Abbas Beydoun - Michael Kleeberg

Krieg im Irak

Der libanesische Dichter und Essayist Abbas Beydoun und der deutsche Schriftsteller Michael Kleeberg lernten sich im Rahmen des Berliner Projektes West-östlicher Diwan kennen. Beide diskutieren über die Auswirkungen des Irakkrieges im Westen und der islamischen Welt.

 

Gesendet: Donnerstag, 20. März 2003 14:20

Mein lieber Abbas,

Michael Kleeberg
Michael Kleeberg

​​nun ist es also endlich so weit: heute nacht hat der Krieg angefangen. Es hieß ja immer: Niemand in Deutschland freut sich auf ihn: Mir ist aufgefallen, daß das nicht stimmt. Ab dem Moment, als Bush sein 48 Stunden-Ultimatum ausgesprochen hatte, stieg die Börse in Frankfurt zum ersten Mal seit Monaten wieder kräftig an, und hört seither nicht auf zu steigen...

Ich denke die ganze Zeit an den jungen Lyriker, den wir in Beirut getroffen haben, der sich gerade mit seiner Frau am Telefon verabredete, um am Abend im Kino den neuen Bond zu sehen, und der mir sagte: "Hoffentlich kommen die Amis bald und hauen Saddam weg. Und möglichst auch Assad gleich mit. Wenn sie irgendetwas tun, was gegen unsere Interessen geht, dann machen wir eben Krieg gegen sie. Aber zuerst sollen sie endlich kommen und Saddam weghauen..."

Nun sind sie da... Du erinnerst dich ja an die Stimmung in Deutschland schon vor Monaten: Ein Besucher vom Mars, unvertraut mit den irdischen Zusammenhängen, hätte angenommen, die Bomben würden demnächst auf Berlin und Frankfurt niedergehen, nicht auf Bagdad, so groß war die Panik hier. Ich gestehe dir, daß ich dieses ganzen, gemessen am erklärten WILLEN der Amerikaner, sinnlosen Geschwätzes müde bin. Man braucht kein Militärhistoriker zu sein, um zu wissen, daß gegenüber einem zielstrebigen Willen (unterstützt von Macht) ein pures Nicht-Wollen kein Gewicht hat.

Wir wissen auch, was einzig fähig wäre, die amerikanische Militär-Politik zu kontrollieren: Eine europäische Militär-Politik, das heißt ein einheitlicher politischer Wille Europas, der genügend Kanonen und Raketen hat, um glaubwürdig und durchsetzungsfähig zu sein – und dazu eine größere politische Kultur als die der USA. Nur gibt es genau diesen Willen nicht, und nicht die visionären Politiker, ihn einmal zu formulieren und zu realisieren. Ich hätte mehr Respekt vor dem Pazifismus der deutschen Regierung und der deutschen Menschen, wenn ich den Verdacht loswerden könnte, es handelte sich bei ihm um anderes als ein fehlendes politisches Konzept (was die Politiker betrifft) und eine höchst egoistische Feigheit.

Ja, Feigheit: Wenn du genau zuhörst, WARUM die Leute hier eigentlich so pazifistisch sind, dann nicht in erster Linie, weil ihnen die Araber leidtun, sondern weil sie nicht möchten, daß Deutschland die islamistischen Terroristen so provoziert, daß es hier zu Anschlägen kommt. Wir haben hier bei uns den Spruch: "Oh heiliger Sankt Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an." Natürlich gibt das niemand zu, aber es ist nun einmal so, daß wir Deutschen nicht das Volk sind, das die Zivilcourage und den Gedanken des "Für eine Überzeugung Geradestehens" erfunden hat.

