Algerische Karikaturisten testen Grenzen aus

Lizenz zum Zeichnen

In einem Land wie Algerien, in dem die Pressefreiheit nur in Grenzen gewährleistet ist, können Karikaturen mit ihren subtilen, regimekritischen Botschaften oft eine viel subversivere Wirkung entfalten als bloße Worte.

In Algerien fangen die Leute beim Lesen einer Zeitung oftmals auf der letzten Seite an. Der Grund: Dort finden sich die Karikaturen, die im Wettstreit um die Aufmerksamkeit der Leserschaft die Nase vorn haben. Wer ein paar Darstellungskonventionen kennt und ein wenig zwischen den Zeilen lesen kann, der hat schnell verstanden, wie eine Karikatur das Wesentliche einer Situation auf den Punkt bringt.

In einem Land, in dem die Analphabetenquote bei rund 13 Prozent liegt, sind Bilder äußerst wirkungsvolle Instrumente der Kritik an aktuellen Entwicklungen, seien es nun politische, soziale, wirtschaftliche oder kulturelle.

Seit der Unabhängigkeit des Landes hat die Kunst der Karikatur eine bewegte und konfliktreiche Geschichte hinter sich. Viele Künstler haben mit ihren gezielten Grenzverletzungen wichtige gesellschaftliche Debatten angestoßen. Sie haben Armeegenerale, Anführer von Terrororganisationen und verschiedenste Personen des öffentlichen Lebens aufs Korn genommen. Auch Staatspräsidenten und Parlamentspräsidenten blieben nicht verschont.

Zwischen Zensur und völliger Freiheit

Die Algerier haben sich entschieden, ein neues Kapitel aufzuschlagen: "Wir haben den Terrorismus hinter uns!" - Karikatur von Dilem; Quelle: Liberté
Seit der Unabhängigkeit haben algerische Karikaturisten viele heiße Eisen angepackt, von denen Journalisten lieber die Finger lassen. Bis heute sind Karikaturen in Algerien ein wirkungsvolles Mittel, um heikle Themen anzusprechen – vom Gesundheitszustand des Staatspräsidenten bis hin zum Terrorismus.

Unter dem früheren Staatspräsidenten Boumedienne oblag es dem Ministerium für Kommunikation, die Verbreitung bestimmter Informationen zu verhindern und entsprechende Verbotsregeln festzulegen. Auf Boumedienne folgte Präsident Chadli Bendjedid, der der Presse ein bis dahin nicht gekanntes Maß an Freiheit zugestand. In jener Zeit erschienen mehr als zehn Tageszeitungen. Nicht ohne Grund bezeichnete man daher diese Ära als das "Goldene Medienzeitalter Algeriens".

Zu den berühmten Karikaturisten jener Epoche zählt M'hamed Issiakhem. Nach ihm kam Selim, der als Vater der Kunstform der Karikatur gilt, wie sie sich nach der Unabhängigkeit des Landes entwickelte. Seine Zeichnungen erschienen in der französischsprachigen Zeitung "Ahdath Al-Jaza'ir" und in der Satirezeitschrift "Mqaydish".

Zu den berühmten Karikaturisten der Folgezeit zählen Haroun, Melwah Qassi und Bouamama Mazari. Doch während der blutigen Zeit des algerischen Bürgerkriegs in den 1990er Jahren hatte auch die Kunst der Karikatur zu leiden, vor allem als eine Welle von Attentaten einsetzte, die sich gegen Journalisten und prominente Vertreter der Kulturszene richteten. Viele Künstler sahen sich gezwungen, nach Frankreich zu gehen, wo einige von ihnen - wie Jamal Noun und Hisham Baba Ali - nach wie vor aktiv sind.

Mehr als nur spaßige Bildchen

Im Mai 2001 verabschiedete das algerische Parlament die nach dem Karikaturisten Dilem benannte "Dilem-Verordnung". Seitdem wird eine Beleidigung des Staatspräsidenten mit zwei bis zwölf Monaten Haft und einem Bußgeld von 50.000 bis 250.000 Algerischen Dinar (entspricht ca. 450 bis 2.300 US-Dollar) bestraft. Dasselbe gilt für eine Beleidigung der Armee oder des Parlaments. Belangt werden kann nicht nur der Autor einer Karikatur, sondern auch jede Person, die sie veröffentlicht oder weiterverbreitet.

