55 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

Integration ist keine Einbahnstraße

Im Oktober jährt sich das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei zum 55. Mal. Dennoch fühlen sich viele Menschen türkischer Abstammung noch immer fremd im Land. Was sagt das über den Verlauf von Integration aus und welche Rolle spielen die Erfahrungen aus der Vergangenheit in der gegenwärtigen Situation? Antworten von Melanie Christina Mohr

Nachdem in den 1960er und 70er Jahren eine Vielzahl von Gastarbeitern angeworben worden war, stand die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit den überwiegend türkischen Migranten nur bedingt in Kontakt. Der deutsche Staat, getrieben von der Annahme, die Migranten würden sich nach Bereitstellung ihrer hiesigen Arbeitskraft auf die erste Silbe im Terminus "Gastarbeiter" besinnen und die Heimreise antreten, musste sich von Max Frisch eines Besseren belehren lassen. Man rief Arbeitskräfte und es kamen Menschen. Menschen, deren Kinder deutsche Schulen besuchten, und die sich mit dem System für das man sie - wenn auch nur auf Zeit - gewinnen wollte, anfreunden konnten. Hauptsächliche junge Männer wurden zwischen 1961 und 1973 an deutschen Bahnhöfen von Firmenvertretern und Mitarbeitern des Arbeitsamtes empfangen.

Die Situation von Geflüchteten, die in diesen Tagen Deutschland erreichen, ist eine andere. In vielen Fällen handelt es um eine erzwungene Form von Migration, die sich im Zuge von Krieg, Unterdrückung und Verfolgung ereignet hat und keinen Handlungsspielraum lässt. Auch wenn der Ausgangspunkt heute ein ganz anderer ist als früher, bleibt es wichtig, sich mit den Problemen und Erfolgen vergangener Integrationsprozesse auseinanderzusetzen.

Schiller und deutsche Pünktlichkeit

Im Oktober 2016 jährt sich das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei zum 55. Mal. Und trotzdem hat es manchmal den Anschein, als stünde man – bei der Frage, wie Integration funktioniert – stets am Anfang. Noch immer fühlen sich viele Menschen türkischer Abstammung, auch jene die in Deutschland geboren und sozialisiert worden sind, wie Fremde im Land. Während sich die zweite und dritte Generation der sogenannten Deutsch-Türken in der Schule mit Schillers Ballade "Der Handschuh" anzufreunden hatte und die deutsche Pünktlichkeit verinnerlichen sollte, hat es das Bildungssystem versäumt, sich aktiv mit der kulturellen Vielfalt im Land auseinanderzusetzen.

Es ist also an der Zeit, erneut darüber zu diskutieren, welche Aufgaben Bildungseinrichtungen zu erfüllen haben. Denn das Wirken von Bildung und Lehre erschöpft sich im 21. Jahrhundert nicht mehr einzig in der erfolgreichen Qualifizierung für den Arbeitsmarkt.

Flüchtlingskinder in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Dresden; Foto: picture-alliance/dpa/O. Killig
Ungleiche Chancen: Flüchtlingskinder in Deutschland leiden nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef unter einer zunehmenden Benachteiligung. Geflüchtete Kinder und Jugendliche lebten über immer längere Zeiträume in einem nicht kindgerechten Umfeld. Bildung würde in den Not- und Erstaufnahmeeinrichtungen oft monatelang nur eingeschränkt oder gar nicht gewahrt. Damit verzögere sich meist auch die Integration der Kinder in Schulen und Kindergärten, so die Hilfsorganisation.

Im Fokus sollte das Überwinden von kulturellen Barrieren und somit die Anpassung von Lerninhalten an heutige Gesellschaftsstrukturen stehen. Denn die Herausforderung und Bereicherung durch kulturelle Vielfalt zu begreifen und mit dieser umgehen zu können, ist ein Prozess, der nur im Wechselspiel funktionieren kann. Das 21. Jahrhundert bedient sich über ethnozentrische Grenzen hinweg aus einem reichhaltigen, globalen kulturellen Gedächtnis - das kann Integration begünstigen und voranbringen.