Das Radio und die Zeitungen sind jetzt natürlich voll mit Krieg, egal was ansonsten das Thema ist. Selbst Kochrezepte sind ohne einen Hinweis auf den Krieg nicht mehr zu hören oder zu lesen. Mit wieviel mehr Ruhe und Würde habt ihr dem Unvermeidlichen entgegengesehen, die ihr doch viel gefährdeter seid! Ich denke daran, auf welchem Pulverfaß ihr im Libanon sitzt und hoffe, daß dieser Krieg an euch vorübergeht und nicht früher oder später auf eure kleine Insel übergreift.

Auf bald

Michael  


Gesendet: Donnerstag, 27. März 2003 22:53

Lieber Michael,

Abbas Beydoun; Foto: privat

​​

die Amerikaner haben keine Zeit verloren. Sie haben den Krieg gleich nach Ablauf des Ultimatums begonnen. Seitdem hängen die Menschen hier im Libanon vor dem Fernseher; die Taxifahrer, mit denen ich zur Zeitung fahre, erwarteten anfangs von einem Journalisten wie mir, er könne ihnen sagen, welche Auswirkungen dieser Krieg für den Libanon haben werde. Ein neurotischer Schriftsteller meinte zu mir, das hätte bestimmt schädliche Folgen für seinen Berufsstand.

Jetzt fragen die Taxifahrer mich nicht mehr, stattdessen sind sie es, die mich über die Verluste der Amerikaner informieren. Vor dem Fernseher sind sie in ihrer Phantasie zu Kämpfern geworden, die den Briten und Amerikanern weitere Verluste an Menschenleben zufügen. Ich glaube nicht, dass sie daran denken, den Krieg gewinnen zu können, so weit geht ihre Illusion sicherlich nicht. Die Menschen hier führen nicht nur die Kriege, von denen sie hoffen, sie könnten sie gewinnen. Ihrer Ansicht nach verdienen auch verlorene Kriege Mut und Begeisterung, sie fragen nicht mehr, was der Mut bringt, denn sie haben sich daran gewöhnt zu verlieren. Was sie wollen, ist ein bisschen Würde.

Den Algerienkrieg einmal ausgenommen, haben sie immer verloren, und meistens waren amerikanische Waffen eine Ursache ihrer Niederlage. Sie haben sich auch daran gewöhnt, ohne Hoffnung zu kämpfen, das haben sie schon in Palästina getan und tun es eben jetzt im Irak. Heute erleben sie ihre tiefste Niederlage, dabei wissen sie, dass die Amerikaner sie in erster Linie angreifen, weil sie sie für schwach halten, und weil sie – die Amerikaner – denken, dass sie im Irak zu einem denkbar niedrigen Preis erfolgreich ihre Macht demonstrieren können. Am Irak können sie rächen, was ihnen die afghanische al-Qaida angetan hat.

Die Amerikaner haben erfolglos versucht, eine Verbindung zwischen Afghanistan und dem Irak nachzuweisen, doch die Zuschauer brauchen keinen großen Beweis. Die Welt des Bösen und der Finsternis zeichnet sich immer durch Verschwörung und Intrigen aus, und erst nach dem Beschuss mit Bomben werden die Bösen uns einen ausreichenden Beweis liefern. In der alttestamentarischen Vorstellung und der Fiktion des Kinos braucht man keinen Beweis für das Böse.

Saddam Hussein hat die Amerikaner auf Knien angefleht und war zu jedem Zugeständnis bereit, um seinen Kopf zu retten. Er war nicht nur bereit, seine Massenvernichtungs- und sonstigen Waffen zu zerstören, sondern Reformen unterschiedlichster Art durchzuführen und sich von einem schrecklichen Diktator in einen Agenten des amerikanischen Westens zu verwandeln. Doch die Amerikaner hatten es auf seine Niederlage auf dem Feld abgesehen, sie wollten hierher kommen, nicht nur wegen des Öls, sondern auch, um das Böse des arabischen und islamischen Anderen zu umzingeln.

