Afghanistan nach dem Taliban-Angriff auf Kundus

"Hier gibt es nichts mehr, was mich hält"

In Afghanistan eskaliert die Sicherheitslage. Nach den schweren Gefechten in Kundus ist auch in Kabul die Lage angespannt. Währenddessen verlassen tägliche Tausende von Afghanen das Land. Eindrücke von Emran Feroz aus Kabul

Mustafa führt einen kleinen Lebensmittelladen nahe des berühmten Dar-ul-Aman-Palastes in Kabul. Während vor wenigen Jahren das Geschäft noch gut lief, ist dies heute nicht mehr der Fall. "Alles ist teurer geworden. Viele Menschen können sich das einfach nicht mehr leisten", klagt der Händler.

Seinen Laden eröffnete Mustafa während der Amtszeit des letzten Präsidenten des Landes, Hamid Karzai. An diesen erinnert sich Mustafa gerne zurück, denn seit Karzai nicht mehr im Amt ist, so scheint es, häufen sich die Probleme. "Ghani hat mein Geschäft zerstört", meint Mustafa. Vor rund einem Jahr hat Ashraf Ghani das Präsidentenamt übernommen. Vom Westen wurde das Szenario als "erster demokratischer Machttransfer Afghanistans gefeiert".

Doch seitdem sind nicht nur die Menschen ärmer geworden, auch die Sicherheitslage hat sich dramatisch verschlechtert. Allein im ersten Halbjahr 2015 wurden laut der UN mindestens 5.000 Zivilisten am Hindukusch getötet. Verantwortlich hierfür sind nicht nur Taliban-Kämpfer, sondern auch die afghanische Armee sowie regierungstreue Milizen.

Die Gefechte zwischen den Kriegsparteien nähern sich der Hauptstadt von Tag zu Tag. Auch innerhalb Kabuls ereignen sich immer mehr Anschläge. Der Einfluss der Taliban nimmt zu. "Da wo meine Milch herkommt, sind sie auch schon", klagt Mustafa.

In den letzten Wochen konnten die radikalen Islamisten zahlreiche Erfolge erzielen. Ende September eroberten Taliban-Kämpfer blitzartig die Provinzhauptstadt Kundus. Rund 500 Kämpfer reichten aus, um 7.000 Polizisten und Soldaten der afghanischen Armee zu verjagen. Ihren Sieg stellten die Taliban anschließend propagandistisch zur Schau. Unter anderem hissten sie ihre weiße Flagge auf dem zentralen Platz der Stadt.

Auch für den Taliban-Angriff auf Kundus muss Präsident Ghani als Sündenbock herhalten. In den letzten Wochen versammelten sich Dutzende von Menschen vor dessen Präsidentenpalast und verlangten seinen Rücktritt. Obwohl die afghanische Armee kurz darauf eine Gegenoffensive startete, war das Vertrauen in die Regierung erschüttert.

Alles unter Kontrolle?

 Afghanistans Präsident Aschraf Ghani; Foto: picture-alliance/dpa/J. Jalali
Afghanistans Präsident in der Defensive: Die Taliban haben ihre Angriffe seit ihrer Sommeroffensive massiv verstärkt. Ihren größten Erfolg konnten sie Ende September vermelden, als hunderte ihrer Kämpfer die Provinzhauptstadt Kundus einnahmen, für deren Sicherheit zuvor lange die Bundeswehr verantwortlich gewesen war.

Für viele politische Beobachter und Experten war die Taliban-Eroberung von Kundus vorhersehbar. "In den letzten beiden Jahren hatten die Taliban in den Gegenden um Kundus langsam aber sicher ihren Einfluss erweitert. Außerdem kontrollierten sie die Nachbardistrikte in den Provinzen Baghlan und Takhar", meint etwa der Politikwissenschaftler Jason Lyall von der Yale Universität. Auch von den schwachen politischen Strukturen vor Ort und dem Unmut der Bevölkerung konnten die Aufständischen profitieren. "Die Abwesenheit der schwachen Zentralregierung in Kabul sowie das Vorhandensein von korrupten und gewalttätigen Milizen nutzten die Taliban aus, um afghanische Zivilisten zu rekrutieren und sich als vermeintlich bessere politische Alternative darzustellen", betont Lyall, zu dessen Forschungsschwerpunkte Afghanistan gehört.

Hinzu kommt, dass die Regierung in Kabul im Konfliktverlauf vor allem auf Eskalation und Desinformation setzt. So verkündete man der Öffentlichkeit kurz nach dem Fall der Stadt, dass man "alles unter Kontrolle" habe. Zum gleichen Zeitpunkt setzten sich die Taliban mit erbeuteten Waffen und Fahrzeugen in den Sozialen Netzwerken in Szene. Auch die Berichterstattung afghanischer Mainstream-Medien stieß auf Kritik. "Die Medien haben nicht vorausschauend reagiert, sondern neigten zur Hysterie. Außerdem schreckten sie nicht davor zurück, gezielt Falschmeldungen zu verbreiten, was die Bevölkerung zusätzlich in Aufruhr brachte", meint etwa Modaser Islami, ein politischer Aktivist aus Kabul.