Sprache und Verstehen

Der Fremdsprachenunterricht geht nach Peter C. Seel, ehemaliger Leiter des Goethe-Instituts in Krakau, von einer Zweigleisigkeit aus: "Der Lernende soll einerseits mit Fremdem vertraut gemacht werden, anderseits soll er aber auch lernen, sich selbst und seine eigene Kultur zu thematisieren und darzustellen." Seel nennt das eine "Auseinandersetzung mit Fremdheit auf der Folie des Vertrauten".

Dieser Aspekt verdeutlicht, dass das Ziel von Integration nicht Assimilation sein kann. Es geht darum, Fremdes mit den Werkzeugen des Vertrauten zu artikulieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Auseinandersetzung mit dem Fremden und der Erwerb von Kenntnissen über die eigenen kulturellen Grenzen hinaus Aufgabe und Verantwortung jener Institutionen ist, die im Spracherwerb eine tragende Rolle spielen: Kindergärten, Schulen und Universitäten. 

Das bedeutet auch, dass zum Beispiel die Anekdoten des türkischen Narrs Nasreddin Hodscha – der sich über die Grenzen der Türkei hinaus auch in der arabischen Welt großer Beliebtheit erfreut – selbstverständlich neben den grandiosen Abenteuern von Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder Pettersson und Findus in jedem deutschen Kindergarten stehen sollten.

Deutschunterricht im Deutsch-Leistungskurs eines Gymnasiums; Foto: Imago/Jochen Tack
"Die Beschäftigung mit Prosa und Lyrik im Schullalltag darf sich nicht auf Werke europäischer Dichter und Denker beschränken. Ziel sollte es sein, multikulturelle Denkweisen zu stärken und in gewissem Sinne auch zu institutionalisieren. Denn Integration fußt auf den Fundamenten dessen, was standarisiert wurde", schreibt Mohr.

Die Beschäftigung mit Prosa und Lyrik im Schullalltag darf sich nicht auf Werke europäischer Dichter und Denker beschränken. Die Sensibilisierung für den Wert außereuropäischer Literatur, Erkenntnisse und Theorien würde also nicht nur dazu beitragen, Fremdes zu verstehen und es als eine Bereicherung zu begreifen, sondern würde auch fremdenfeindlichen Ressentiments vorbeugen. Ziel sollte es sein, multikulturelle Denkweisen zu stärken und in gewissem Sinne auch zu institutionalisieren. Denn Integration fußt auf den Fundamenten dessen, was standarisiert wurde.

Religion kennt keine Nationalität

In seinem Buch "Wer ist Wir?" warnt der Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani davor, Migranten auf ihren Glauben zu reduzieren und formuliert bereits im Titel eine unausweichliche Frage. Auch wenn sich Menschen im Laufe ihrer Sozialisation gewissen Gruppierungen, Strömungen oder Ideen mehr oder weniger verbunden oder zugehörig fühlen, ist das kein Grund, Individuen auf diese Denksysteme zu reduzieren. Trotz ähnlicher Lebensumstände und kultureller Kontexte entwickeln sich Menschen unterschiedlich.

Hierzu hat der Philosoph und Hochschullehrer Arthur Schopenhauer einmal treffend festgehalten: "Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in seiner eignen Welt". Nur weil jemand in einem bestimmten Land oder einer speziellen Region geboren ist, heißt das nicht, dass er die politische oder religiöse Ausrichtung seines Herkunftslandes teilt. Zu häufig findet Ausgrenzung durch unreflektierte grammatikalische Gepflogenheiten statt.

Für den Integrationsprozess ist es wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass Religion keine Nationalität hat. Das bedeutet im Analogieschluss, dass nicht alle Menschen aus islamischen Ländern Muslime sind. Dagegen fühlen sich auch Menschen ohne Migrationshintergrund in Deutschland als Muslime und andere wiederum haben mit Religion überhaupt nichts zu tun. Integration sollte sich also auf die Toleranz des Individuellen stützen und weniger auf scheinbar homogene Kategorien.

Wenn sich eine Gesellschaft also davon befreit, Individuen nach ihrer religiösen, politischen oder sexuellen Ausrichtung zu bewerten, kann sie auch in Fragen der Integration in erster Linie den Einzelnen sehen. Denn Integration ist keine Einbahnstraße, sie ist eher wie eine Kreuzung, die dem Individuum vielfältige Möglichkeiten bietet, wohin er gehen möchte.

Melanie Christina Mohr

© Qantara.de 2016

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