Später dann muss man noch einen Weg finden, den anderen, kleineren bösen Staat Korea einzukreisen. Nur beim Anderen stellen die Massenvernichtungswaffen eine Gefahr dar, in der Hand des Westens und Israels sind sie ein Werkzeug des Guten. Das alles braucht selbstverständlich keinen Beweis, es braucht eine Vision: Die Bombardierung des Iraks und seine Niederlage sind eine solche Vision.

Ich meinerseits hätte einen raschen Krieg vorgezogen, ich hätte mir gewünscht, dass niemand wegen eines Diktators wie Saddam Hussein sterben müsse. Ich habe einen Artikel geschrieben mit dem Titel "Soll er doch allein unterliegen", doch viele denken, dass man diesen Krieg führt, weil man den Irak und die Araber allgemein für schwach hält. Darin steckt eine weitere Demütigung für ein Volk, das sich selbst ständig als Freiwild empfindet, das durch kein Recht geschützt wird. Kein Gesetz hält die Israelis davon ab, Menschen unter den Trümmern von Häusern zu begraben, ebenso wie kein Recht die Amerikaner davon abhält.

Die Menschen hassen Saddam Hussein, doch ebenso wenig haben sie Vertrauen in die Vereinigten Staaten. Wie man die Sache auch betrachtet, man kann im ersten verbrannten amerikanischen Panzer nur ein Symbol für die Blindheit der Macht und eine Strafe für die amerikanische Arroganz sehen. Dadurch empfinden die meisten Araber ihre Niederlage als erträglicher und ihre Schwäche als geringer.

Bisher scheint der Ausgang des Krieges von vorneherein entschieden, doch was, wenn die Amerikaner im Verlauf des Krieges schwere Verluste erleiden sollten? Was wäre, wenn das amerikanische Volk verstehen würde, dass es keinen Übergriff gibt, für den man nicht einen Preis zahlen müsste? Wenn sie bedenken würden, dass die Welt nicht ohne Grund gegen diesen Krieg ist, dass der Teufel, den Bush sieht, nicht wirklich existiert, und dass man die Führung eines Landes nicht jemandem anvertrauen kann, der vorgibt, eine religiöse Vision zu haben?

Ich war für einen raschen Krieg, denn ich kann es weder akzeptieren, dass Iraker, noch dass Amerikaner sterben. Doch der Widerstand wird beweisen, dass die Politik Bushs keine Vision sondern Dummheit ist und dass es eine große Anmaßung bedeutet, wenn man Macht mit göttlicher Führung, dem Gutem und der Weisheit gleichsetzen will. Würde man das einsehen, wäre damit sicherlich Amerika und der Welt gedient.

Abbas Beydoun  

Übersetzung aus dem Arabischen: Michaela Kleinhaus  

 

Dienstag, 01. April 2003 15:13

Lieber Abbas,

nach anderthalb Wochen Krieg sind hier in Deutschland Dinge zu beobachten, die ich nicht für möglich gehalten hätte: Nicht die täglichen Anti-Bush und Friedensdemonstrationen sind das Neue, die gab es immer und zu jeder Gelegenheit, und die Demonstrierenden gehörten und gehören meist fest umrissenen gesellschaftlichen Gruppen an: Mitglieder oder Sympathisanten der SPD, der Grünen, der Gewerkschaften, linke kleine Splittergruppen, sonstige Marginale.

Nein, wirklich neu scheint mir eine Empörung über die amerikanische Regierung zu sein, sowie ein Überdruß sowohl an ihrer manifesten Dummheit als auch an der kolonialistischen Arroganz, mit der sie den Rest der Welt behandelt, ihre eigenen Verbündeten eingeschlossen – eine Empörung, die weit über die Grenzen der obengenannten Gruppen hinausgeht: Ich habe in den letzten Tagen voller Verblüffung Menschen sich von den USA abwenden und erstmals ihre Hoffnung auf die Entwicklung eines geeinigten Europas setzen sehen, die zuvor in allen Belangen: Politisch, wirtschaftlich, kulturell, der Meinung waren, unsere Zukunft läge nur und ausschließlich in engster Solidarität (in Vasallentum) zur USA. Einige Wochen vor dem Krieg hörte ich noch einen Politiker abfällig sagen: Ein deutsch-französisches Modell gehört auf den Abfallhaufen der Geschichte. Unsere Zukunft ist die enge Bindung an die USA.

