Zum Tode von Juliano Mer-Khamis

100 Prozent Juliano

Der ermordete Theatermacher Juliano Mer-Khamis war ein Grenzgänger. Verräter für die einen, Vordenker für die anderen - und eine Ausnahmeerscheinung auf israelischer wie auf palästinensischer Seite. Ein Nachruf von Stephanie Doetzer

Juliano Mer-Khamis; Foto: privat
Posthum wird Mer-Khamis als Friedensaktivist dargestellt, doch selbst im israelischen Friedenslager war er ein Außenseiter. Oder genauer: Er gehörte nicht dazu. Zu sehr rüttelte er an den Grundfesten des israelischen Staates, schreibt Doetzer.

​​Es war bei der Beerdigung eines Freundes. Juliano Mer-Khamis las ein Gedicht von Mahmut Darwish für den Toten und wurde in den Augen der israelischen Gesellschaft zum Abtrünnigen. Sein Freund war nicht irgendwer, sondern ein Selbstmordattentäter.

"Von 28 Attentätern aus Jenin kannte ich acht persönlich und er war ein alter Bekannter. Dass ich ein Gedicht für einen Selbstmordattentäter lese, das war das Ende meiner Karriere in Israel. Mit keinem Wort habe ich das Attentat unterstützt, ich rechtfertige keine Gewalt, gegen niemanden – aber ich verstehe, wo sie herkommt. Das ist ein großer Unterschied", erzählt Mer-Khamis bei unserem ersten Treffen.

Gewalt und ihre Ursachen, Freiheit und ihre Voraussetzungen, das waren die Lebensthemen des Regisseurs und Schauspielers. Suchen musste er sie nicht, wahrscheinlich waren sie unausweichlich. Mer-Khamis wurde so sehr mitten in den Nahostkonflikt hineingeboren wie kaum ein zweiter: Sohn einer israelischen Jüdin und eines palästinensischen Christen, der Vater Kommunist, die Mutter Friedensaktivistin.

Beide landen für ihr politisches Engagement zeitweise im Gefängnis, ziehen mit dem Sohn nach Russland und in die damalige DDR. "In Moskau war ich ein dreckiger Jude, in Israel ein dreckiger Araber" - so lautet Mer-Khamis' lakonische Zusammenfassung seiner Kindheitserfahrung.

Die Identitätsfrage beantwortet er sich im Leben mehrmals neu, um letztlich bei einem Statement zu landen, das er zu seinem Mantra macht: "Ich bin 100 Prozent Palästinenser und 100 Prozent Jude." Also alles ganz? Wer ihn trifft bekommt den Eindruck: Mer-Khamis gehört zu gar keiner Gruppe. Er ist einfach er, ein Einzelner in einem Kontext, in dem das nicht sein darf.

Theater als Freiraum

Juliano Mer-Khamis; Foto: Avi Levin
Die letzten Jahre seines Lebens war Juliano Mer-Khamis massiven Anfeindungen ausgesetzt. Erst nach seinem Tod will ihn plötzlich jeder schon immer geschätzt haben. Von den meisten Nachrufen auf seine Person wäre er nicht begeistert, meint Stephanie Doetzer, die Mer-Khamis mehrfach getroffen hat..

​​ In den 1980er Jahren gründet seine Mutter Arna ein Theaterprojekt für Kinder in Jenin, er hilft mit, begleitet die Proben mit der Kamera. Nach dem Tod der Mutter 1995 zieht Mer-Khamis sich zurück. Doch als ihn die Nachricht vom Selbstmordattentat eines der früheren Theaterkinder erreicht, ist für ihn die Zeit gekommen, nach Jenin zurückzukehren.

2006 gründet er das "Freedom Theatre" und schafft damit einen Raum, wie er in Jenin einzigartig ist: "Ich möchte den Kindern von Jenin einen Ort ermöglichen, wo sie frei sind. Frei vom prügelnden Vater, frei vom prügelnden Soldaten, frei von der Unterdrückung um sie herum. Ich möchte ihnen ein Stück Normalität geben. Die Kinder haben so viele Angehörige verloren, dass sie emotional wie tot sind. Beim Theaterspielen können sie lernen, wieder etwas zu spüren."

Aus dem alten Filmmaterial wird sein Dokumentarfilm "Arna's Children" – vielleicht der berührenste Film, der bisher über die israelische Besatzung der Westbank gedreht wurde. Wenn ihn Film- und Theateraufführungen nach Deutschland führen, ist sein Anliegen klar: "Ich will Menschen bewegen. Ich möchte, dass sie aufwachen. Vor allem die Deutschen. Sie trauen sich nicht, anzuschauen, was in Palästina passiert. Und ihr Schweigen macht möglich, dass es immer weiter geht."

Szene eines Bühnenstücks des Freedom Theatres; Foto: DW
Im Visier der Extremisten: Auf das Friedenstheater in Jenin verübten im Jahr 2009 Unbekannte zwei Brandanschläge. Wegen der Spielpläne gab es auch später immer wieder Drohungen.

​​Er sagt diese Sätze mit einem Akzent, der manchmal hebräisch, manchmal arabisch klingt. Vor allem deutlich. Seine Gestalt, seine Gesten haben etwas aufrüttelndes, eindringliches. "Meine Tochter ist fast bei einem Selbstmordanschlag in Haifa ums Leben gekommen. Ich weiß, was das bedeutet. Aber ich kannte auch die junge Frau, die sich in dem Restaurant in die Luft gesprengt hat. Ihr Bruder und ihr Verlobter wurden von der israelischen Armee erschossen, auch sie ist ein Produkt der Besatzung. Für die Mehrheit der Israelis bin ich damit ein Verrückter."