Zoulikha Belarbi, eine Aktivistin der "Algerischen Liga zur Verteidigung der Menschenrechte", wurde zu einer Geldstrafe von 100.000 algerischen Dinar (900 US-Dollar) verurteilt, weil sie auf ihrer Facebook-Seite ein digital bearbeitetes Bild übernommen hatte, auf dem Präsident Abdelaziz Bouteflika und andere algerische Politiker in Posen zu sehen sind, die auf die bekannte türkische Seifenoper "The Sultan's Harem" anspielen.

Karikatur von Sadk; Quelle: Press-dz.com
"Die Regierung bereitet die Algerier auf schwierige Zeiten vor. Am Projekt der Großen Moschee von Algier wird festgehalten. Verrichte dein Gebet – 2016 rückt näher" - Karikatur von Sadk.

Es gibt heikle Themen, vor denen Journalisten zurückschrecken, Karikaturisten aber nicht. Im Folgenden soll es um einige gehen, die heute im öffentlichen Diskurs sehr präsent sind.

Die Große Moschee von Algier

Karikaturen zur Großen Moschee werden von den Algeriern über die sozialen Medien eifrig weiterverbreitet. Wegen der exorbitanten Kosten, die mittlerweile bei 1,6 Milliarden US-Dollar liegen, ist der Bau der Moschee heftig umstritten.

Zudem wird sie in einem erdbebengefährdeten Areal errichtet, 365 Meter über dem Meeresspiegel, auf dem Bouzria-Hügel in Algier. Das Projekt wird vehement als eine Verschwendung öffentlicher Mittel kritisiert.

Nach Meinung vieler sollten diese besser für Bildung, gesundheitspolitische Maßnahmen oder andere Zwecke eingesetzt werden.

Die Politik der nationalen Versöhnung

Die Politik der Versöhnung wurde vor zehn Jahren verkündet, ist aber nach wie vor sehr umstritten und Thema vieler Karikaturen. Die von Präsident Bouteflika vorgeschlagene "Charta für Frieden und nationale Versöhnung", die dem Terrorismus in Algerien ein Ende setzen sollte, wurde 2005 in einem Referendum angenommen, ist aber noch keineswegs vollständig umgesetzt.

Viele Opfer des Terrorismus fordern nach wie vor Aufklärung über das, was im Land geschehen ist, und zahlreiche Opfer werden noch immer vermisst.

Die Wirtschaftskrise

Karikatur von Dilem in der algerischen Zeitung "Liberté"
Bouteflika wegen Schlaganfall seit einem Monat in Frankreich. "Na ja! Ein weiterer Fall von Braindrain!" - Karikatur von Dilem

Viele Karikaturen greifen die wirtschaftliche Entwicklung des Landes auf, vor allem seit der Preis für Erdöl, die einzige große Devisenquelle des Landes, gefallen ist und Algerien gegenwärtig in einer Finanzkrise steckt.

Sparmaßnahmen der Regierung haben die Situation nur weiter verschärft und dazu geführt, dass die sozialen Spannungen drastisch zugenommen haben.

Der Gesundheitszustand des Präsidenten

Der politischen Führung ist es ein Dorn im Auge, dass über die gesundheitliche Verfassung des Präsidenten so viel geredet wird. Für Karikaturisten ist das Thema daher äußerst ergiebig. Bouteflika ist seit 18 Jahren Präsident und mittlerweile 80 Jahre alt.

Im Jahr 2005 musste er sich, vermutlich wegen einer Krebserkrankung, einer Magenoperation unterziehen. Die staatliche Nachrichtenagentur gab 2013 bekannt, er habe einen leichten Schlaganfall erlitten und müsse sich nun erholen.

Den Wahlkampf 2014 bestritt er im Rollstuhl. Informationen zu seinem Gesundheitszustand sind ein durch strenge Gesetze geschütztes Geheimnis. Und so fragt sich die Öffentlichkeit jedes Mal, wenn er von der Bildfläche verschwindet, wo er wohl abgeblieben ist. Auf der Straße und in den sozialen Medien brodelt dann die Gerüchteküche.

Die offizielle Verlautbarung dazu ist immer dieselbe: "Der Präsident ist in guter Verfassung und geht seinen Amtsgeschäften wie üblich nach." Die Geheimnistuerei spiegelt den politischen Zustand des Landes wider und ist für Karikaturisten immer wieder ein äußerst dankbares Sujet.

© Raseef22

Aus dem Englischen von Christoph Trunk

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