Mehr und mehr Leute scheinen jetzt zu verstehen, daß wir vielleicht eine Alternative haben zur blinden Gefolgschaft mit einem Staat, dessen Führung in ihrer fanatischen religiösen Verbrämung eigener Machtinteressen und in ihren antidemokratischen Reflexen den von ihr so bezeichneten Schurkenstaaten ähnlicher sieht, als ihr lieb sein kann. Und nicht nur eine Alternative haben wir: Mehr und mehr Menschen scheinen zu spüren, daß wir in Europa auch besseres verdienen, als uns zum Kasper dieses Bush-geführten Amerikas zu machen.

Ich möchte dir einen Ausschnitt aus einem Artikel zitieren, den der hervorragende österreichische Schriftsteller Robert Menasse vor zwei Wochen in der "literarischen Welt" veröffentlicht hat. Besser ist dieses plötzlich erwachte euro-demokratische Selbstbewußtsein gar nicht darzustellen:  

"Bush's Law "Führe Kriege nur noch gegen Länder, die den Krieg anschließend auch bezahlen können" ist zwar die erste Innovation auf dem Gebiet der Kriegstheorie seit Clausewitz, aber: So avantgardistisch dieser Gedanke auch ist, er ist doch nur ein primitiver Reflex auf die strukturelle Rückständigkeit der USA gegenüber Europa: Die europäische Politik ist bereits nachnational, während die USA Politik noch immer nur als nationale Interessenspolitik begreifen können. Die europäische Politik ist nach den Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Recht den Weg der Friedenspolitik gegangen, während die USA trotz ihrer Erfahrungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer noch auf militärische Eroberung und militärische Absicherung ihrer Märkte und Ressourcen setzt.

Die USA mögen in der technologischen Entwicklung Vorreiter und daher in der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums Europa quantitativ voraus sein, in der Frage der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums aber sind sie im Vergleich zu Europa abgeschlagene Nachzügler. Der Unterschied zwischen US-Marktwirtschaft und europäischer sozialer Marktwirtschaft ist etwa so groß wie der zwischen der Keilschrift und dem Angebot der Frankfurter Buchmesse.

Die Ideen der Aufklärung mögen vor 200 Jahren in den USA weitergehend verwirklicht gewesen sein als damals auf dem "alten Kontinent", mittlerweile sind aber die USA Nachzügler sogar ihrer eigenen konstitutiven Ideen geworden: Vom Einfluss der Religion auf die Politik bis zur Todesstrafe zeigen sich die USA heute sogar für ihre Sympathisanten als Entwicklungsland der Aufklärung."

Ich kann mich noch gut erinnern, wie vor einigen Jahren, als ich noch in Frankreich lebte, die französische Regierung als einzige europäische sich einem amerikanischen Plan entgegenstellte, den Im- und Export von Kulturgütern (Büchern, Filmen etc) nach denselben Regeln zu handhaben wie den aller anderen Wirtschaftsprodukte. Alle französischen Zeitungen waren voll davon – in Deutschland redete niemand darüber. Damals begann auch der französische Widerstand gegen eine Globalisierung, die allein amerikanischen Interessen zugute kommt, aus dem dann schließlich "Attac" wurde, das heute in der ganzen Welt präsent ist.

