreichten.

Sein Augenmerk verlagerte sich von den Mechanismen politischer Reformen hin zu einer sozialen Revolution. Im Zentrum stehe dabei die Befreiung der Frau. Damals schrieb man das Jahr 2014. Badr hielt sich in einem Flüchtlingslager in Belgien auf, als er in einer Bar eine irakische Frau traf. Später stellte er fest, dass sie ebenfalls im Lager lebte. Ihre Lebensgeschichte inspirierte ihn zu seinem neuen Buch "Al-Kafira".

Ursprünglich machte Badr daraus ein Filmdrehbuch. Allerdings überwarf er sich mit dem deutschen Regisseur, der einen erotischen Film drehen wollte – also das genaue Gegenteil dessen, was er sich selbst vorgestellt habe, so Badr. Anschließend arbeitete er in einem Theater und schrieb die Geschichte für die Bühne um.

Die französische Fassung des Stücks wurde letztes Jahr unter dem Titel "Quand Fatima se fait appeler Sophie" ("Als Fatima zu Sophie wurde") erfolgreich uraufgeführt. Die Premiere fand zum Internationalen Frauentag statt und wurde am Eröffnungsabend von 500 Besuchern gesehen. Zur gleichen Zeit schrieb Badr die Romanfassung auf Arabisch.

Andere Stimme, anderer Stil

Badr sagt, "Al-Kafira" unterscheide sich grundlegend von seinen anderen Büchern, was auch darauf zurückzuführen sei, dass er mit der Stimme einer Frau schreibe. "In der Vergangenheit", so Badr, "konnte ich das nicht".

Doch nicht nur der Inhalt macht diesen Roman zu etwas Anderem. Mit der Stimme einer Frau zu schreiben, habe auch seinen Stil beeinflusst, meint Badr. Früher zog er eine klare Grenze zwischen Fiktion und Lyrik. Er wollte in seinen Werken keine poetischen Töne anklingen lassen. Im Unterschied dazu ist "Al-Kafira" gefühlvoller und aus einer mehr lyrischen Perspektive verfasst. Auch beschäftigt sich der Roman mit den Details des Alltags.

Die Leser haben Badr nicht im Stich gelassen. Die erste Auflage von "Al-Kafira" war bereits nach zwei Monaten vergriffen. Es folgte eine zweite Auflage mit 5.000 weiteren Exemplaren. Auch die Kritiker nahmen sein neues Werk positiv auf. Mehr als zwei Dutzend Rezensionen von "Al-Kafira" erschienen in der Presse.

Zwar seien die meisten von Männern verfasst worden, so Badr, aber der Großteil seiner Leserschaft bestünde wohl aus Frauen. Zur jüngsten Buchmesse in Casablanca, Marokko, waren es ebenfalls meist Frauen, die zu seinem Buch griffen. "Zunächst weckte der Titel ihr Interesse. Dann kauften sie es", sagte Badr. "Einige Leserinnen kamen wenige Tage später zurück, um über das Buch zu reden."

Heute sieht Badr nicht nur seine Zukunft in einem anderen Licht, sondern auch seine Vergangenheit. „Vielleicht habe ich früher das Leben der Frauen in meinen Werken gar nicht richtig wahrgenommen." Das betraf offenbar sein Leben ebenso wie seine Arbeit. Der Wandel "ist eine Chance, mein Leben neu zu betrachten und meine eigene Geschichte mit anderen Augen zu sehen."

Sinn und Sinnlichkeit

Der Wandel scheint sein Wirken zu beleben. Unbestritten waren seine früheren Romane stets interessant. Aber ihnen fehlte bisweilen emotionale Tiefe. Im Grunde stellt Badr auch heute noch die Fragen, die ihn seit jeher bewegen: über Identitäten, die Beziehung zwischen "West" und "Ost" oder Modernität und religiöse Bewegungen. Doch jetzt entspringen sie einer anderen Sinnlichkeit.

Badr hält seine ehemalige Sicht aus einer "maskulinistischen" Mittelklasseperspektive für "eine sehr arrogante Art, Menschen zu betrachten. Jetzt versuche ich mich der Art anzunähern, wie gewöhnliche Menschen denken."

Der Autor, der einst "Papa Sartre" verfasste, denkt heute beim Schreiben weniger an Philosophie und mehr daran, wie seine Charaktere essen, schlafen, lieben und kämpfen. "Doch eher auf lyrische Weise, also nicht lakonisch oder analytisch. In "Al-Kafira" findet keine Wertung statt. Eine Frau spricht ganz einfach über ihr Leben."

Badr scheint sich mit seiner neuen literarischen Herangehensweise auf das Leben und die Befreiung der Frauen zu konzentrieren. Jüngst begann er mit der Arbeit an einem kleinen Roman über eine vom "Islamischen Staat" gefangengenommene Christin. Das neue Buch soll kommendes Jahr fertig werden.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2016

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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Leserkommentare zum Artikel: Als Fatima zu Sophie wurde

Ja, die Veraenderung des Themas bringt immer wieder etwas Neues, das zum Geld umgerechnet werden kann. Inhalt der Story ist ja nicht so wichtig, wenn im Westen die Frau aus dem Osten im Fokus ist. Das verkauft sich fast immer sehr gut...

gökhan alyürük26.04.2016 | 08:19 Uhr