Ägyptens Fußball-Legende Mohammed Aboutreika

Der Entpolarisierer

Ägypten ist nach dem Militärputsch von 2013 noch immer tief gespalten in Unterstützer und Gegner der Muslimbruderschaft. Und nur wenige Personen des öffentlichen Interesses sind willens, hieran etwas zu ändern. Eine Ausnahme ist der ägyptische Fußball-Star Mohammed Aboutreika. Doch auch er wird von den politischen Grabenkämpfen nicht verschont, wie James M. Dorsey berichtet.

Das Ausbrechen aus vorgefertigten Rollen und Mustern war schon immer Aboutreikas Markenzeichen: Er war viermal afrikanischer Fußballer des Jahres und hat zu den vielen internationalen Titeln des renommierten Kairoer Fußballverein Al-Ahli SC sowie zu den Siegen der ägyptischen Nationalmannschaft beigetragen. Und dies trotz der kontroversen Ansichten über seine Weigerung, seine islamistische und palästinenserfreundliche Haltung zu verstecken, und über seine Unterstützung für die Ultras Ahlawy, die militante, hochpolitisierte Al-Ahli-Fangruppe, die beim Volksaufstand von 2011 und den darauf folgenden regierungskritischen Protesten eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Die enorme Unterstützung, die Aboutreika nach dem Einfrieren der Gelder seines Reisebüros erfuhr, ist nicht nur ein Zeichen für die anhaltende Popularität, die er auch nach seinem Rücktritt im Jahr 2013 genießt, sondern auch für seine Fähigkeit, sich über Ägyptens tiefe Spaltung hinwegzusetzen. Unter anderem haben sich viele seiner Mitspieler für ihn eingesetzt – eine Gruppe, die traditionell eher darauf bedacht ist, sich aus der Politik herauszuhalten, und sich beim Volksaufstand und Sturz von Präsident Mubarak im Jahr 2011 sowie bei den Massenprotesten des Jahres 2013 gegen Mursi sehr zurückhielten.

Die von autokratischen Führern und regimefreundlichen Managern hofierten Fußballer schienen lange Zeit der Inbegriff des von dem amerikanisch-palästinensischen Wissenschaftler Hisham Sharabi geprägten Begriffs des Neopatriarchismus zu sein – den er erstmals 1992 in einem umstrittenen Buch verwendete, das in vielen arabischen Ländern immer noch verboten ist.

Der "Vater aller Väter"

Laut Sharabi gründet sich die arabische Gesellschaft auf die Dominanz des Vaters (des Patriarchen, der im Mittelpunkt der Familie als auch der Blutsverwandtschaft steht). Zwischen Regenten und Untertanen sowie zwischen Vater und Kind sind demnach nur vertikale Beziehungen möglich: In beiden Bereichen ist der väterliche Wille absolut und wurde sowohl in der Gesellschaft als auch in der Familie mithilfe eines erzwungenen Konsenses durchgesetzt, der auf Ritual und Zwang beruht.

Ägyptische Nationalfahne neben der Fahne der MB-Partei "Freiheit und Gerechtigkeit"; Foto: AFP/Getty Images
Unerwünschte Nähe zur Muslimbruderschaft und ihrer Partei "Freiheit und Gerechtigkeit": Die Behörden in Kairo hatten die Gelder eines von Aboutreikas Reisbüros eingefroren, weil mit den Geldern angeblich die verbotene Muslimbruderschaft finanziert werde. Dies sorgte bei vielen Al-Ahli-Fußballfans für Empörung und löste Proteste aus.

Mit anderen Worten haben die arabischen Regimes laut Sharabi ihre Unterdrückung so gestaltet, dass in einer kulturell patrimonial geprägten Gesellschaft die Unterdrückten selbst an ihrer Unterdrückung und der Verweigerung ihrer Rechte beteiligt waren. Der Führer des Regimes war praktisch der "Vater aller Väter", der in der Hierarchie ganz oben stand.

Durch die Identifikation der abgesetzten Staatschefs von Ägypten, Jemen, Libyen und Iran – Husni Mubarak, Abdullah Ali Salih, Muammar al-Gaddafi und Mahmud Ahmadinedschad – und einiger ihrer Nachfolger mit den Fußballnationalmannschaften ihrer jeweiligen Länder wurden diese Mannschaften zu Barometern des Zustands der Regimes.

Die Autokraten machten die Fußballspieler und ihre Manager zu ihren Unterstützern und wurden von diesen als Vaterfiguren betrachtet. Auch auf die ägyptischen Spieler traf dies zu – mit Ausnahme von Aboutreika, der Mursis Präsidentschaftskandidatur unterstützte, sowie des Al-Ahli-Stürmers Ahmed Abdel Zaher. Abdel Zaher wurde im November 2013 mit Sanktionen belegt, nachdem er das Vierfingerzeichen der Gegner des Militärputsches gezeigt hatte – in Gedenken an die zahllosen Menschen, die drei Monate zuvor getötet worden waren, als Sicherheitskräfte das Protest-Camp der Muslimbruderschaft auf Kairos Rabia al-Adawiya-Platz gewaltsam aufgelöst hatten.

Im Zuge des Arabischen Frühlings gestürzte Diktatoren: Zine el-Abidine Ben Ali (l.), Ali Abdullah Salih, Muammar al-Gaddafi und Hosni Mubarak (r.); Foto: picture-alliance/dpa
Arabischen Despoten stets zu Diensten: "Die Autokraten machten die Fußballspieler und ihre Manager zu ihren Unterstützern und wurden von diesen als Vaterfiguren betrachtet. Auch auf die ägyptischen Spieler traf dies zu – mit Ausnahme von Aboutreika, der Mursis Präsidentschaftskandidatur unterstützte, sowie des Al-Ahli-Stürmers Ahmed Abdel Zaher", schreibt James M. Dorsey..

