"A Case of Exploding Mangoes" von Mohammed Hanif

Eine verworrene Geschichte

Der erste Roman von Mohammed Hanif ist eine ausgelassene Reise durch die Politik der pakistanischen Militärherrschaft Zia ul-Haqs in den 1980er Jahren. Irfan Husain findet, dass das Buch auch für die neuen Herrscher Pakistans nach neunjähriger Militärherrschaft noch Lektionen bereit hält.

Buchcover "A Case of Exploding Mangoes" von Mohammed Hanif; Foto: Random House

Ali Shigri, der Erzähler von Mohammed Hanifs "A Case of Exploding Mangoes" – "Eine Kiste explodierender Mangos" – beklagt sich darüber von seinem Freund Obaid, auch "Baby O" genannt, gezwungen zu werden, Rilke zu lesen. Und als die zerknitterten Seiten von Rilkes Gedichten in der Matratze des flüchtigen Baby Os gefunden werden, wird das als weiterer Minuspunkt zur Akte des vermissten Piloten hinzugefügt. Willkommen in der kafkaesken Welt von Mohammed Hanifs Luftwaffenakademie. Tatsächlich hat der Autor sehr wohl die Qualifikation, über die Einrichtung zu schreiben, da er in den 1990ern seine Ausbildung dort abschloss und danach in die pakistanische Luftwaffe eintrat. Er quittierte seinen Dienst, um Journalist zu werden – zuerst in Pakistan, später bei der BBC in London.

"A Case of Exploding Mangoes" ist Hanifs erster Roman, der auf verschiedenen Ebenen ausgezeichnet funktioniert. Als drastische Satire nimmt er General Zia und den Zirkel von Offizieren und Speichelleckern auf's Korn, die Pakistan von 1977 bis 1988 regierten, als ein mysteriöser Flugzeugabsturz das Land von seinem Diktator befreite. Seine Herrschaft ist größtenteils verantwortlich für das Aufwallen des islamischen Extremismus, der Pakistan und die gesamte Region bis heute erschüttert.

General Zia entfesselte, durch den Westen im Kampf gegen die Russen in Afghanistan unterstützt, die Kräfte des Fundamentalismus. Viele der radikaleren Jihadi-Truppen verdanken ihre Geburt Zia. Hanifs Buch ist eine messerscharfe Abrechnung mit dem General und mit allem, wofür er steht. "Mangoes" erläutert eine Reihe sich überschneidender Verschwörungstheorien, um das Geheimnis zu lösen, dass Zias Tod bis heute umgibt. Abgesehen von den üblichen Verdächtigen (CIA, KGB, der afghanische Geheimdienst KHAD), bringt er auch Pakistans Geheimdienst ISI mit ins Spiel. Aber besonders interessant ist, dass er auch seinen Protagonisten Ali Shigri als einen möglichen Attentäter darstellt. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Zia sich offensichtlich eine Menge Leute zum Feind gemacht.

Unschmeichelhafte Porträts von General Zias Clique

Bild Zia ul-Haq 1986; Foto: AP
Unter Zia ul-Haqs Herrschaft gewann der islamische Extremismus in Pakistan an Macht.

​​ Die Passagen, in denen der Autor Zia, seine furchtbare Ehefrau und die anderen im Buch vorkommenden Generäle beschreibt, sind vielleicht die brillantesten. Mit Genuss und beißendem Witz zeichnet er unschmeichelhafte Porträts der mittelmäßigen Offiziere, die Pakistan mehr als ein Jahrzehnt lang regierten. Die Söhne von General Zia und General Akhtar (zu jener Zeit Leiter des ISI) waren beide Minister unter Musharraf, und müssen sich angesichts von Hanifs Beschreibung ihrer Väter gewunden haben.

Angesichts der Tatsache, dass der Autor nach zwölf Jahren in London jetzt nach Pakistan zurückkehrt, kann man nur hoffen, dass er sich bewusst ist, wie sehr sich das Land in seiner Abwesenheit verändert hat. Mit Elan geschrieben, nimmt das Buch den Leser mit auf eine rasante Reise von der Luftwaffenakademie in ein Gefängnis der ISI, wo Ali Shigri kurzfristig inhaftiert ist. Hier schauen wir der Realität von Folter und Mord im Namen des Staates ins Auge.