Es sieht fast so aus, als wären die Europäer tatsächlich erwacht. Das wäre gut für jedermann, langfristig auch für euch im Orient. Warten wir ab, ob ihre Emanzipation ein Strohfeuer ist, oder tatsächlich ernst gemeint . Sollte es den Amerikanern gelingen, Saddam doch rasch und ohne zu viel Blutvergießen zu stürzen, und gingen sie danach wider alles Erwarten ernsthaft die Palästinafrage an, würden ihnen die Herzen der Europäer ebenso schnell wieder zufliegen wie sie ihnen jetzt abhanden kommen.

Liebe Grüße

Michael Kleeberg

 

Freitag, 11.04.2003 15:28

Lieber Michael,

Abbas Beydoun; Foto: privat

​​

ich habe an keiner Demonstration teilgenommen, doch ich habe manches darüber gehört - von denjenigen, die sie für das einzige Mittel halten, an den Ereignissen teilzuhaben. Ich hasse die festliche Stimmung dieser Demonstrationen und habe das Gefühl, dass die Menschen dort nur sich selbst darstellen und völlig unoriginell Dinge wiederaufleben lassen wollen, die doch zu den Ruinen ihres eigenen Lebens gehören.

Ich höre den Taxifahrern der Sammeltaxis und den Fahrgästen, denen ich dort zufällig begegne, zu. Sie alle sind stolz auf den Widerstand der Iraker, wollen aber nicht daran denken, dass der Krieg trotz allem entschieden ist und dass es für die Iraker keine Hoffnung auf Rettung gibt. Die Leute hier sind für den Irak, man kann ruhig sagen für Saddam Hussein und sein Regime, und zwar aus dem einfachen Grund, weil er Widerstand gegen die Amerikaner leistete und ihnen Verluste an Waffen und Menschenleben zufügte. Nicht der Friede interessiert die Menschen hier, für sie ist es wichtiger, um jeden Preis Widerstand gegen die Amerikaner zu leisten und ihnen gegenüber Tapferkeit zu beweisen, ohne dabei an die Folgen zu denken.

Es sind die gleichen Menschen, die die Geheimpolizei in Angst und Schrecken versetzt und denen sie sogar verbieten kann zu atmen. Ich verstehe nicht, wie Menschen, die von der Angst zerfressen werden, in der Konfrontation mit der größten Supermacht der Welt mutig sein können. Ich weiß es nicht, denke aber manchmal, dass die Menschen hier die Diktatur mehr als den Krieg und Erniedrigung und Folter mehr als den Tod fürchten. Ich verstehe es nicht, doch es macht mich traurig, Menschen zu sehen, denen vor allem daran liegt, wenigstens in Würde zu sterben, wenn sie diese Würde in ihrem Leben schon nicht erfahren durften.

Einmal fragten einige französische Zeitungen, wo denn die arabischen Massen seien. Sie seien wohl eine Illusion, denn man sähe sie nicht auf der Strasse für den Frieden kämpfen, während die Menschen in den entferntesten Ländern gegen den Irakkrieg demonstrierten. Ich möchte sogar sagen, dass der Frieden für diese Massen ein Luxus ist, an den sie gar nicht zu denken wagen. Sie denken vielmehr an andere, notwendigere Dinge. An Würde zum Beispiel, um nicht zu sagen an Medizin und Nahrung, deren Entbehrung doch eine viel größere Erniedrigung bedeutet.

Die Menschen haben nun, da die Iraker - auf welche Weise und aus welchen Gründen auch immer - den Amerikanern die Stirn bieten, das Gefühl, dass auch sie davon betroffen sind, solange es um Würde geht. Doch das ist gefährlich, denn die Würde ist eine altmodische Angelegenheit, zumindest keine ganz zeitgemäße. Woanders fordert man Frieden und Gerechtigkeit, hier jedoch geht es vor allem um die Ehre. Neben der Ehre kommen dazu Werte eines Stammesdenkens wie Mut, Opferbereitschaft und Kampf. Und all dies sind Werte, die sich auf Krieg beziehen, von Völkern, die immer wieder unterliegen und wenigstens einmal nach einem Sieg dürsten, oder zumindest nach einer würdigen Auseinandersetzung.

