Zwischen Angst und Hunger - Boko Haram hält in Nigeria immer noch ganze Dörfer als Geiseln

12.04.2017

Vor drei Jahren verschleppte Boko Haram 270 Schülerinnen aus einem Internat. Die Mädchen, von denen noch immer mehr als 200 verschwunden sind, gelten als Symbol für Millionen Opfer der Islamisten. Und jeden Tag werden es mehr. Von Andrea Stäritz

Stacheldraht, eine Mauer soweit das Auge reicht, ein Pulk von Sicherheitskräften: Das Bakassi-Camp in der nordöstlichen Stadt Maiduguri mit knapp 22.000 Bewohnern und gut 500 Sicherheitskräften ist das größte von 21 offiziellen Lagern für Vertriebene in Nigeria. Ibrahim Fatih lebt seit fast drei Jahren dort, mit seiner fünfköpfigen Familie auf zehn Quadratmetern. “Wir würden sofort zurückgehen, wenn wir nur könnten! “, eröffnet der 53-Jährige das Gespräch. “Wenn Frieden herrscht, bin ich am nächsten Tag zurück. “

Fatih stammt aus dem Distrikt Marte, rund 100 Kilometer von Maiduguri entfernt, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno. Marte ist eines der letzten beiden Gebiete, die auch heute noch in den Händen der Terrorgruppe Boko Haram sind. Sie gelten als “unzugänglich“. Die Region an der Grenze zu Niger ist strategisch wichtig für die Miliz, die sich dort den Rückzug ins nördliche Nachbarland sichert. Manche Dörfer werden komplett in Geiselhaft gehalten, andere werden sporadisch von den Terroristen überfallen, wie zuletzt der Ort Konduga am 28. März. Auf die Weise versorgt sich Boko Haram mit Nahrungsmitteln und Nachwuchskämpfern. Vier Frauen und sechs Jugendliche wurden an dem Tag entführt.

In das Bewusstsein der internationalen Öffentlichkeit kam die Terrorgruppe mit der Entführung von 276 Schülerinnen aus einem Internat im nordöstlichen Chibok am 14. April 2014. Einige von ihnen konnten gerettet werden oder entkamen, doch von mehr als 200 Mädchen fehlt noch jede Spur.

Noch immer befinden sich gut ein Viertel aller Dörfer, die in der Hand von Boko Haram waren, unter Kontrolle der Islamisten. Die Gruppe mit Verbindungen zum Terrornetzwerk “Islamischer Staat“ will im Norden Nigerias einen islamischen Staat errichten. Sie wird für Zehntausende Tote verantwortlich gemacht, insgesamt flohen in der Region nach UN-Angaben mehr als 2,7 Millionen Menschen vor ihrer Gewalt.

“Gut 90 Prozent der Vertriebenen in den offiziellen Flüchtlingslagern im Bundesstaat Borno sind eigentlich Evakuierte“, sagt der Leiter der staatlichen Nothilfe SEMA, Satomi Ahmad. Das Militär befreit zunächst die Verwaltungshauptstädte der Distrikte, wo die Infrastruktur wie Banken, Schulen, Telefonleitungen und auch Privathäuser wiederaufgebaut werden. Dort finden auch viele der Vertriebenen aus der jeweiligen Region in selbstgebauten Hütten oder in Zelten internationaler Organisationen Zuflucht.

Die umliegenden Dörfer werden sukzessive befreit und die Bevölkerung teilweise komplett in die Vertriebenenlager gebracht. Dort werden die Bewohner überprüft, ob sie zu Boko Haram gehören. Verdächtige werden vom Geheimdienst verhört. In der Regel verschwinden sie dort für lange Zeit, ohne dass die Familien benachrichtigt werden.

Um Verdächtige zu identifizieren, stützen sich die Sicherheitskräfte auf Informationen der “Civil Joint Task Force“ (JTF), eine Art Bürgerwehr, die sich seit 2011 zu einem flächendeckenden Selbstverteidungsnetzwerk entwickelt hat. Etwa 300 dieser zivilen Verteidiger arbeiten für das Militär, um Boko-Haram-Anhänger zu finden. Insgesamt hat die Task Force gut 20.000 Mitglieder. Im Bakassi-Camp leben 289 Mitglieder der JTF als Teil der Dorfgemeinschaften.

In den Camps werden die Vertriebenen mit dem Nötigsten versorgt. „Die Leute sind ausgehungert, viele auch unterernährt, wenn wir die Dörfer befreien“, sagt Nothilfe-Experte Ahmad. „Das wichtigste ist Sicherheit und militärischer Geländegewinn, um den Wiederaufbau vorantreiben. Dann können die Menschen zurückkehren und wieder ihre Felder bestellen.“

Sicherheit ist auch für das Welternährungsprogramm (WFP) von höchster Priorität. „Wir sind in der Nahrungsmittelversorgung auf das Militär angewiesen“, räumt die Regional-Koordinatorin des WFP, Mutinta Chimuka, ein. Jeder Transport müsse vom Militär begleitet werden, viele Orte seien daher nicht erreichbar. Registriert seien 38.000 Menschen, die so wenig zu essen hätten, dass sie lebensgefährlich unterernährt seien. „Dank der frühzeitigen Intervention der UN konnte bisher eine Hungersnot abgewandt werden“, sagt Chimuka. „Seit Dezember haben wir etwa einer Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln helfen können.“

Aber die Situation könne sich in der Regenzeit von Juni bis August nochmals verschärfen. Allein in den ersten beiden März-Wochen wurden 8.700 Evakuierte aus befreiten Gebieten neu registriert. Laut WFP sind 4,7 Millionen Menschen in der Region von Nahrungsmittelunsicherheit bedroht. (epd)

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