Außenseiter im Friedenscamp

Posthum wird Mer-Khamis als Friedensaktivist dargestellt, doch selbst im israelischen Friedenslager war er ein Außenseiter. Oder genauer: Er gehörte nicht dazu. Zu sehr rüttelte er an den Grundfesten des israelischen Staates. Er spricht von ethnischen Säuberungen in Palästina, hält die Zweistaatenlösung für eine Farce und tritt ein für einen gemeinsamen, bi-nationalen Staat. Er wird beschimpft – und noch häufiger totgeschwiegen. Die mediale Aufmerksamkeit, die ihm nach seinem gewaltsamen Tod zu Teil wird, blieb zu Lebzeiten in den meisten Medien aus. Auch in Israel.

"Ich darf als Schauspieler unterhalten, aber meine Gedanken will man nicht hören. Das geht nur, solange man sich in bestimmten Grenzen bewegt, sobald man die in Frage stellt, bekommt man keine Plattform mehr. Meine Arbeit wird als Feigenblatt benutzt, um im Ausland zu demonstrieren wie demokratisch Israel ist. Andere kulturelle Einrichtungen in der Westbank werden zerstört. Nur unser Theater rührt man nicht an, weil dort Juden arbeiten."

Salam Fajad; Foto: AP
Auch der amtierende palästinensische Ministerpräsident Salam Fajad verurteilte den Anschlag und verlangte von der Polizei eine schnelle Aufklärung.

​​Doch nicht nur seine Theaterarbeit, auch sein Tod wird teils in einen Zusammenhang gerückt in dem er ihn wohl nicht sehen möchte. Der Mord gilt manchen als Beweis für die Richtigkeit anti-palästinensischer Stimmungsmache: Mer-Khamis sei schließlich ein weiterer Israeli, der von Palästinensern erschossen wurde.

"Sie töten sogar ihre Freunde – das sollte sich der Rest der Palästina-Freunde merken", schreibt ein Leser der Jerusalem Post. Und ein anderer Kommentator fügt hinzu: "Wenn ein Zoodirektor sich mit den wilden Tieren einlässt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn er irgendwann zerfetzt wird."

Vereinnahmung oder Anfeindung

Die Mehrheit der Stimmen klingt freundlicher, mitleidsvoll, damit aber auch vereinnahmender. Ihm, der sich sein Leben lang gegen Identitätszuschreibungen gewehrt hat, wird jetzt ein Label übergestülpt: "israelischer Theaterregisseur" heißt er in den meisten Zeitungen – doch genau das wollte er nicht sein.

"Ich bin nicht der gute Jude, der sich für die Araber einsetzt" lautet eines seiner fast trotzigen Zitate. Er sei palästinensischer Jude oder jüdischer Palästinenser, wie auch immer. Wurde er ermordet, weil diese Kombination heute nicht möglich ist? Oder weil er die Möglichkeit vorgelebt hat?

Sicher ist: Sowenig die israelische Mehrheit von ihm hören wollte, sowenig konnten konservative palästinensische Kreise seine Präsenz ertragen. Mer-Khamis galt ihnen als gottloser Liberaler, trotz der Unterstützung, die ihm auch von Hamas-Vertretern entgegengebracht wurde – doch Hamas zählt in Jenin nicht mehr zu den Radikalen, längst gibt es andere Stimmen, deren Ideologie die Hardliner von einst recht moderat erscheinen lassen.

"Manche haben ein Problem damit, dass Mädchen und Jungen im Theater gemeinsam spielen. Theater hat einen schlechten Ruf in Palästina. Schauspielerin sein, das kommt für manche der Prostitution gleich. Aber die meisten Leute nehmen das Theater nicht ernst, für sie sind das nur Kinderspielchen", meinte Mer-Khamis.

Doch die Extremisten müssen das Theater mehr als ernst genommen haben. Vor zwei Jahren werden Flugblätter verteilt, auf denen Mer-Khamis als "fünfte Kolonne Israels" bezeichnet wird. Morddrohungen und zwei Brandanschläge folgen. Als sich die Situation im April 2009 zuspitzt, schickt Mer-Khamis eine E-Mail an Freunde und Bekannte, ruft zu Solidarität auf und bittet die palästinensischen Sicherheitskräfte um besseren Schutz. Darunter steht ein Zitat von Martin Luther King: "In the end, we will remember not the words of our enemies, but the silence of our friends."

Was jetzt aus dem Theater und seinen Schauspielschülern wird ist offen. Ihre Entschlossenheit steht auf einem Transparent vor dem Theater: "Juliano, wir deine Kinder, wir gehen deinen Weg weiter." Auch in Ramallah kamen Hunderte zu einem Trauermarsch zusammen, auf den Plakaten der Satz: "Deine Stimme lässt sich nicht durch Kugeln mundtot machen."

Dennoch ahnt jeder: Es brechen in Jenin schwierige Zeiten an, schwieriger noch als sie nach dem Tod seiner Mutter Arna waren. Doch vielleicht gilt dann auch umso mehr, wovon Mer-Khamis damals überzeugt war: "Die Hoffnung lebt in Jenin weiter. Vielleicht hat gerade Arnas Tod sie zum Leben erweckt, weil sie sie in die Herzen der Menschen eingeprägt hat. Manchmal ist ein Toter mächtiger als ein Lebender."

Stephanie Doetzer

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.