Die Verstrickung in solche Anachronismen in diesen Fragen sorgt dafür, dass wir auf dieser Basis nur schwer mit der Welt kommunizieren, mit ihr in einen Dialog treten oder uns an Auseinandersetzungen und Konfrontationen beteiligen können. Die Welt versteht nicht, warum so viele Araber in Partisanenaktionen Selbstmord begehen. Doch die Araber – selbst diejenigen, die gegen solche Selbstmordaktionen sind – verstehen nicht, dass man diese Aktionen als unmoralisch bewertet. Sie betrachten sie zumindest als Zeichen hoher Opferbereitschaft und herausragender Tapferkeit. Wahrscheinlich rettet eine große Schlacht wie der Krieg gegen den Irak ein wenig die Würde der Araber.

Es ist ein großer Krieg, ein Krieg gegen die Welt, in dem eine Niederlage möglich ist und schon eine kurze Frist des Standhaltens einem Sieg nahe kommt. In diesem Kontext ist kein Platz für Politik, Wirtschaft, Interessen oder Kalkül. Es geht dabei ausschließlich um ein psychologisches Phänomen. Deshalb stellen wir aufs Neue die Frage: Wo stehen wir? In welcher Zeit leben wir?

Abbas Beydoun  

Übersetzung aus dem Arabischen: Michaela Kleinhaus  

 

Sonntag, 25. Mai 2003 18:02

"The bloody dog is dead!"

So einfach und klar, mein lieber Abbas, ging es früher zu, bei den eindeutigen, den gerechten Kriegen gegen die Deutschen: Als Vollzug gemeldet wurde, der schnurrbärtige Diktator tot war, und die alliierten Truppen in der Hauptstadt standen, da war der Krieg aus, und der Frieden und Wiederaufbau begann.

Die deutschen Verlierer, die eben noch aus allen Rohren auf ihre bolschewistisch-jüdischen Feinde geschossen hatten, hängten die weiße Fahne raus, bedankten sich für die Befreiung vom Faschismus und reihten sich – je nachdem wessen MPs ihnen auf die Brust zeigten – in die Kurse für Demokratisierung bzw. für Sozialismus ein. Ja, wir Deutschen zeigten uns, nachdem wir 30 Millionen umgebracht hatten, und nachdem sieben Millionen der unseren umgebracht worden waren, als sehr einsichtig, und taten wortwörtlich und eifrig genau das, was unsere Bezwinger/Befreier von uns verlangten und erwarteten, machten unseren Diener und sagten "Vielen Dank auch" und "Wohl bekomms" und "Ja, hätten wir das alles mal schon früher gewußt"...

Ach, könnte es doch überall so zugehen, nichtwahr, Herr Bush! Daß die Diktatoren am Ende des Kriegs gefangen oder tot sind, daß die Bevölkerung kapiert, daß man sie nicht besiegen, sondern befreien wollte, daß sie versteht, daß natürlich dennoch der Sieger regieren muß, und daß sie zum Teufel noch mal DANKBAR ist für all das. Unter uns gesagt, lieber Abbas, wirft man einen Blick auf die Gefängnisse, auf die Massengräber und die anderen Zeugnisse der Schreckensherrschaft Saddams, dann kann man kaum anders als dankbar zu sein, daß die Amerikaner seinem Regime ein Ende gemacht haben.

Die Frage, die sich stellt, ist ja nicht mehr die nach der Legitimität und Legalität dieses Kriegs, die wäre Wochen nach seinem Ende nur noch lächerlich. Die Frage, die sich stellt, ist: Was soll an die Stelle dieses Regimes treten? Etwa ein islamischer Gottesstaat unter der Kontrolle schiitischer Mullahs? Von Saddams Regen in die islamistische Traufe zu kommen, wäre ein etwas bitteres Ergebnis des Kriegs Aber was sonst? Was haben sich die Amerikaner gedacht? Waren sie wirklich so naiv zu glauben, die Iraker wären ähnliche Leute wie die Deutschen 1945, würden ihnen die Füße küssen und sich als beflissene Demokratieschüler versuchen?