Die enigmatische Figur des kettenrauchenden ISI-Mitarbeiters Major Kiyani begleitet uns durch große Teile der Erzählung. Interessanterweise ist das ebenfalls der Name des derzeit amtierenden Chefs der Armee, der – vor seiner Beförderung –Musharrafs (kettenrauchender) Leiter des ISI war. Im Hintergrund bewegen sich die amerikanischen Unterstützer General Zias. Auf einer Botschaftsparty, die vom US-Botschafter Arnold Raphael gegeben wird, der gemeinsam mit Zia bei dem Flugzeugabsturz starb, hat Osama bin Laden einen Mini-Auftritt. Er wird vom örtlichen CIA-Chef begrüßt und pflegt ungezwungenen Umgang mit alten pakistanischen und amerikanischen Diplomaten sowie Offizieren, ganz wie im wirklichen Leben in den 80ern.

Politik ist das Hauptthema

In die Geschichte baut Hanif auch eine homosexuelle Beziehung zwischen Ali und Obaid mit ein. Während dies in pakistanischen Militärakademien alltäglich zu sein scheint, bleibt das Thema doch ein Tabu in einer Gesellschaft, die das Sexuelle verdrängt. Der Autor versucht allerdings nicht, den Aspekt der Freundschaft zwischen den Kadetten in aller Tiefe zu erkunden und zieht es vor, seinen Erzählstrang auf der Basis seines machtvollen politischen Inhalts zu entwickeln.

Der Titel des Buchs bezieht sich auf die Tatsache, dass kurz bevor Zia sein Flugzeug auf einer Armeebasis bestieg, eine Kiste voller Mangos geliefert wurde, die den General begleiten sollte. Es wurde viel spekuliert, ob diese eine Art Nervengas enthielt, das die Piloten handlungsunfähig machte. Zahlreiche Untersuchungen haben den Grund des Absturzes jedoch nie

Bild Mohammed Hanif; Foto: privat
Von Pakistan nach Großbritannien und wieder zurück: Mohammed Hanif (Foto: privat)

​​zweifelsfrei bestätigen können. Nur zwei Dinge sind klar: Das Flugzeug explodierte nicht in der Luft und es stürzte auch nicht aufgrund mechanischer Defekte ab. Allerdings ließen die extrem hohen Temperaturen, die innerhalb des Wracks der C-130 entstanden, kaum menschliche Überreste zurück, und General Zia konnte lediglich anhand seiner Zähne identifiziert werden. Angesichts des Themas und des klaren Schreibstils ist es keine Überraschung, dass Hanifs Buch sowohl für den Booker Award als auch für den First Book Award des Guardians nominiert wurde.

In gewissem Sinne erinnert es an Joseph Hellers ikonenhaftes "Catch 22", den bitterbösen satirischen Anti-Kriegsbestseller aus den 60ern. "Mangoes" kritisiert in scharfem Ton Militärinstitutionen, in Pakistan üblicherweise unantastbar sind, und erzählt eine faszinierende Geschichte in einem literarisch gekonnten, ausgelassenen Stil. Obwohl oft urkomisch, hat das Buch einen ernsten Zweck: Hanif enttarnt Generäle als die machthungrigen Monster zu denen sie werden, sobald sie sich selbst an die Macht gebracht haben.

Pakistan mit seiner langen Geschichte von Militärputschs und Militärdiktaturen braucht diese Art von literarischem Gegengift dringend. Ungeachtet der neunjährigen Regierung Musharrafs wenden sich die Menschen bereits jetzt gegen die aufkeimende demokratische Ordnung und gedenken der "guten alten Zeiten" unter der Militärherrschaft. Wenn gewählte Politiker sich nicht zusammenreißen, besteht die reale Gefahr, dass Hanifs "Major Kiyani" dem Sirenengesang folgt und seinen Panzer in Richtung Islamabads Prädisentschaft steuert.

Irfan Husain

© Qantara.de 2008

Übersetzt aus dem Englischen von Élena-S. Eilmes

Mohammed Hanif wurde in Okara, Pakistan geboren. Nachdem er die Akademie der Pakistanischen Luftwaffe verlassen hatte, um eine Karriere als Journalist einzuschlagen, arbeitete er für Newsline, India Today und die Washington Post. Er hat Bühnenstücke für Theater und Fernsehen geschrieben, unter anderem ein von Kritikern bejubeltes BBC-Drama und den Spielfilm "The Long Night". Hanif ist Absolvent des Studiengangs für Kreatives Schreiben der University of East Anglia. Zur Zeit lebt er in London und leitet die Urdu-Redaktion der BBC. "A case of exploding mangoes" von Mohammed Hanif; erschienen bei Random House, 2008

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