"Vieles deutet auf ein Kriegsverbrechen hin"

Einen Wendepunkt erreichten die Gefechte in Kundus, nachdem ein Krankenhaus der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) von US-amerikanischen Kampfjets bombardiert wurde. Schon zuvor hatten NATO-Kampfjets Bomben über Kundus abgeworfen. Dabei wurden laut Berichten aus Kundus zahlreiche Zivilisten getötet. Im MSF-Krankenhaus, dem einzigen in der Region, welches in der Lage ist, schwere Verletzungen zu behandeln, fanden mindestens 22 Menschen den Tod, zahlreiche weitere wurden schwerverletzt. Unter den Opfern befanden sich Patienten, Mitglieder des Krankenhauspersonals sowie ein Journalist, der für einen lokalen Radiosender tätig war.

Nachdem der Pressesprecher der US-Streitkräfte anfangs von einem Angriff auf "feindliche Individuen" und "möglichen Kollateralschäden" sprach, wurde seitens der Amerikaner hervorgehoben, dass der Luftangriff von den afghanischen Streitkräften vor Ort angefordert worden sei.

Bereits zuvor hatten afghanische Lokalpolitiker die Taliban für das Massaker verantwortlich gemacht und meinten, diese hätten das Krankenhaus als Basis benutzt. MSF weist diese Anschuldigung scharf zurück und spricht von einem Kriegsverbrechen. "Wie man es auch dreht und wendet: Vieles deutet tatsächlich auf ein Kriegsverbrechen hin", stellt Thomas Ruttig, Gründer des "Afghanistan Analysts Network" fest. "Denn selbst wenn Taliban-Kämpfer in der Klinik gewesen wären, untersagt das internationale humanitäre Recht jegliche Angriffe auf Krankenhäuser, wenn sich darin Patienten und Personal aufhalten."

Reza bietet in der Nähe der Passbehörde in Kabul Passbilder und Kopien an; Foto: Emran Feroz
"Ich habe kein Geld, um zu flüchten", meint Reza, der in der Nähe der Passbehörde Passbilder und Kopien anbietet, um so seine Familie über die Runden zu bringen. Dann fügt er lächelnd hinzu: "Es sieht zwar schlecht aus, aber wir können nur hoffen, dass die Lage sich irgendwann verbessert."

Gegenwärtig ist immer noch nicht klar, wer Kundus kontrolliert. Während die Regierung in Kabul vor Kurzem ein weiteres Mal betonte, die Stadt zurückerobert zu haben, behaupten die Taliban weiterhin das Gegenteil. Diese haben jedoch selbst im Fall des Verlustes der Stadt zumindest einen symbolischen Sieg errungen. Auch das Bombardement des Krankenhauses spielt der Gruppierung politisch in die Hände. "Es ist davon auszugehen, dass dieser Angriff die Antipathie gegenüber den westlichen Besatzern innerhalb der Bevölkerung stärken wird", meint Waheed Mozhdah, ein in Kabul ansässiger politischer Analyst.

Exodus-Stimmung

Die jüngsten Ereignisse in Kundus und anderswo werden die Flüchtlingswellen aus Afghanistan weiter anschwellen lassen. Mehr als zehn Prozent der afghanischen Gesamtbevölkerung befindet sich weiterhin auf der Flucht. In Europa stellen Afghanen nach Menschen aus Syrien die größte Gruppe von Geflüchteten dar. Viele Menschen verlassen das Land zuerst legal, um anschließend mittels der bekannten Fluchtrouten nach Europa zu gelangen.

Seit einiger Zeit ist eine legale Ausreise aus Afghanistan ohne einen neuen, biometrischen Pass nicht möglich. Deshalb bilden sich tagtäglich lange Schlangen vor den zuständigen Ämtern in Kabul. Nach eigenen Angaben werden täglich im Durchschnitt 2.000 Anträge bearbeitet. Es herrscht Exodus-Stimmung.

"Hier gibt es nichts mehr, was mich hält", meint etwa Faisal, ein junger Student aus Kabul. Wie viele andere flüchtet er nicht nur vor Krieg und Zerstörung, sondern auch vor der allgegenwärtigen Korruption. Laut Informationen von "Transparency International" gehört Afghanistan weiterhin zu den korruptesten Staaten der Welt. "Egal, was man hier macht, ohne die richtigen Beziehungen bekommt man keinen Job", betont Faisal. Sein Reiseziel ist Schweden, wo bereits Verwandte von ihm leben.

Zum gleichen Zeitpunkt bleiben die Ärmsten der Armen sich selbst überlassen. "Ich habe kein Geld, um zu flüchten", meint Reza, der in der Nähe der Passbehörde Passbilder und Kopien anbietet, um so seine Familie über die Runden zu bringen. Dann fügt er lächelnd hinzu: "Es sieht zwar schlecht aus, aber wir können nur hoffen, dass die Lage sich irgendwann verbessert."

Emran Feroz

© Qantara.de 2015

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