Unter Generalverdacht

Die Zwänge, von denen Sharabi schreibt, wurden durch die Reaktion auf das Einfrieren des Vermögens der Asshab Tours durch das Komitee gebrochen, das für die Konfiszierung des Eigentums der als "terroristische Organisation" bezeichneten Bruderschaft zuständig ist – und durch die Reaktion auf die Verhaftung des Geschäftsführers des Unternehmens mit der Anschuldigung, gewalttätige Anschläge finanziert zu haben. Das Einfrieren der Gelder hat die Fußballgemeinde elektrisiert – in einem Land, in dem Fußball eine nationale Manie darstellt.

Asshab Tours war eines von acht Reisebüros, auf die das Komitee sein Auge geworfen hatte. Die regimetreuen Medien schrieben, Aboutreika habe Asshab Tours im Jahr 2013 mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet, damit die Muslimbruderschaft zu finanzieren. Vor dem Einfrieren der Gelder war Aboutreika wiederholt von regimenahen Sportjournalisten attackiert worden, die von seinen angeblichen Verbindungen zur Bruderschaft berichteten.

Der Auslöser der öffentlichen Empörung in den sozialen Medien war die darauffolgende Aussage Aboutreikas auf Twitter, Geld fließe "in unsere Hände und nicht in unsere Herzen. Ihr könnt so viel Geld beschlagnahmen, wie ihr wollt, aber ich werde Ägypten niemals verlassen!" Die Flut Aboutreika-freundlicher Hashtags wurde laut Informationen des ägyptischen Bloggers Zeinobia durch einen Hashtag regierungstreuer Tweeter beantwortet, durch den versucht wurde, Aboutreika als blinden Anhänger der Bruderschaft zu diskreditieren.

Al-Ahli-Fan während eines Spiels im Rahmen der African Champions League; Foto: picture-alliance/AP
Stürmer-Legende und Ikone der Al-Ahli-Fangemeinde: Mohammed Aboutreika gab im Dezember 2013 seinen Rückzug aus dem aktiven Sport bekannt. Bis heute werfen ihm seine Gegner vor, Sympathisant der Muslimbruderschaft zu sein. Bestätigt hat Aboutreika das jedoch nie.

Als Antwort auf die Angriffe schrieb der ehemalige Ahli-Spieler Sayed Muawad auf Twitter: "Ich liebe dich um Allahs willen." Ahmed Hassan, der Leiter der ägyptischen Nationalmannschaft, fügte hinzu: "Unabhängig von meiner persönlichen und politischen Loyalität werde ich bis ans Ende meines Lebens bezeugen, dass dieser Mensch die höchsten moralischen Standards einhält." Und Wadi-Degla-Spieler Ahmed al-Mirghani warnte, das Einfrieren von Aboutreikas Geld sei "katastrophal".

"Dein Platz ist in unseren Herzen"

Omar Gaber, Mittelfeldspieler bei Al-Zamalek, erklärte: "Ich bin so stolz darauf, gemeinsam mit einer Legende wie dir [in der ägyptischen Nationalmannschaft] gespielt zu haben." Sherif Ekramy, Torhüter bei Al-Ahli und der ägyptischen Nationalmannschaft, stimmte mit der Aussage in den Chor ein, niemand könne Aboutreikas "nationale Loyalität oder sein menschliches Verhalten gegenüber anderen anzweifeln. Sein Vermögen und die Quellen seines Einkommens liegen völlig offen. Dein Platz in den ägyptischen Herzen sollte uns genügen."

Aboutreika ist für sein fußballerisches Talent und seine Tore in letzter Minute bekannt, aber auch für seine Bereitschaft, sich zu emotional aufwühlenden Themen zu äußern, wie der Veröffentlichung der Cartoons des Propheten Mohammed, die viele in der muslimischen Welt für respektlos und blasphemisch halten – oder über die israelisch-ägyptische Blockade des Gazastreifens.

"Mohammed, wir opfern unser Leben für dich!" stand auf Aboutreikas T-Shirt unter dem Pullover, den er während der Cartoon-Krise auf dem Spielfeld auszog. "Sympathisiere mit Gaza!" war eine weitere Botschaft, als er das gleiche tat, um die Palästinenser zu unterstützen.

Als während eines politisch aufgeladenen Fußballspiels im Jahre 2012 in Port Said 74 Mitglieder der Ultras Ahlawy getötet wurden, glaubten viele, sie sei von Militär- und Sicherheitskräften durchgeführt worden, um militanten Fußballfans eine Lektion zu erteilen. Aboutreika hatte auch zu diesem Zeitpunkt aus seiner Unterstützung für den Verein keinen Hehl gemacht.

Ebenso weigerte er sich, die Hand von Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi zu schütteln, des damaligen Vorsitzenden des Obersten Rates der Streitkräfte (SCAF), der das Land während des Übergangs zwischen Mubarak Sturz bis zur Wahl Mursis regierte. "Ich war mit der Lage des Landes unzufrieden", erklärte er damals.

James M. Dorsey

© Qantara.de 2015

James M. Dorsey ist Senior Fellow an der S. Rajaratnam School of International Studies der Nanyang Technological University in Singapur, Co-Direktor des Instituts für Fankultur der Universität von Würzburg und Verfasser des Blogs The Turbulent World of Middle East Soccer.

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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