150. Todestag von Friedrich Rückert

Vergesst Goethe, lest Rückert

Vor 150 Jahren starb einer der größten Dichter Deutschlands. Heute kennt ihn kaum jemand. Dabei wusste Friedrich Rückert schon damals, wie die Integration von Flüchtlingen gelingen kann. Von Christoph Meyer

Arabisch, Persisch, Altäthiopisch: 44 Sprachen und 25 Schriftsysteme soll Friedrich Rückert beherrscht haben. Man sagt, er brauchte etwa sechs Wochen, um eine neue Sprache zu lernen. Seine Koranübersetzung ins Deutsche ist die einzige, die man tatsächlich lesen kann. Rückert war ein sprachliches Genie und ein Dichter, der es nach Ansicht seiner Fans mit Goethe aufnehmen konnte. Trotzdem ist er heute beinahe in Vergessenheit geraten.

Zu Unrecht, denn der Mann aus Franken, der am 31. Januar 1866 starb, hatte eine Vision, die Deutschland mehr denn je nötig hat: Er wollte, dass sich Menschen aller Kulturen und Religionen verstehen lernen. Seine Idee: Wenn Menschen die Gedichte anderer Völker lesen, dann bekommen sie Zugang zu deren Lebensgefühl. Die fremde Kultur wird ein Teil ihrer selbst.

Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist / Du einen bisdaher in dir gebundnen Geist, / Der jetzo thätig wird mit eigner Denkverbindung / Dir aufschließt unbekannt geweßne Weltempfindung

dichtete Rückert. Ihm war durchaus klar, dass nicht jeder so sprachbegabt war wie er selbst. Er arbeitete deshalb wie besessen daran, große Werke aus anderen Kulturen ins Deutsche zu übersetzen. Und zwar so, dass sie ihren lyrischen Charakter bewahrten. Hier kommt der Dichter Rückert ins Spiel.

Der Koran, nicht einfach nur übersetzt

Er konnte nicht nur die Ursprungssprache intuitiv verstehen, sondern fand dazu auch exakte Entsprechungen in seiner Muttersprache. Eines der besten Beispiele dafür ist die 112. Sure des Koran. Für Muslime gilt der unnachahmliche Stil des Koran als Beweis dafür, dass Muhammad wirklich ein Gesandter Gottes war. Wer das verstehen will und kein Arabisch kann, der hat nur eine Wahl: Rückert lesen:

Sprich: Gott ist einer / Ein ewig reiner, / Hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, / Und nicht / ihm gleich ist einer.

Der Koran ist vielfältig interpretierbar.
Rückerts 1834 erschienene Koran-Übersetzung war Ausdruck dichterischen Sturm und Drangs. Sein Leitmotiv war allein der "poetische Reiz" der islamischen Offenbarung, denn wie der Wiener Orientalist Josef von Hammer-Purgstall im Jahr 1811 schrieb: "Der höchste Zauber arabischer Poesie besteht nicht nur in Bild und Bewegung, sondern vorzüglich in des Reimes Gleichklang, der für arabische Ohren wahrer Sirenenton ist".

Poesie wählte Rückert aber auch, weil die Lyrik die älteste Form der Literatur ist. Der Historiker Rudolf Kreutner, der den Nachlass Rückerts in Schweinfurt aufarbeitet, erklärt das so: "Alle vorschriftliche Überlieferung war lyrisch, weil man es sich einfach besser merken kann." Rückert war der Überzeugung, dass es einen Urmythos geben musste. Eine Erzählung, die in die frühen Tage der Menschheit zurückreicht, die allen Menschen vertraut sein muss. Weltpoesie als Weltversöhnung.

Rückert wollte nicht im Mittelpunkt stehen

Doch nicht Rückert wird zitiert, wenn ein deutscher Fürsprecher der Völkerverständigung ins Feld geführt werden soll, sondern Goethe. Dabei hat der Deutschen liebster Dichter in seinem "West-östlichen Diwan" nur orientalische Poesie auf Grundlage der Übersetzungen anderer nachempfunden. Dazu verkaufte der eitle Literat darin außer seinen eigenen auch die Gedichte seiner Geliebten Marianne von Willemer unter seinem Namen. Heute hätte er wohl längst eine Debatte unter einem Stichwort wie "Goetheplag Wiki" am Hals.

Friedrich Rückert dagegen war es unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen. Der beinahe zwei Meter große Mann lief am liebsten den ganzen Tag in seinem Morgenmantel herum. Als er 1843 zum Ordensfest des preußischen Verdienstordens Pour le Mérite erschien, hatte er als einziger keine Medaille aus purem Gold um den Hals, dabei hatte er die Auszeichnung erst ein Jahr davor bekommen. Von Alexander von Humboldt darauf angesprochen, soll er geantwortet haben, seine Frau habe das edle Band dazu benutzt, um ihre Haube zusammenzuknoten.

Dem Wesen orientalischer Poesie kam Rückert ungleich näher als Goethe und hielt doch mehr kritische Distanz zum Islam. Romantisierender Orientalismus war ihm fremd. "Rückert war klar, dass er im protestantischen Deutschland aufgewachsen und sozialisiert worden war", sagt der Historiker Kreutner. Der Dichter war offen gegenüber der fremden Kultur, aber wusste, wo er stand.

Was würde Rückert heute sagen, wenn man ihn fragen würde, wie man die Integration der Flüchtlinge bewältigen soll? "Er würde fordern, dass sich beide Seiten intensiv mit der Lyrik der anderen beschäftigen", ist sich Kreutner sicher.

Doch selbst wenn sich nun im Angesicht der Flüchtlingskrise die Menschen nicht scharenweise der Poesie zuwenden: Der Kern der Rückert'schen Forderung ist ein Imperativ aller Integrationsbemühungen. Für wirkliches gegenseitiges Verständnis müssen sich beide Seiten intensiv mit der jeweils fremden Kultur auseinandersetzen, ohne dabei die eigene Identität zu verleugnen.

Im Nachlass Friedrich Rückerts schlummern bis heute etwa 6000 unveröffentlichte Gedichte aus seinem Spätwerk, die sich teils mit so aktuellen Themen wie Vergiftung durch industriell gefertigte Lebensmittel beschäftigen.

Christoph Meyer

© Süddeutsche Zeitung 2016

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