Afghanistan-Museum im Exil

Kunstschätze in Kisten

Im Afghanistan-Museum in der Schweiz lagerten Kulturschätze unterschiedlichster Herkunft während des langjährigen Bürgerkriegs. Jetzt werden die Ausstellungsstücke wieder verpackt und warten auf ihre Rückkehr ins Nationalmuseum Kabul. Aslan Khassan berichtet.

Leiter des Afghanistan-Museums Paul Bucherer; Foto: dpa
Der Leiter des Afghanistan-Museums im Exil, Paul Bucherer, sammelte Kulturgegenstände, die im Museum ausgestellt wurden.

​​Nach 23 Jahren Krieg sind in Afghanistan nicht nur materielle Kulturgüter weitgehend zerstört oder verschwunden, sondern auch die gelebte Alltagskultur und die Traditionen haben großen Schaden erlitten.

Es war daher eine der größten Rettungsaktionen von Kulturgütern, die Paul Bucherer im Jahre 2000 in Bubendorf, im Schweizer Kanton Baselland, in Angriff genommen hatte. Der Leiter des Afghanistan-Museums im Exil wollte kulturelle Denkmäler vor Plünderung und Zerstörung durch Bürgerkrieg bewahren.

Der Gedanke zu einem Afghanistan-Museum im Exil entstand bereits 1998. Paul Bucherer, Direktor des Afghanistan-Instituts im schweizerischen Bubendorf wurde von den Kriegsparteien damals angesprochen:

"Es gab Afghanen, sowohl auf Taliban-Seite als auch auf der Seite der Nordallianz", berichtet Bucherer. "Es gab sehr viele unterschiedlich motivierte Gruppen der Taliban und darunter war eine Gruppe, die sehr nationalistisch eingestellt war. Und diese Leute waren sich bewusst, dass ihre eigene Kultur bedroht war, und sie wollten diese retten."

Kunstgegenstände von der Antike bis zur Moderne

Das im Oktober 2000 in Bubendorf eröffnete Afghanistan-Museum beherbergte zahlreiche archäologische Fundstücke. Zu sehen war unter anderem ein bronzener Phallus, den Alexander der Grosse in den Grundstein von der afghanischen Stadt Ai Khanoum gesteckt haben soll.

Außerdem stellt ein Wasserspeier in Form eines Hundekopfes vermutlich Peritas, den treuen Kampfhund Alexanders dar. Neben Kunsthandwerken und historischen Gegenständen waren im Museum viele Gegenstände des Alltags zu sehen: Kleiderstücke, Wasserpfeifen, Möbel und ein Teppich mit Helikopter-Motiven aus der Zeit der sowjetischen Besatzung.

Das Museum, so Bucherer, sammelte bewusst solche alltäglichen Sachen, damit die nächsten Generationen von Afghanen einen Eindruck über die Geschichte ihrer Heimat gewinnen könnten. Das Museum sollte auch in der Schweiz, in der Mitte Europas, als Schaufenster für Afghanistan dienen.

Treuhänderische Aufbewahrung der Objekte

Bucherer berichtet von Tausenden Museumsbesuchern, die ein völlig anderes Bild von Afghanistan vermittelt bekommen hätten – ein Bild eines kultivierten, kulturell blühenden Landes, das in der Presse eigentlich immer nur mit Krieg und Unrast in Verbindung gebracht wird.

Das Museum durfte wegen internationaler Übereinkommen der UNESCO über Kulturgüter keine Gegenstände ankaufen. Bei den Exponaten handelt es sich also ausschließlich um Geschenke, die dem Museum zur treuhänderischen Aufbewahrung übergeben wurden.

Die Spender waren unter anderem Touristen, die früher nach Afghanistan gereist sind. Es waren Entwicklungshelfer und Wissenschaftler, die dort gearbeitet haben und solche Objekte entweder geschenkt bekamen oder auf dem Markt kauften.

Rückgabe an das afghanische Nationalmuseum

Das Afghanistan-Museum im Exil ist ein Privatmuseum. Die Stücke wurden ausgestellt und inventarisiert. Seit Oktober 2006 hat das Schweizer Museum seine Türen geschlossen. In Kürze wird eine Delegation aus Afghanistan erwartet, die die Inventarlisten prüfen wird. Dann sollen die rund 1300 Ausstellungsobjekte an das afghanische Nationalmuseum übergeben werden.

Damit erfüllt die für das Museum verantwortliche Stiftung den Wunsch der afghanischen Regierung in Kabul. Doch Afghanistan-Kenner Bucherer, der nicht mit so einer schnellen Rückgabe gerechnet hat, sieht dieser Aktion mit gemischten Gefühlen entgegen:

Buddha-Statue in Afghanistan; Foto: AP
Ein ausreichender Schutz der Kulturgüter ist schwer zu gewährleisten, wie die 2001 zerstörten Buddha-Statuen beweisen.

​​"Ich bin mir absolut sicher, dass die Belegschaft des afghanischen Nationalmuseums sich die größte Mühe geben wird, diese Objekte zu schützen", meint Bucherer, "aber Afghanistan ist nach wie vor ein Land im Krieg und es ist nicht auszuschließen, dass unter den gegenwärtigen Umständen diese Objekte nicht zu schützen sind."

Andererseits stelle die Rückführung dieser Objekte natürlich auch eine wichtige politische Demonstration dar, dass man an die Zukunft Afghanistans und an den Wiederaufbau des Landes glaubt, räumt Bucherer jedoch ein.

In Bubendorf wird es jedenfalls auch weiterhin ein Afghanistan-Archiv mit Quellen und Bilddokumenten geben sowie eine umfassende Fachbibliothek.

Aslan Khassan

© DEUTSCHE WELLE 2007

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Leserkommentare zum Artikel: Kunstschätze in Kisten

Meine Frau und ich waren von 1968 - 70 als Entwicklunghelfer in Afhanistan. Aus Platzmangel müssen wir viele Bücher über das Land abgeben. Sind Sie noch interessiert an der Literatur oder ist das Museum völlig geschlossen.
Mit freundlichen Grüßen
Josef Demming

Ingrid und Jose...22.08.2017 | 10:09 Uhr