Oder ist es ihnen egal, was für ein Regime letztlich die Macht im Irak übernimmt, Hauptsache, sie kontrollieren das Öl und ihre Unternehmen verdienen am Wiederaufbau? Haben sie einen utopisch-idealistischen demokratischen Masterplan für die ganze Region, nach dessen Logik noch ein paar weitere autokratische Regimes fallen müssen, oder sind sie so blöd, so naiv, so ausschließlich imperialistisch, wie die europäische Intelligenzia glaubt?

All diese Fragen lassen sich schwer bebildern, und deswegen werden sie auch im Fernsehen nicht mehr gestellt. Ja, der Irak ist von den Titelseiten verschwunden, wir haben ihn offen gestanden ein bißchen über, jetzt wollen wir wieder einmal anderes hören und sehen, ein bißchen deutsche Innenpolitik, ein bißchen Erdbeben in Algerien.

Aber, dies ist eine der Erkenntnisse des Kriegs: Was wir hoffen und wollen, was wir sehen und nicht sehen, spielt keine Rolle. Die Vereinigten Staaten von Amerika werden sich entscheiden, gewisse Dinge zu tun oder nicht zu tun. Die Iraker und übrigen Araber werden sich darüber freuen oder ärgern, und die USA ein bißchen mehr oder weniger hassen. Wir hier in Europa werden beizeiten darüber informiert werden. Beizeiten heißt, nachdem die Entscheidungen gefallen sind.

Michael Kleeberg  

 

Dienstag, 17.06.2003 13:15

Lieber Michael,

Abbas Beydoun; Foto: privat

​​

niemand wird sagen, dass die Amerikaner den Irak wie damals Deutschland befreit haben, auch wenn vieles daran erinnert. Der Grund liegt darin, dass die Amerikaner das selbst nicht wollen. Bush spricht von Demokratie, doch noch mehr spricht er vom Willen Gottes, vom Willen Christus' und dem Kampf gegen das Böse.

Das haben die Iraker schon vorher in anderer Form gehört. Sie haben es von Saddam gehört, der ebenfalls meinte, Gott habe ihn beauftragt, und von den religiösen Würdenträgern und den fundamentalistischen religiösen Strömungen. Sie wissen, dass das Unsinn ist, und wundern sich, dass das ein Mann sagt, dessen Macht sich auf Wissenschaft und Technologie stützt. Im Endeffekt hat Bushs Diskurs niemanden von der Notwendigkeit des Krieges überzeugt und wird auch niemanden mit seiner Darstellung des Krieges überzeugen.

Das Wichtige, das geschehen ist, ist, dass die Iraker Saddam Hussein los geworden sind. Die Gräber, die man jeden Tag entdeckt, zeigen, dass das ein wirklicher Sieg ist, es ist zwar ein herrenloser Sieg, doch er ist großartig. Er stellt das wichtigste Ereignis im Leben der Iraker dar, an dem sie nicht beteiligt waren. Der Sieg ist ihnen wie ein Geschenk in den Schoss gefallen, doch er hat sie auch verunsichert. Sie wissen nicht, was sie mit ihm anfangen sollen. Ihre erste Lektion in Demokratie haben sie gegen die Amerikaner selbst ausprobiert. Sie mussten nun ihre Stimme erheben, protestieren und demonstrieren, und das haben sie auch in Massen getan, so als bekämen sie gar nicht genug von diesem neuen noch ungewohnten Spiel. Sie haben gegen Arbeitslosigkeit und Hunger protestiert, gegen Plünderung, sie sind zu Millionen in die heilige Hauptstadt der Schiiten gereist, haben geweint und geklagt.

Die Freiheit bekommt man, wie wir wissen, nicht geschenkt. Sie ist hart, kritisiert und schimpft. Tatsächlich haben Schimpfen und symbolische Gewalt begonnen. Nach der Grausamkeit des stalinistischen Regimes von Saddam erscheint nun eine gegensätzliche Gewalt, die ebenfalls unterdrückt wird und nach einem Opfer sucht. Es macht Angst, dass der Kreislauf der Gewalt kein Ende nimmt, doch noch mehr Angst macht es, wenn man sieht, dass es einige Opfer und Verbannte gibt, die wollen, dass diese Mühle der Gewalt sich weiter dreht.

Saddam Hussein und sein Regime haben Staat und Gesellschaft von innen zerstört. In den letzten zehn Jahren ihrer Herrschaft war der Irak ein Dschungel, in dem alle Verbrechen erlaubt waren und von den Mitgliedern der Baath-Partei, den Geheimdiensten und der Familie des Präsidenten verübt wurden. Der Irak, der heute brodelt, ist der Irak, in dem es dank Saddam Hussein keinerlei Gesetz und Rechtsinstanz mehr gibt. Deshalb weiß niemand, was jetzt zu tun ist. Während sie auf eine Antwort auf diese Frage warten, lenken sie sich mit ihren Zwistigkeiten und Feindseligkeiten ab.

Es ist komisch, dass die übrigen Araber das nicht verstehen. Sie reden jetzt vom bewaffneten Widerstand gegen die Amerikaner, als wären fünfzig Jahre Blut, Töten und Massengräber nicht genug. So, als sollten die Iraker eine neue Ära von Gewalt und Blutvergießen beginnen. Die Lage ist verwirrend. Niemand will verstehen was vorgeht. Alle klammern sich an ihre ideologischen Vorurteile, als fürchteten sie sich davor, dass etwas Neues beginnt. Sie sprechen wieder von Besatzung und Widerstand.

Niemand will verstehen dass der Niedergang einer Diktatur, die fünfzig Jahre gedauert hat, ein neues Leben bedeutet. Nur weil das durch die verhassten Amerikaner geschehen ist. Man löst sich von der Realität, und ich befürchte, dass wir das absichtlich tun. Wir wollen nicht anfangen. Es gibt eine Aufforderung, die wir nicht annehmen wollen. Wir zögern, und niemand will uns wirklich helfen. Die Amerikaner haben den Krieg gewonnen, aber sie glauben, der Sieger dürfte jede Dummheit anstellen. Die Menschen haben sie als Befreier empfangen, doch es endet damit, dass sie sie hassen. Darum geht es aber nicht.

Vielleicht finden die Iraker, die doch aus der ältesten arabischen Kultur stammen, Mittel, ihre Persönlichkeit zu verteidigen, doch soll dies natürlich nicht durch bewaffneten Kampf geschehen. Wenn sie diese Mittel finden, dann können die übrigen Araber von ihnen lernen. Sie können sich dann endlich von ihrer Scham vor sich selbst und ihrem tief verwurzelten Gefühl von Schuld und Unfähigkeit lösen und einen historischen Moment für sich finden.

Das Regime von Saddam Hussein ist zu Ende gegangen, andere ähnliche sind bedroht. Eine Ära ist zu Ende gegangen. Wir durchleben vielleicht danach eine große Phase der Leere, doch wir hoffen auf einen neuen Anfang. Sollte im Irak der Neuanfang wirklich gelingen, werden wir uns nicht mehr vor uns selbst schämen, weil wir die Amerikaner haben machen lassen, was wir nicht tun konnten. Wir werden beginnen, über die Zukunft nachzudenken. Vielleicht werden wir darüber nachdenken, dass die Freiheit ein ebenso wichtiger Reichtum wie das Öl ist und dass wir sie nutzen können für eine neue Zeit.

Abbas

Aus dem Arabischen von Michaela Kleinhaus

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